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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-12-12 · 47 (12.12.1919) · p. Seite 663

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
47 (12.12.1919)
Date
1919-12-12
Page
Seite 663 (sequence 11)
Language
German
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Sötte 783 Ar. 47 »r. SßOCM’S WOCHENSCBlUFF Nächstenliebe galt, anÄ als JuiÄsn sehätzen und Hebern. >■ Der Schweiz schloß sich Dänemark und Holland an, letzteres1 in einer edlen, großzügigen Weise, die uns zu dankbarer Bewunderung hinreißen muß. Holland ist für uns stets'. das Land des! kühlen Klim!as und der kühlen Herzen, der schwer zu entflammenden, ruhigen Gemüter gewesen, denn solche Schlagworte, die sich so leicht an ein Land oder Volk knüpfen, wurzeln fest und beherrschen oft unsere ganze Auffassung. W»UI »Willi i ir uany.^ —rr****'^1*"* jl ■*«- *■*?«*-■* ■- Auch ich war von der gleichen Anschauung erfüllt, als ich! mit dem dritten Kindertransporte nach Holland fuhr, obwohl die bisherige Hilfe uns gezeigt hat, daß die Juden Hollands 'das Elend ihrer Brüder in Wien wohlverstanden hatten. Die Holländer sind überlegen, und zurückhaltend, nicht im' Sturme zu erobern, aber ihr jüdisches Gefühl ist tief und ehrlich, und. den Leidbeladenen zu helfen, ist bei allen begüterten. Juden überlieferte und geheiligte Famihentradition. ■ _ . - Üns Juden in ÖeutSdbÖsterreich ist viel von dem erspart gebliehen, was1 unsere Brüder im' Osten geduldet haben. Der Krieg hat unsere Fluren, Aecker . und Auen nicht verwüstet und Wir haben die armen, bedauernswerten Opfer des Krieges und der Pogroms gesehen ulnd ihr Leid mit ihnen gefühlt. Wir wußten auch, was Wir ihnen schulden. Durch fünf schwere Jahre des Krieges’ beimühten wir uns, ihnen ,zu helfen, soviel wir konnten, soweit unsere Kräfte es erlaubten. Aber die fortschreitende Not'und/die zunehmende Teuerung haben uns selbst zu Bettlern " gemacht.- Die Wiener Juden sind nun auch Bittende geworden und Wir müßten es' langsam lernen, un- _sere Glaubensgenossen iin1 Ausljande um Hilfe anzu- Bfiflehten. Bf Als wir das erste Mal im- Auslände baten und M von unserer Not erzählten, vom Leid der Kinder und f" vom Elend der Alten, die. langsam Hungers sterben, 3a war es uns, als müßten Wir um Hilfe rufen, für unsere., eigenen Kinder, als müßten wir betteln geben für unsere eigenen alten Eltern. Wir empfanden die brennende Scham' des verschämten Armen, der nicht hm1 des eigenen Lehens willen, aber um das Leben seiner Nächsten und Liebsten auf die ■Straße geht und zum1 Bettler wird. Aber wir sahen . die Schar blaSsür Kinder hinter uns und wußten, daß jedes davon, welches Wir dieser Hölle von Not und Entbehrung entreißen, ein gerettetes, Menschenleben bedeutet: wir dachten an die Invaliden, die uns ihre Kinder bringen und mit zusairnmten£e&- bissenen Zähnen flehen: „Wenn uns der Krieg zer- . Störte, helft uns, daß er nicht auch unsere Kinder Zerstört!“ Und wir dachten der alten Frauen, die zu uns kommen und uns erzählen, daß der Krieg sie der Söhne beraubte und' nuki bitten, man möchte ihnen das '-Letzte erhalten, das ihnen noch geblieben ist, die Enkel. Da wußten Wir,, daß Wir nicht schweigen durften, sondern sprechen müßten, damit das' Ausland uns höre und verstehe und zur Hilfe eile. Holland bat den Hilferuf der Juden gehört; wohl konnte tes unsere Not nicht mit eigenen Augen sehen, aber es hat sie mit dem Herzen erfaßt. Holland hat .unsere große, Schwere Aufgabe leicht gemacht. Wir konnten es uns sparen, eine grelle Schilderung an die andere zu reihen,. um