Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 37 (1920)
- Issue
- 7 (20.2.1920)
- Date
- 1920-02-20
- Page
- Seite 94 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 94 Oh Bfocfftj WffcfiBnscRrifk " m 7 Der amerikanische Finanzmahn antwortete nicht s'ofort, sondern lächelte fein und fragte dann, ob die Herren und Damen die 'Geschichte von dem armen Juden in Amerika und dem Iren kennten. Außer Sir Stuart Samuel kannte sie niemand von uns, und so erzählte sie uns der Amerikaner. Auf einer Straße irgendwo in Amerika stand eines Tages ein schrecklich unglücklicher Jude und bettelte. Der Mann hat e zwei veikürppelte Arme, war halb blind, lahm und hatte eine komplette Kollektion Hautkrankhei en, mit einem Mort, er war ein trauriges Exemplar Mensch. Ein Ire — Iren hatten damals in Amerika den Ruf, große Judenfeinde zu sein — ging vorbei, besah sich den Juden genau und schenkte ihm fünf Gents. Der Jude dankte, der Ire ging weiter,1 blieb nach einigen*‘Schritten stehen, schaute noch einmal den Juden an, kam zurück und gab ihm 50 Cents. Der Jude dankte noch inniger, der Ire schritt wieder weiter, kehrte aber nochmals um, nahm den Juden neuerlich scharf ins Auge und drückte ihmeine Fünfdollarnote in die Hand. {Der Jude wußte nicht mehr, was er sagen sollte vor Freude und Dankbarkeit. Man lachte und ließ alle Proteste gegen die Wohltätigkeit der Amerikaner zugunsten der Feinde der Polen und Juden fallen. Und als ich später den Amerikaner sprach, kam er noch einmal darauf zurück. (Wenn es eine Gerechtigkeit auf der Weit gebe, dann Jzeige sie sich am sichersten in dem Schicksal dieser russischen Größen, die früher in prächtigen Schlitten durch die Straßen jagten und Polen wie Juden knechteten oder, noch Aergeres taten' und die jetzt (an Holztischen in einer Art Volksküche für ein paar Mark Essen bekommen von den Juden, die sie früher getreten und erniedrigt haben. „Streichst du deinen Shylock —- streich ich meinen Macbeth.“ > nicht so abstoßend, wie diejenige des Barabas' iß Marlowes „Jude von Malta“. Charles Lamb habe in seiner vergleichenden Studie über diese beiden Judengestalten die folgenden wesentlichen Unterschiede festgestellt:' „Shylock bleibt trotz aller wilden Pläne ein Mensch. Seine Worte haben Kraft, sind von Höbe und haben menschliche Töne. Barabas hingegen"' sei ein einfaches Monstrum. Zieht man die .Vorurteile jener Zeit in Betracht, in. welcher das Drama des1 „Kaufmanns von Venedig“ sich abspielt, so muß man' zugeben, daß das Genie Shakespeares den Shylockvor Uebertreibungen bewahrt bat.“ Josef Galtier bat sicherlich recht, soweit er die Frage kritisch und . literar-historisch behandelt. Er übersieht nur eines: „Der Beschluß Newark ist nicht durch eine Heberempfindlichkeit der Juden' und auch' nicht dadurch zustande gekommen, daß die Juden sich durch Shakespeare verletzt fühlen. Sie wissen, daß, Shylock ebensowenig der Typus des Juden im allgemeinen ist, wie Macbeth das schottische Volk darstellt. Die Juden sind durch die Auslegung verletzt, i die gewissenlose Hetzer der Shylockfigur geben, und l durch den Mißbrauch, den von geschäftsmäßigen vJul denhassern bezahlte Jugendbildner einerseits mit einem' j dichterischen Kunstwerk, andererseits mit der ihnen;! anvertrauten Kinderseele tieiben. So wird auch ein | klassisches Kunstwerk, — und das ist, nebenbei ge-, ' sagt, der „Kaufmann von. Venedig“ gar nicht — zur! öffentlichen Gefahr. Das hat der Erziehungsrat von; j Newark im Staate New Jersey tatsächlich erfahren 1 und daraus die Konsequenzen gezogen. I —- . _; /.L. j Korrespondenzen. I Der Kampf um die Wiener Kultus- Zwei sogenannte Shakespeare-Affären' erregen jetzt die amerikanischen Gemüter. Mitte Dezember hatte der Erziehungsrat von Newark im Staate New- Jersey den Beschluß, gefaßt, Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ vom Lehrplan der Schulen zu streichen, mit der Begründung, daß. die Rolle des Shylock die jüdische Rasse verletze. Eine Woche später beschloß nun die Liga der schottischen Veteranen in Newyork nach langen Beratungen eine Resolution, in welcher gefordert wird, die Shakespeare-Tragödie „Macbeth“ gleichfalls vom Lehrplan aller amerikanischen-Schulen zu streichen.. Die braven Schotten von Newyork wünschen nicht, daß in der Person des1 Macbeth alle Schotten in den Augen der studierenden Jugend als Mörder und Verräter erscheinen. „Wir sind der Meinung,“ so schließt die Resolution, „daß, wenn die amerikanischen Erziehungsräte den jüdischen Kaftan reinwaschen, sie die Pflicht haben, auch den schottischen „Kilt“ (der schottische Kittel) blank zu erhalten.“ Josef Galtier, der diese zwei seltsamen Beschlüsse im Pariser „Temps“ bespricht, befürwortet Wit Recht, daß wenn die Rassenempfindsamkeit in dieser Richtung weiterschreitet, es um Dichtung und besonders um das historische Drama bald geschehen sein und daß keine Bibliothek mehr vor solcher Sensibilität sicher sein werde, GaLier beruhigt nebenbei die Schotten sowohl wie die Juden, daß der uns'.erbliche englische Dichter nicht daran gedacht habe, in Shylock die Juden und in Macbeth die Schotten im allgemeinen zu treffen und zu charakterisieren. Nebenbei gesagt, sei di,e Figur des Shylock bei weitem (Eine kurze Replik.) ';; Von Dr. Heinrich Schreiber. Wien, 16/fFebruar 1920. Man darf nicht immer schweigen, damit es nicht heiße, als ob jene, die immer reden, auch Recht haben.', Freilich, zu reden wird sich ja noch Gelegenheit genug bieten, sobald die Zeiten hiefür gekommen sein, der „Kampf um die Wiener Kultus'- gemeinde“ anheben wird. Allein einige Zeilen kann' ich mir nicht versagen, um einigen Aussprüchen-und Ausfällen entgegenzutreten; die mir dieser Tage zu Ohren gekommen sind, sei es auch nur, tun , sie silhouettenhaft festzuhalten und anzunageln. Da veröffentlicht das Organ der jüdisch-nationalen Partei — die „Wiener Morgenzeitung“ vom’ 15. Februar 1920 — einen Leitartikel unter dem obgenannten Titel aus der wie immer strammen Feder des Herrn Dr. Jakob Ehrlich,. Gemeinderats’ der Stadt Wien. Der Verfasser ist nicht nur Gemeinderat der Stadt Wien, sondern auch Vorsteher der Wiener Kultusgemeinde. Wenn er dies verschweigt, so geschieht dies gewiß: nicht, weil er diese Würde hinter jene zurücksetzt, sondern unverkennbar in wohlerwogener Absicht. Er schreibt und urteilt über die Verhältnisse der Kultusgemeinde ' mehr wie ein Gemeinderat, denn als Kultusrat; er reitet und tummelt das! Rößlein der hohen Politik und springt mit einem gewaltigen Salto über die niedere Barriere, die die Kultusgemeinde seinem Elan, entgegensetzt uact entgegensetzen, kann..; . ,l.i\ . ,