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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-12-05 · 46 (5.12.1919) · p. Seite 651

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
46 (5.12.1919)
Date
1919-12-05
Page
Seite 651 (sequence 15)
Language
German
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fit. üä Üf. Bboeä S WOCHKNSCHRM' Literatur. Dr. Theodor Reik. Probleme der Religionspsychologie, I. Teil. Mt einer Vorrede von Prof. Dr. Siegmund Freud. Internationale psychoanalytische : Bibliothek Nr. 5. Leipzig und Wien 1919, Internationaler psychoanalytischer Verlag, G. m. b. H. Auf jdreihunderteil Seiten behandelt der Verfasser mit einem Aufwand großer Belesenheit und vielen Scharfsinnes in vier Kapitel die Couvade.und die Psychogenese der Vergeltungsfurcht — die Pubertätsriten der Wilden — Kolnidre (Stimme des Gelübdes) — Das Schofar (Das Wildhorn). Die indiesem Bande vereinigten vier Arbeiten bildea^einen Versuch, die psychoanalytische Methode auf religionsgesdhichtliche Untersuchungen auszudehnen, psychoanalytische Gesichtspunkte zur Aufhellung von Problemen des Rituals heranzuziehen, „aii einzelnen Beispielen von repräsentativer Geltung und Bedeutung zu zeigen, was die Psychoanalyse mit den Mitteln, che ihr im gegenwärtigen Zeitpunkte zur Verfügung stehen, in der, Aufklärung schwieriger Probleme der Religion; zu leisten vermag“. „Dabei wurden mit Absicht solche religiös1 bestimmte Bräuche herangezogen, die in der Gegenwart noch ausgeübt werden, denn es sollte gezeigt werden, daß noch in den spätesten Formen der Religion'sbildung dieselben seelischen Kräfte nach denselben Gesetzen ihre Wirksamkeit entfalten wie auf früheren Stufen der Entwicklung. Es sollte ferner gezeigt werden, daß es durch Anwendung der psy-; ehoanaly tischen Methode möglich ist, die Natur der ^ursprünglichen Trieb Vorgänge, als deren Ergebnis das irreligiöse Ritual aufgefaßt wird, regressiv zu rekonsPstrmeren,. indem man von den Ausdrucksformen und Een geheimen Tendenzen, die ns gegenwärtig' zeigt, ■ auf jene seiner Entstehungszeit schließt.“ Man wird Ue!m; {Verfasser wohl bei stimmen können, wenn er behauptet: „Die seelische Konstitution, die der Einzelne schon in das Leben, mitbringt, ist aber vielleicht nichts weiter als der Niederschlag von Erlebnissen seiner Ahnen; dessen, was' das Leben ihnen brachte. Es ist Aufgabe der Wissenschaft, diese Erlebnisreihe auch bei den Völkern so weit als möglich nach rückwärts zu verfolgen. Will man also die Eigenart eines Volkes erkennen und verstehen, wie es geworden und warum es gerade so geworden ist, - muß mau seine Geschichte studieren. Die Geschichte •zeigt uns die strenge Gesetzmäßigkeit nicht nur der äußeren, sondern auch der seelischen Vorgänge in der langen Entwicklung eines Volkes.“ „Das Schicksal des jüdischen Volkes aber war untrennbar mit dem seiner Religion verknüpft.“ „Religion, selbst aber ist, wie Wir wissen, eine Schöpfung seelischer Instanzen, unter dem Drucke seelischer Gewalten geboren. Und so drängt sich demjenigen, der die Entwicklung des Judentums verfolgt, unabweisbar die. schicksalschwere Frage auf, welche psychischen Kräfte hier wie dort, in der Religion und in der - nationalen Ges chi ehte walten und miteinander oder im Widerstreit gegeneinander unsichtbar die Entwicklung .beherrschen." Das alles ist zweifellos richtig. Nur das; eine möchten wir betonen, daß,das erschütternde Erleben der Ahnen etwa vor einem