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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1920-01-09 · 2 (9.1.1920) · p. Seite 25

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
37 (1920)
Issue
2 (9.1.1920)
Date
1920-01-09
Page
Seite 25 (sequence 9)
Language
German
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s*. a •r. .VL9GWS W«OTSNS€HRB?T. i»it> »* Ein Testament In Münoben ist vor einigen Tagen der Student Maximilian Spaeth als ein Opfer der antisemitischen Hetze gefallen.. Ein geselliger Verein in München stieß die Juden aus der Mitgliedschaft heraus, darunter, audh: Spaeth, der kurz vorher Ehrenmitglied des Vereins geworden war und nun von. seinen bisherigen .Freunden preisgegeben wurde. Bemerkt sei noch, daß Spaeth im! Jahre 1914 als1 Kriegsfreiwilliger eingetreten war. Auszeichnungen wegen tapferen Verhaltens vor dem1 Feinde besaß, und sich in diesem Jahre wieder freiwillig gemeldet hatte, um als Zugsführer in der Brigade Lettow-Vorbeck an der Befreiung Münchens mitzuwirken. Dieser Mann war plötzlich kein „gleichberechtigter Deutscher" mehr! Schon vor seiner (Ausschließung aus dem} Verein waren Spaeth' schwere Kränkungen nicht erspart geblieben. Die letzte brachte ihn zur Verzweiflung: er griff zur Waffe. Die „Münchner Neuesten Nachrichten" veröffentlichen Teile des Testaments^ das Spaeth am 1. Dezember schrieb. Es bezeugt/was »dieser deutsche Jude war, den fanatischer Rassenhaß aus dem1 Leben trieb. Hier ist es : „Teils die allgemeine traurige Erwägung, daß es einem innerlich! anständig 'denkenden, reinlich empfindenden Menschen unmöglich ist, in Gemeinschaft mit so aller 'Ehre baren Zeitgenossen die Luft des Tages zu atmen, teils der besondere Fall von Ungerechtigkeit und Ehrabschneiderei, den ein mir bis jetzt eng verbundener Kreis von Menschen konstatiert, zwingt mich!, allem Irdischen zu entsagen. Da es zurzeit für mich! keine Möglichkeit gibt, auf dem kavaliermäßigen Wege mit der "Waffe in der Hand meine niedergetretene, vor allen Freunden bloßgestellte Ehre zu reinigen, da militärisch'erseits die Ehrengerichte nicht mehr existieren, akademische Korporationen mir als Juden nicht 'Waffenschutz geben, kurzweg mir das Hecht der Satisfaktion nicht zugebilligt wird, wird jeder anständige Mensch es für begreiflich: finden und mich nicht "für irrsinnig erklären, wenn ich! den einzigen Weg nehmender mir offen steht. Zum1 Verbrecher will ich nicht werden, niedriger Rachsucht will ich nicht nachgeben. Es ist mein glühendster Wunsch', den Ich mit ins Grab nehmen will, daß Deutschland und sein armes verblendetes Volk seines Tages frei von allen Binden, die ihm' jetzt die Sehkraft seiner Äugen verhüllen, aufs neue und für immer zu Macht und Blüte gelangen jnöge, besser an Art wie die vergangene, unvergänglich' an Dauer und Wert.4' Die ganze „Frohe Garde" war sicherlich1 nicht wert, daß ihrethalben ein junges, hoffnungsvolles Menschenleben freiwillig aus der Welt scheide. Daß aber ein Jude mit seinem! freiwillig gewählten Tode gegen die antisemitische Kulturschmach! protestiert, dieses Moment sollte allen Leuten, die mit der Judenhetze liebäugeln, zu deuten geben. Hat sich einer von all den brutalen Hepp-hepp -Hetzern je einmal mit dem Gedanken befaßt, welche entsetzlichen seelischen Leiden die Juden Erdulden, die es nicht über sich bringen, die Beschimpfungen, denen' sie täglich ausgesetzt sind, jzu erwidern? —.' Von unserem jüdischen Standpunkte aus können wir die Terzweiflungstat niemals rechtfertigen. Der Selbstmord widerspricht nicht nur den Geboten der jüdischen Religion, sondern er ist in derartigen Situationen auch unvereinbar mit dem' politischen Pflichtgefühl!. Dieses -verlangt, daß wir niemals