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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-12-12 · 47 (12.12.1919) · p. Seite 655

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
47 (12.12.1919)
Date
1919-12-12
Page
Seite 655 (sequence 3)
Language
German
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Seite Ur. BUOCHS WOCHENSCHRIFT dux<t%6ttrt6n SteUungnahme zu dem vörhegenden Taf^chemüaterial und der Kultur der Umwelt tritt düs in seiner kräftig ausgeprägten Eigenart der Geist entgegen, der im Bibelwort waltet. Der Bibel-Babel-Lärm ist ja nun längst eingesargt. Mit ihm auch1 der Nimbus derer, die ihn „dem auserwählten Volke“ rauben wollten. Jener D eli tz s ch-Ruminel erklärt sich ganz ähnlich wie. Haeckeis Weltkonstruktion. Es ist der Rausch des Entdeckers, der hier sein Opfer fordert. „Das Eisen zieht den Mann an“, das Mittel gewinnt Macht über den Menschen. So verleiten einige Tatsachen zu voreiligen InjduktionsscMüssen. Man schießt über das Ziel hinaus. Hinzu kommt noch eine eingefleischte, sei es aus dem Unterbewußtsein oder mit Absicht wirkende Abneigung gegen das „Alte Testament“. Doch1 allmählich glätten sich die Wogen. Die Wahrheit bricht sich Bahn. Es' verläuft der Prozeß nach dem!alten Schema: Thesis, Antithesis, Synthesis.’ Jede Aufstellung wird nüchtern geprüft, entkernt, auf ihren Wahrheitsgehalt zurückgeführt und in diesem eine Bereicherung unserer ' Erkenntnis verzeichnet. Durch gewisse Ergebnisse der Naturwissenschaft und der vergleichenden Religionsgeschichte schien der Glaubte an die Wahrheit der biblischen Erzählungen vom Paradies und der Sintflut für alle Zeiten erschüttert. Heute hat sich! das Bild verändert. Wenn in anderen alten Literaturkreisen sich „dieselben Berichte in ganz anderer Fassung darbieten, so muß der Grundsatz Hessings gelten: „Wenn Livius und Polybius und Tacdtus ebendasselbe Ereignis und jeder mit so verschiedenen Umständen erzählen, daß die Umstände des einen die Umstände des anderen völlig Lügen strafen: hat. mian darum jemals das Ereignis seihst, in Welchem sie übereinstimmen, geleugnet?“ Wie, wenn aber nun gar noch die Naturwissenschaft in ihrem' Fortschreiten sich selbst berichtigt? Mit Recht legt der Anthropologe Hamann Wert darauf, daß sogar ein Wanderredner des Monismus, wie Klaatsch, zugibt, daß die Wissenschaftliche Konsequenz zu Vorstellungen führt, in denen eine v gewisse Parallele mit der Annahme eines Paradieszustandes der Bibel nicht zu verkennen ist. Das Klima, in dem man sich das erste Auftreten des Menschen denkt, das Klima der Tertiärzeit War mild und gleichmäßig. Und in einer ^Gegend, die nicht von allzu furchtbaren Feinden bevölkert und der Mensch vom1 Kampf ums Dasein befreit war, da führte der Mensch ein Dasein, so glücklich, daß die Erinnerung daran sich ihm tief in die Seele prägte. Als dann in der JJuartärzeit ein immer tieferes Sinken der Temperatur eintrat, biß wir eine ausgedehnte .Eiszeit vor uns haben, als der Mensch um1, seine Nahrung kämpfen, sie nur nach' Erlegung von Jagdwild bestreiten konnte, als er sich gegen die Kälte durch Kleidung zu schützen hätte, da erwachte in ihm' die Sehnsucht nach jener sorgenfreien, früheren Periode. Sie fand ihren Niederschlag in der Geschichte vom' Garten Eden. Derselbe meteorologische Vorgang liegt, nach Riehin', jauch! der Sintfluterzählung - zugrunde. Im' Tertiär herrschten klimatische Verhältnisse, wie Wjr sie -noch heute in den Tropen kennen. Noch kannte man nicht einen Wechsel. der Jahres^ Zeiten, nicht Saat und Ernte. 