Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 48 (19.12.1919)
- Date
- 1919-12-19
- Page
- Seite 672 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 768 tksfiEOGHS mmmmomm «r. 48 bergs und Tirols,. Es. kann auch keine Rede davon sein, jdaß in den genannten Ländern pme wirkliche Hungersnot herrscht. Der Innsbrucker Speisezettel ist im ganzen Staat bekannt und in allen Dörfern Tirols war nach den Berichten vieler Reisender kein Mangel zu verspüren. Die letzten Unruhen in Innsbruck scheinen darauf zurückzuführen zu sein, daß man in dieser frommen und fast judenreinen Stadt sin bißchen zu argen Schleichhandel getriebM hat. -Vor jdem Forum der Geschichte gibt es also, keine einzige, wirkliche Entschuldigung:-für das Vorgehen Vorarlbergs und Tirols.Sie haben nur das eine erwogen, Wo derzeit der größere .Vorteil zu gewinnen ist. Die Gründe finden sich immer rechtzeitig, wenn nur einmal der edle Zweck gefunden Wurde.. .Vorarlberg sehnte, sich nach der schönen Frankenwäbrungj Tirol narb, der Markwähr urig und das eben-, so fromme und moralisch hochstehende Salzburg.' wankt auch bereite und Wfil die Republik samt ihrer schnöden Valuta verlassen. Es geht eben pichte über deutsche Treue, christliche Ehrlichkeit und das Selbstbestimfmungsreoht in den Geldtaschen der Völker. Die Tarnopoler Moral aber ist eine ausschließliche Erfindung der Juden. Bei dein Prozeß gegen die . ungarischen Terroristen kommen die sonderbarsten Merkwürdigkeiten zutage. So z.. B. ist den Blättern verboten worden, über die Konfession und. den militärischen Char-. gengrad der Angeklagten zu berichten,. Das ist wunderlich in piner Zeit, in welcher, die. rüdeste antisemitische Hetze offen betrieben wird und auch die Minister daran teilnebinem Ist denn der Terroristenprozeh nicht eine Rache des Rechtes gegen die rein jüdischen ■ Bolschewisten? : Es Wäre für den erwachenden Ungarn Zehr erwünscht, Wenn es so wäre, aber leider stellt sich hier heraus^ daß nur die wenigsten der Angeklagten trotz umfassender Recherchen Juden sind undan den wirklich begangenen Verbrechen meistens nur Christen teilgenommen haben. Es stellt sich ferner heraus, daß «ich unter den Verurteilten sehr viele Offiziere befinden, daß .also dieser Stand* gar kein. Recht hat,, sich in antisemitischem' Zorn auf die Juden zu stürzen, weil diese angeblich so viele bolschewistische Greuel verübt haben* Die Sensation des1 Prozesses ist jedoch der Selbstmord des Untersuchungsrichters1 Dr. Kovacs:. Es gibt Blätter, welche behaupten,; daß es sich gar nicht um; einen Selbstmord, sondern um einen Mord handelt.' Dr. Kovacs war Vater mehrerer unversorgter Kinder und ein tadelloser Mann. W arumhat er also Hand an sich gelegt, warum . Wurde eine so maßlose Hetze gegen ihn betrieben, warum Wurde * er in den tiefsten Sumpf der Verleumdung gezogen? - Seine Unbestechlichkeit und seine Ehrlichkeit wurde ihm zum-Verhängnis^ man brauchte an seiner Stelle einen Mann, der weniger von der Wahrheit über den Mord an Tisza wußte, einen Mann, der ^schweigen oder lügen konnte, um nicht den ganzen christlichen Gedanken zu kompromittieren. Denn "der Schöpfer dieses Gedankens; der Vater der Idee, der Held seiner Schlachten, der frühere Ministerpräsident und jetzige Kriegsminister Friedrich wird beschuldigt, den Mord an Tisza veranlaßt zu haben. Man hat schon verschiedene haarsträubende Djnge über diesen; sehr geschickten Politiker erzählt, jder nach seinen eigenen Worten