die Flinte in das Korn werfen, niemals aufhören, zu kämpfen, solange wir unter der Sonne Gottes atmen, für unser Recht, und gegen die Anschläge unserer Feinde. Graf Westarp, der Unbetriebsame. Der deutschnationale Führer Graf W e s t a r p wird fortan wie die realrtioniare „Kimtzzeitiing" ankündigt, '. diesem Blatte seine gesagte . IsgraiUc^ Tj^%Seait wMmen. Der neue Redakteur tummelt daria 'bereite da« antisemitische Roß, indem er den Juden die „Betriebe samkeit" zum Vorwurf macht, die sie im ^ktschaftliehen wie im; geistigen Leben entwickeln, und jam> mert, daß 'dadurch zuviel jüdische „Persönhcßfcei* ten" (I) zur politischen Vorherrschaft gelangen. ' — Dazu bemerkt der sozialdemokratische „Vorwärts*- treffend: „Während des Krieges 1914/18 hatte der „Rechtsritter des Johanniterordens" Graf Kuno Fried* rieh Viktor v. Westarp einen sehr hohen Posten beim Roten Kreuz inne. Mit dem war unendlich viel schwierige und sehr verantwortliche Arbeit verbunden. Wer schmiß die? Etwa der Graf v. Westarp? Nein, der Jude Lehmann, der so schuftete, daftfor den bedauernswerten Grafen nicht viel mehr übrig blieb als Unterschriftsleistung. Und natürlich der Ruhm, die Ehre usw. Bieder mit der iüdischen ^Betriebsamkeit!" Zum 100. Geburtstage Theodor Fontanes. Theodor Fontane, dessen hundertsten Geburtstag die deutsche literarische Welt am 30. Dezember 1919 gefeiert hat, ist ein klassisches* Beispiel dafür, mit welcher Gleichgültigkeit gewisse Kreiöe dies* deutschen Adels dem' geistigen Schaffen' gegenüberstehen. Fontane war der Dichter des märkischen Adels, den er in seinen Werken mit Bewunderung und Verehrung als die Verkörperung alles! Schönen und' Edlen darstellte. Aber sein jahrzehntelanges Werbe« um das Verständnis1 des von ihnr so bewunderten Adels* war fruchtlos geblieben und er hat schwer gelitten unter der unerschütterlichen Gleichgültigkeit dieser ihm mit wenigen Ausnahmleni teilnahmslos gegenüberstehenden Kreise. Dagegen sah er mit freudigem Erstaunen, welchen starken Widerhall seine Werke in der breiten Schicht eines gebildeten' jüdischen Publikum!» gefunden hatten; er sah sich1 verstanden, geliebt und nahm dankbar den langersehnten Erfolg an. Fontane ging es, wie Wally Hamburger-, in einem „Fontane und die Juden" betitelten Aufsatz treffend bemerkt, in seinen Beziehungen zum Judentum wie seiner Lene in dem! Roman „Irrungen, Wirrungen'*: den Adeligen liebte sie, der Kleinbürger führte sie heim:. Deutsche Künstler schaffen Werke für die Tribüne eines hohen Adels und eines verehrEchen deutschvölkischen Publikums', aber die diesem bereitgehaltenen PlatzTeiheü bleiben leer. Wenn dann der bildungsfrohe Jude dem Dichter Liebe und Verehrung entgegenbringt, dann konstatieren diese durchaus Teilnahmslosen den' völligen Mangel an Zurückhaltung in „gewissen Kreisen". — Der Dichter Fontane, der Bewunderer des Adels, war in seinem Privatleben ein klarblickender, vorurteilsfreier Mann. Als er im Mai 1870 nach langem' inneren Kampf sich entschließt, die Stellung in der Redaktion der „Kreuzzeitung4* aufzugeben, begründet er diesen für die Finanzen eines Familienvaters.bedeutungsvollen Schritt im1 Briefe an seine Frau mit folgenden' Worten: JEs> ist gemein, beständig große Redensarten zu machen, beständig Christentum' und Bibelsprüche im Munde zu fuhren und nie eine gebotene Rücksicht zu üben, die allerdings von Juden und Industriellen, von allen denen, die in unseren biederen Spalten beständig bekämpft werden, oftmals und reichlich geübt Jsvird." Theodor Fontane stand mit vielen Juden in personlichem! Verkehr und mit manchen von ihnen, so u. a. mit Prof. Moritz Lazarus, verband ihn langjänrige Freundschaft.

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