'Das Gleichgewicht der Wolkenmassen, die damals, wie noch heute die Venus, die Erde „dicht uingaben, wurde, etwa durch einen Vulkanausbruch, erschüttert Ein verheerender Woikenheudh' war die 'Folge. Die '-Eiszeit begann. Vor dem' verrückenden Eise mußten die Menschen fliehen. Anschaulich lehrt uns, was da sich zugetragen, neben anderen Denkmälern aus jener Zeit, der „Knochen* berg“ auf der Insel Cerigo, nahe bei Korfu. Ein kahler Berg, der vom Fuß bis zum Gipfel inwendig und auswendig voller Knochen ist. Hierhin hatten sich die Tiere vor der gewaltigen Flut geflüchtet. Die schnelleren wurden auf dem' Gipfel ebenso von ihr erreicht, wie jene, die den Tod schon att seinem Fuße gefunden hatten. Nur einige Menschen und Tiere überlebten die Katastrophe, an die ganz naturgemäß der Regenbögen die bleibende Erinnerung wurde. Mit dem paradiesischen. Frieden des früheren Zustandes war es vorbei. Wegen des Man* gels an Vegetabilien ging der Mensch, wie es ja auch in der Geschichte von Noah erzählt wird, vom! Vegetarismus zur Fleischnahrung über.. Furcht uni Schrecken, vor dem Menschen kam über die Tierwelt. Man könnte einen Hinweis hierauf schon darin erblicken, daß, wie es sich bei näherer Betrachtung herausstellt, das Mimikry der Tiere als wirksame^ Ahwehrxnittel nur für das Äuge des Menschen in Betracht kommt. Nun setzt auch der Wechsel von Saat und Ernte ein, alles, wie es der biblische Sintflutbericht besagt. Ihn von dem babylonischen Gilgames'ch- Epos abzuleiten, wäre einseitig, Weil wir nicht weniger7 als 69 derartiger Berichte über alle fünf Erdteile verstreut finden. In den Einzelheiten entspricht ferner die Erzählung der Bibel besser als Jenes EpoS den tatsächlichen Vorgängen, er ist also offenbar ursprünglicher und echter. Vor allem zeigt sich auch in ihm die sittliche Ueherlegenheit. Bei dem babylonischen Dichter ist es eine Laune, aus xder die*. Götter den Untergang der Menschen beschließen. Den Anschlag verrät aber einer von ihnen an einen Menschen. Und der nützt das Geheimnis für sich1 aus, ohne die anderen zu bedenken l Methödologisch können für die Art, wie wir di« Bibel lesen sollen, diese beiden. Beispiele als Muster gelten ... (Wird fortgesetzt); Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschfchte. Das äntisemitische Heldentum in Budapest ist bereits im Schwung, der Pöbel ist am Marsch. -Am Sonntag hat eine Versammlung in dem Geist stattgefunden, der jetzt die Budapester Regierung beseelt und von ihr propagiert wird. Daß Ergebnis war, daß unter dem Rufe: „Wir brauchen keine jüdischen Zeitungen!” die Maschinen und die Einrichtung des sozi aldjemökrati s eben Blattes und die Einrichtung einer anderen Zeitung in yandalischer Weise demoliert wurden. Nachträglich erschienen Polizisten und Militärs und machten Ordnung, aber das erinnert stark an die Taktik der zarischen Regierung, welch« auch immer zuerst Plünderungen geschehen ließ und dann einschritt. Wie oft und wie lang wird man jedoch den Geist bändigen können, welchen die Regierung durch die scharrdosen Hetzreden der Minister hervorruft? Angeblich ist die neue Regierung gekommen, um dem schwergeprüften Ungarn Ruhe und Ordnung zurückzubringen. In Wirklichkeit aber tut sie. etwas ganz ähnliches wie die Bolschewiken und stürzt sich statt auf die Bourgeoisie, auf die aimten und wehrlosen. Juden. Sie Sagt allerdings, sie dulde keine Pogrom®» aber daß bringt die Geschichte der bösen Schwieger*

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