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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-12-19 · 48 (19.12.1919) · p. Seite 674

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
48 (19.12.1919)
Date
1919-12-19
Page
Seite 674 (sequence 6)
Language
German
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Seite 770 Dr. BL'OCHS WOCHENSCHRIFT.. Nt. 48 idle im Lande wahrnehmbare antisetaitisehe Strömung sein. wird. Wenn das Judentum nicht bestrebt sein wird, der freien Entwicklung der cbrisüicbnationalen. Politik Hetnfanisse in den Weg Lu legen, dann wird alles glatt ablaufen. Dies bedeutet nicht, daß nicht auch Juden ganz frei von ihrem1 Wahlrechte Gebrauch machen dürften. Ich denke bloß daran, daß sie nicht mit unerlaubten Mitteln einen Einfluß auf die Wahlen ausüben biogen.“ Redakteur Szabolüsi erwiderte hierauf, daß das Judentum die. Wahlöl niemals mit unerlaubten Mitteln beeinflußt habe und dies sicherlich' auch jetzt nicht tun werde. Wohl aber müsse dieses Judentum den maßlosen Plakaten-" und Broschüxenkampf, der gegen uns entfacht wird und uns in unserer Menschenwürde, in unserer staatsbürgerlichen Ehre und in unseren patriotischen Gefühlen aufs tiefste verletzt, als unerlaubtes Mittel betrachten, das gegen Gesetz und Ordnung verstößt. . ' Aussprache zwischen Juden und Christen.; : Berlin. Der „Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands" - hat kürzlich eine Aussprache zwisehen Juden und Christen verahstaltet, an der viele bedeutende jüdische und christhohe Gelehrte und Politiker teilgenom{men haben,- Die Versammlung hatte den Zweck, im Wege einer Aussprache eine Klärung der Lage herbeizuführen und, wenn möglich, eine jüdisch’- christliche Einheitsfront gegen den Antisemitismus zu schaffen* ■ Dein einleitenden Vortrag hielt der bekannte Schriftsteller und Ethiker Dr. Johannes Müller. Er führte u. a. folgendes aus1: - „Die jüdische Frage steht heute im Brennpunkt des öffentlichen Interesses. Die Stärke der antisemitischen Welle, welche die Großstädte überflutet, Ist erschreckend und vernichtungdrohend. Sie ist eine Krankheitserscheinung des deutschen Volkes, ein Schwächezeidlfen, das Keine Nation mit starkem nationalen Rückgrat kennt. Der Antisemitismus ist eine unsittliche Bewegung, aber die Politik unserer Tage hat sich überhaupt von allen sittlichen Forderungen entfernt. Deshalb ist es auch falsch, den Antisemiten mit sittlichen Grundsätzen bekämpfen zu wollen, ebenso töricht wäre es, die Ausgangspunkte des Antisemitismus negieren zu wollen oder ihn zu übersehen. Die antisemitische Verseuchung des deutschen Volkes ist die Folge einer vorhandenen Disposition. Weite Kreise des deutschen Volkes fühlen ■jsich ausgebeutet und schieben die Schuld den Juden zu, obwohl im Kriege auf beiden Seiten geschoben wurde. Auch in Oberbayem, das fast judenfrei ist,. haben ethische oder nationale Gesichtspunkte nie einen Deutschen abgehalten# ein gutes Geschäft zu machen. Die Tatsache muß immer wieder, betont werden. Eine Hauptschuld an der Vergiftung der Verhältnisse trägt die Presse, und die als „jüdisch“ bezeichneten Organe haben eich in der. Tat am deutschen Volke versündigt. Ferner liefert die jüdische Empfindlichkeit' dem Antisemitismus. ^wirksame. Waffen. Es ist verdächtig, daß die ganze Judenheit immer gegen das Unrecht Auftritt, das einem Einzelnen geschieht. Diese Solidarität muß Verdacht erwecken und kann sogar einen unbefangenen Deutschen zum' Antisemiten machen. Die wirksamste. Abwehrarbeit, die allein klare und erträgliche Verhältnisse schaffen kann, ist eine Berührung der Anständigen auf beiden Seiten. Die Christen kennen die , Juden gar picht. Wir wollen keine Vermengung durch Mischehen oder Uebertrittej sondern ein ehrliches Kennenlernen. Jeder soll festhalten an seiner überlieferten Art, jeder im eigenen Lager seine Eigenart pflegen. Wir dürfen die Rassengrenzen nicht - verwischen, das nützt weder dem Judentum, noch dem Deutschtum. Wir können uns nebeneinander sehen lassen. Beide Völker gehören zusammen, sind aufeinander angewiesen und durch, Wahlverwandtschaft verbunden. Wir wollen mit den Juden' eine Eim heitsfront -bilden gegen die Auswüchse des öffentlichen Lebens, wie sie sich In Presse, Handel und Wandel auf beiden Seiten zeigen. In dieser Arbeit wird der Antisemitismus überwunden werden.