Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 37 (1920)
- Issue
- 3 (16.1.1920)
- Date
- 1920-01-16
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 36 Dr. BLOÖH'S -W .... ' _ ■ . . : S - ■ als .ein Akzidens, als ein winzjger-Komponenfc eingegliedert ist» Naiv dürfte Dir dann meine Auffassung von der teleologischen Bedeutung, des Geistes vorkom-L men, der ja bei der verhältnismäßig kurzen Zeit seines bisherigen Auftretens; den Jahrbillionen. der materiellen Existenz gegenüber — 24 bewilligt Lord Kelvyn allein der Existenz des Lebens 1 — geradezu-als ephemer erscheinen muß. Und daß das von mir als „Leben schützend" angeführte Gesetz vom Gefrieren des Wassers doch andererseits eine Zerstörung ganzer Welten herbeigeführt hat, spricht Deiner»An- . sieht nach gleichfalls gegen mich, der ich selbst in den Wirkungen des .Bhtzstrahles Zweck und Absicht erblicke, weil für mich die Zwecksetzung nicht erst beim Menschen beginnt. Es bestätigt sich eben auch hier die alte Erfahrung: wie einer ist, eine solche Philosophie macht er» James teilt mit Recht die Menschen in zwei Kategorien ein: in die zärtfühlendjein und in die grobkörnigen. Zu den ersteren genöien die Idealisten, Optimisten, Anhänger der Willensfreiheit, Religiösen usw.; zu den letzteren die Materialisten, Pessimisten, ' Fatalisten, Irreligiösen ^ete. Und über Temperamente läßt sich nicht streiten. Eines1 wird das andere] nicht überzeugen. Sie reden aneinander vorbei. Jedes Wort hat bei jedem von beiden einen grundverschiedenen, psychisch bedingten Sinn. ,; Auch ich bekenne mich zum) Glauben an die Einheitlichkeit alles' Seins. Und selbst gesetzt den Fall, daß eines Tages noch engere Verbindungen zwischen der anorganischen und der organischen Welt zutage treten sollten, als sie gegenwärtig im Ammoniak und" Schwefelwasserstoff, in den Pilzen und den flüssigen Kristallen vorliegen, so würde darin doch kein: prinzipieller Widerspruch gegen die biblische Schöpfungsgeschichte zu finden sein. Nur für den Menschen wäre mit dieser ein Reservatrecht geltend zu machen. Von jenem Fall sind wir aber, wie es scheint, noch1 recht weit entfernt. Selbst den flüssigen Kristallen fehlen w e s e n 11 i c he Eigenschaften des L e b e n s1, gleichviel wie man' dieses definieren will. Noch sind; sich die Naturforscher selbst über die Möglichkeit eines Ueberganges vom Anorganischen zum Orga-v nischen, geschweige über seine Art nicht im' entferntesten einig. So viel Köpfe, so viel Hypothesen über die Entstehung des Lebens. Das Einfachste ist, mit Richter zu erklären: das Leben war von allem Anfang an da. Pf lüger sieht den Begann des Lebens im Cyan, Alten im .Stickstoff. Preyer denkt sich die Erde schon * ursprünglich als' organisches' Wesen, das die anorganische Substanz ausgeschieden habe; nach Häckel .geht, wie - erwähnt; die Entwicklung von der-Monere aus, während Reinke ohne Scheu behauptet, „das-Leben auf der Erde verdanke seinen Ursprung der schöpferischen Tätigkeit einer kosmischen Intelligenz", ja selbst bekennt, daß dieser Begriffe sich innig mit dem berührt,-was der Glaube als „Gott" bezeichnet. In diesem' Sinne sich zur Einheitlichkeit alles Seins -zu bekennen, braucht man sich also selbst vor der Naturwissenschaft nicht zu schämen. Ich tue es aber als Idealist, d. h. ich erschauere nicht, wie Häcke 1-es will, in Ehrfurcht• vor dem Urtierchen, wenn ein solches vorhanden, sondern vor dem großen Geist, der in freier Willensäußerung die Welt einheitlich geschaffen hat. Wer diesen-Gott nicht in sich trägt, der .wird.