ausgezogen: ist, um’ den- Drachen der Korruption, des Bolschewismus, des Judentums! zu: töten uM fnit reinen Händen das ungarische Vaterland zu reinigen- Dieser Maschineningenieur. aus einem Vorort von'Budapest soll ,pändich auch noch anderes gekonnt habeny a.le epdie Konjuktur verlangtem war. ein eifriger Helfer Michael Karoljis und später der Bolschewisten und bekämpft daher seine eigene Vergangenheit. Wenn es-nach der vollkommenen Gerechtigkeit zuginge, müßte -Friedrich nicht auf einen; Ministerpösten^ pudern vor Gerichtgestellt worden,., Wenn die vor derganzen Oeffentfichkeit voigebrachte Beschuldigung, seines Parteigenossen- Hüttnerwahr ist, daß er die Ermördung Jiszas veranlaßt, hatA fiele Friedrich unter das Gesetz, das die Anstiftung zum’ Morde ebenso bestraft, wie den Mord selbst und würde sich nicht in einem'.Auto Wiegen, sondern, api Galgen, Ob es so ist upd wahrscheinlich, daß es so ist, hat der Untersuchungsrichter Dr. Kovacs gewußt und er hat den Tod gefunden — ob von eigener Hand oder vpn fremder, ist noch unentschieden. Sicher aber ist das eine, daß der Vorkämpfer des christlich-antisemitiscben Gedankens in Ungarn, der. erbitterte Feind -der Juden mit dem Verdacht des schrecklichsten Verbrechens' belastet, vor der Oeffehfclicbke.it dasteht und daß er picht das mindeste Recht darauf hat, irgend, jemanden wegen Dingen zu. verfolgen, die er selbst auch begangen hat. * . * Antisemitische Politiker aller Art haben schon, wieder , die aus den. Sude.tepländem und aus Polen vertriebenen Eisenbahner für ihre demagogischen Zwecke mißbraucht. Sie haben sie in der Volkshalle des Rathauses versammelt, und mit firnen eine wahrlich schon eintönige Tagesordnung mit anschließender Resolution durchgesprochen: Die Vertreibung, der. Östjuden aus Wien* Wie gerade die Eisenbahner diesen lächerlichen Blödsinn fortwährend aufwäMten können, ist einfach unerfindlich und ein schlechtes Zeugnis für ihre Intelligenz. Die, Behörden halben doch bereite die Ausweisung der LOstjuden unbeschadet . des zukünftigen Fremdenverkehres ausgesprochen. Die Betroffenen müssen sich den Vorschriften fügen und wollen, sich firnen" auch fügen, denn sie. haben Wien, schon satt, wo sie. fortwährend Beschimpfungen und Beleidigungen, ausgesetzt sind. Sie müssen nur fordern, daß sie den netwendigsten Teil ihres Hausrates' mitnehmen köhnen> weil dieser anderswo nicht zu beschaffen ist. Für Me Beförderung ihrer Person und ihrer Habe sind nun Passe, Bewilligungen und außerdem1 Züge notwendig*. Die Eisenbahner wissen nun Wohl selbst, Wie es jetzt mit. unseren Beförderungsmitteln, steht. Außerdem aber sollte den Eisenbahnern noch etwas zu Gemüte gehen. Sie beklagen sich mit Recht, daß sie durch rohe Gewalt; aus ihren Wohnsitzen vertrieben wurden und sich nun in der Fremde nicht zu helfen wissen.. Aber immerhin, sie Werden bezahlt und können sich versorgen* Was: aber ist mit den polnischen Juden geschehen? Auch sie .wurden aus ihren Wohnsitzen gewaltsam' durch den Krieg vertrieben, haben 'sich naturgemäß in die, Hauptstadt gewendet und niemand hat sie.bezahlt, sondern nur kümmerlich unterstützt. Die wenigen unter ihnen, welche sich gegen das Gesetz vergangen haben, mögen nach dem Gesetz persönlich verfolgt werden. Aber idie drückende Mehrheit der Juden sind Fixbesoldete,. Arbeiter, mittlere und arme Existenzen. Gegen dieses. verlangen nun> gerade die; Eisenbahner als Recht, was sie selbst ' - als' schweres - Unrecht empfinden.