träge Ge: ' Wissen und träge Herzen aufzurütteln. Schon die " ersten Worte weckten den Widerhall, der ein ganzes Volk zur Hilfe aufrief. Und da der Wille zur Hilfe lebendig wurde, fand eich auch schnell der Weg. Es sind jüdische ®md«r, die leid«» u»d zugrunde gehen, mehr brauchte es für die holländischen Juden nicht. Sie hörten das schwere, trauervolle Wort und schlossen sich spontan zum Rettungswerke zusammen. Herr Visse r, Mitglied des hohen Rates der Niederlande, stellte sich an die Spitze des Hilfswerkes für die armen Wiener jüdischen Kinder und erfüllt seither treu und aufopfernd seine freiwillig übernommene Pflicht; Staatsrat Ö penlieiiüer, der Lehrer der Königin der Niederlande, ein Mann, dessen Namen weit über die Grenzen Hollands mit Ehrfurcht und Liebe genannt wird, stellte seinen ganzen Einfluß in den Dienst der guten Sache. Herr Referendarius Meyers sorgt dafür, daß die Kinder unbehindert ihre Liebesgabenpakete über die Grenze bringen können und verschaffte auch reichliche Gaben für diejenigen Kinder, welche wir in Wien lassen müßten. Frau van den Li er umgibt mit treuer Liebe und Fürsorglichkeit unsere Kinder. In Herrn van den Bergh, einem5 der führenden Männer im kommerziellen Leben Hollands, der nicht nur durch seine Großzügigkeit in den Industrieimtemehmüncen, sondern auch5 durch seine Großzügigkeit im Schenken und Helfen berühmt ist, haben auch unsere Kinder einen Freund und Schützer gefunden. Der Leiter 'des Haager-Kümitees, Herr Spanjard, ist rastlos tätig, um1 möglichst viele und gute Platze für alle unsere Schützlinge zu verschaffen. Nicht vergessen 'dürfen wir, auch der treuen und unermüdlichen Arbeit des Herrn Dr. Max Henrick Reviüers zu gedenken. Schwester van der Straaten ist die beste und liebevollste "Fürsorgerin, die unsere Kinder im fremden Lande finden konnten und wir Würden uns nur allzu glücklich schätzen, sie einmal als unseren Gast begrüßen zu können, um ihr wenigstens ein klein Wenig der reichten Liebe und mütterlichten Fürsorge vergolten zu dürfen, die sie täglidh unseren armen, unglücklichen Kindern schenkt. Der Haag ist der Sitz des Zentralkomitees und Haag selbst hat Hunderte von Kindern gastfreundlich aufgenommen. In Scbeweningen wurde unseren Kindern ein wahres Sommerparadies bereitet. Es wurde nicht nur für Nahrung und Kleidung gesorgt, man hätte ihnen am Strande herrliche Zelte aufgeschlagen, wo sie stundenlang in der Sonne liegend, die würzige Seeluft einatmten und das lebhafte Treiben am Strande beobachten konnten. In Schewiningen haben auch die Vielen Ostjuden, weichte Während des Krieges 'dorthin gekommen waren, einen großen Teil dazu beigetragen, den Kindern ihren Anfenthalt schön und sonnig zu gestalten. Die ersten Spenden, für die kranken, daheimgebliehenen Kinder haben wir in Schteweningen erhalten. Vor allem’ Waren es 'dort Herr Schulsinger und Herr Schiller, welche unermüdlichfür die gute Sache arbeiteten. Frau Bruno Adler ist eine jüdische Frau imschönsten und wahrsten Sinne des Wortes: sie hat sich als jüdische Mutter unserer Schützlinge angenommen. Ein edler Wetteifer der Kinderhilfe ist in Holland entstanden, eine Stadt will die andere dadurch übertreffen, daß sie eine größere Anzahl von Kindern aufnimmt und möglichst viel Lebensmittel nach Wien schickt. Amsterdam, als die Stadt, weichte die größte jüdische Bevölkerungszahl aufweist.' arbeitet rastlos und voll tiefem1 Verständnis. Herr Oberrabbiner On - derwiyzer hat seinen Einfluß und seine Persönlichkeit ganz der Kinderaktion gewidmet Sowohl er.

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