-ihnauch nicht draußen suchen. 3iWenn ihr's.möht fühlt!" TSchluß ,folgt:)--4 ffr. $ < Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. Der polnische Landtag hat mit aüen Stimmen^ gegen die aer jüdischen Angeordneten die Sonntagsrune in Mandel und Gewerbe beschlossen. Diese kurze. Nacüricht ist eine Hiobspost über das Schicksal von Millionen Juden. Denn "man weiß ganz gut, daß die, zahllosen judischen Handels- und Gewerbsleute in Polen-aus Gründen der religiösen Ueberzeugung die Sabbatrahe einnaiten. Wenn sie nun gezwungen werden, auch am Sonntag zu leiern, so verlieren sie die beiden Tage, an welcnen das Landvolk seine Einkäuie besorgt, sie verlieren den Umsatz an einem Gescnäxtstag überhaupt und müssen daher von selbst gegenüber dem christlichen Wettbewerb, ins Hinter T. treuen geraten. \ . v ) Wir haben es! also hier mit der praktischen Betätigung des wirts'chaitlichen Antisemitismus' zu tun, an weichem der polnische Haß schon seit vielen, Jahren arbeitet und welchem die Juden ihre - stets1 wachsende Armut jsu verdanken haben. Die "'Gründung christlicher Kons um vereine, Einkaufs- und VerkauiSgenossenschaften aller Art, der Zunftzwang; für das Gewerbe sind .böigen dieses1 [wirtschaitlicheii Boykotts aus dem Frieden. Nun zeigen die Polen den Juden auch nach dem! -Krieg, daß' sie im Judenhaß nichts) gelernt und .nichts vergessen haben, daß sie aus' ihrem Land einen Kerker des Elends! für die Juden machen wollen, umi sich dann heftig, über diese zu beklagen, wenn sie notgedrungen ihren nackten Lebensunterhalt auf Nelfenw^en suchen,.da ihnen di£ Haüptwege' tückisch verrammelt werden. Sonntagsruhe heißt für die Juden in Polen wirtschaftliche Vernichtung oder ein religiöser. Zwang, [wie er jrh1 Mittelalter angewendet (wurde. Es: ist ganzklar, daß von den :drei Millionen Juden in Polen sicherlich zwei Drittel gesetzestreu sind und eher körperjich zugrunde gehen werden, als den Samstag zum! Arbeitstagi—zu machen. Das1 Bewußtsein dieser Tatsache hat den polnischen Landtag bei seinen Beschlüssen nicht imi mindesten aufgehalten, welche einhellig gefaßt werden.. Es steht also fest, daß ©ich sämtliche politischen Parteien^.im! Haß gegen die Juden vereinigen und ihre Vernichtung wollen. Vielleicht hätte siejb; doch noch eine oxler die andere Stimme der Gerechtigkeit im Landtag für die Juden erhöben. „Aber der antisemitische Terror war so groß," berichten die jüdischen Abgeordneten, ihren' Wählern, „daß sich niemand jm1, Landtag gefunden hat, r der" sich für die, gerechten Forderungen der Juden eingesetzt h'ä,tte." Natürlich hat es .nicht an Gegenwehr gefehlt.. Die Rabbiner, die jüdischen, Gemeinden und Berufsvereinigungen, . Vereine und vOrganisätiönen . aller Art haben schriftlichen und telegraphischeh Einspruch erhoben. Man hat jedoch ihren Aufschrei nicht beachtet, ist über das Lebensinteresse, der Juden ge-; wissenlo s zur .Tagesordnung übergegangen und. /hat dem Antisemitismus einen - schallenden Triumph .he-* reitet. Nicht um1 die Sonntagsruhe handelt es sich1, wie die jüdischen Abgeordneten in ihrem! Aufruf richtig sagen, sondern „unsere Widerstands1- , und unsere Lebenskraft sollen ^geschwächt werden, weil, es das Ziel des Landtags ist, die Städte-zu nationali-1 sieren, den Handel und damit auch das Reich von den* Juden zu;befreien". Man {will -also -die Juden zur Aus- - Wanderung zwingen. Wohin,, ist allerdings eine ebenso unlösbare Frage.;wiedie Möglichkeit und die -Kosten - des1 Transports^ Unter diesen Umständen muß sich i