“ ' Dr. Paul N athan, der die Aussprache eröffnete, bemerkte, daß. die jüdische Empfindlichkeit, die Dr. Müller, bervorhebt, eine Abwehrreaktion auf die langen Leiden, der Juden ist. Eine Herabsetzung dieser Empfindlichkeit wird auch von den Juden erstrebt. Die Vorwürfe gegen die Presse biogen im allgemeinen berechtigt Sein, treffen aber die Juden nicht mehr als alle anderen Mitarbeiter derselben, da sieh' die gleichen Erscheinungen auch in allein denjenigen Ländern zeigen, in denen die Juden keine führende Rolle in der Presse haben. Hierauf eigriff Geb.-Rat D. Dr. Hermann. S t r a c k, Professor der evangelischen Theologie, einer der wenigen ebrisüreben Keniner des Judentums, das Wort Er sagte u. a. : i i,Der Antisemitismus droht zur Feuersbrunst zu werden, ■welche die Christlichen Kreise mehr-bedroht als die jüdischen. Gerade die Kreise, welche-über ein Ueberwiegen ..der Juden im öffentlichen Leben klagen, haben sich von allen - öffentlichen Ehrenämtern aus Bequemlichkeit zurückgehalten, so daß die Juden sie übernehmen mußten. .Die jüdische Uehereinpfindlichkeit, mit - der alle für. einen eintreten, zum Beispiel in Protestkomitees, wenn ein einzelner Judefälschlich des Bitualmordes beschuldigt wird, muß die christlichen Mitbürger abstoßen. .Gewiß hat das Kriegsgewinnlertum; sich nicht auf die Juden beschränkt, aber die berechtigtest Auswüchse sollten .von den. Juden,zugegeben Werden. Noch ist es zu früh für gemeinsames Schaffen, aber die, Arbeit deg. JSinzelnen muß schon jetzt einsetzen.“ . . Rabbiner Dr. Baeck betonte, 'daß der Antisemitis'müs keine Angelegenheit des - Judentums;, sondern! des Chtistentiim’s’ ist. In den. Jahrtausenden unserer Wanderungen haben-wir uns eine gewisse Gelassenheit eitworbem Wir haben Assyrien und Babylon, Hellas und Robo! überlebt und werden auch den . Antisemitismus' überdauern. Der~Haß gegen die Juden stammt aus der Unkenntnis1. Unsere Gesamtheit wehrt sieb, wenn demj einzelnein. ein Unrecht geschieht, nicht des einzelnen wegen, sondern weil -unser* Rechtsgefühl verletzt wird;. Wenn das Judentum1 begriffen sein wird, Werden die. Christen auch die Juden verstehen. Oberverwaltungsgerichtsrat Dr. W-eymlanh meint, wenn das Judentum1 Wirklich so Ware, wie. Rabbiner Dr. Baeck es schilderte, so gäbe es keine Judenfrage nnd keinen Antisemitismus. Dem jüdischen Geiste liegt aber die Wendung zum1 Radikalismus. Erst wenn es dem1 Judentum gelingt, diese von seinem Wege abgefallenen Bestandteile zu überwinden, kann von gemeinsamer Arbeit gesprochen werden. Professor Dr. Ludwig Stein sprach sich für den Versuch1 einer Einheitsfront aus’. Graf v. HoenSbröecb erklärte, daß er den Antisemitismus verabscheut. Die Judenfrage in1 Deutschland sei aßer keine religiöse, sondern eine, nationale Frage. Die Gegenüberstellung Juden und Christen ist falsch, sie hiüß lauten: Juden und Deutsche. Deutsche und Juden sind' verschiedenen VolkstumS. Beide Rassen müsSten Sich verstehen lernen. Wenn das gelingt, sö ist der Boden für gemeinsames Wirken gegeben. Dr. Cora.B erlin e r gibt zu, daß die heutige. Judenfrage nicht nur eine religiöse, sondern in wesentlichen Tollen eine Rasisen- und Ah-

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