Jahrtausend auf die Gestaltung der psychischen Eigenart und auf den Inhalt des Unterbewußtseins eines Volkes oder eines: Individuums nicht minder eingewirkt haben als die Vor- 1 gänge und; Geschehnisse im Schicksal der Ahnen vor vier oder mehr Jahrtausenden. Auch die Schicksale, die bloß ein Jahrtausend zurückliegen, haben ihre Eindrücke in der Volksseele zurüekgeiassen, blieben ' wohl verwahrt und wirksam im ünfcerbewußtseiit. .Ein Zurückgreifem; auf- Erlebnisse in' prähistorischer Zeit, im Kindesalter des Volkes, läßt sich nuhdaim rechtfertigen, wenn spätere Geschehnisse Erlebnisse eine Aufhellung psychischer Rätselnicht bringen. - ln dem Kapitel über Kolnidre wendet sieh -der Verfasser, um die Notwendigkeit eines psychoana^ lytischen Hintergrundes für das Ritual zu begründen, auch gegen die von mir dargebrachten Beweismomente, daß dieses Ritual in den Kreisen der zwangschristlichen Gemeinden in der Zeit der westfälischen Verfolgungen entstanden und bestimmt war, das Gewissen jener Unglücklichen zu beruhigen, die während des ahgelaufenen Jahres unter de$ schwersten Verwünschungen in der Kirche feierlich hatten schwören müssen, keinen jüdischen Ritus je wieder auszuüben und an keinem jüdischen Gottesdienst mehr teilzunehmen, und nun doch an diesem Ä^enid in geheimen Schlupfwinkeln sich versammelten, um die Feier des Versöhnungstages zu beginnen. Da mußten sie zuvor jene geleisteten Eide als nichtig und ungeschehen erklären. Die gegen diese Darstellung vorgebrachten Einwände des Verfassers sind indeß durchaus, nicht stichhältig. Schön die Behauptung:; ' „Die uns bekannte, älteste Lesart der Formel bezieht sich auf Gelübde des kommenden Jahres, das steht, fest und keine spätere UmdeuKung kann an dieser Tatsache etwas ändern“ ist entschieden unrichtig. Beweis: die Sprache des Textes, die Perfektform, die allen versuchten Korrekturen Trotz geboten. Die von Meier b. Samuei vorgenommene Aenderung im Wortlaut der' dies ursprüngliche Phrase „vom letzten Versöhnungstag bis zu diesem“ abänderte in „von diesem Versohaungstage bis zum1, nächsten“, hat die Spuren der ältesten Lesart nicht verwischen kennen. Die alten Perfekta in der Formel sind geblieben, nur hat man künstlich versucht, ihnen einen zukünftigen Sinn . zu geben. , : Wolf Heidenheim, der größte Kenner und Kritiker der hebräischen Ritualssprache, hat das außer Zweifel gestellt. Die Lesart mit der Veigangenheitsr forme! wird auch bei allen Autoren als D"a*ö*TprTi als Usus der Aeltesten bezeichnet, der Wortlaut' bei den ältesten Tradenten, die K. N.; erwähnen. Das Ritual mit Nedarim 23 b ernstlich in Beziehung zu bringen, ist schon deswegen unkritisch, weit auf den, Hochschulen, in deren .Hallen die letzte Redaktion und Niederschrift des Talmud erfolgte, K. N. .bezeugtermaßen unbekannt war.*) Der Einwand, daß. erzwungene Eide das Gewissen nicht binden, mit der Berufung auf Z. Frankl: „Eide, die ein Rechtsräuber abringt, haben nach dem! Urteile der aufgeklärtesten' Rechtslehrer keine Giltigkeit“, würdigt jucht die grauenvollen Formen der Selbstverwünschüng und Selbstveröuchüng, in welche jene in der Kirche von den Zwangschristen: geleisteten gekleidet waren, und „den starken Glauben der Antike ah die Wirksamkeit des Fluches“ — den wohl auch die Machthaber der Kirche richtig gewertet haben. Seltsam aber muß esf anmuten, in diesem Werke den Satz zu lesen: „Ferner, woher kömmt es, daß A n m. Der Yerf. gebraucht die Redewendung: Talmud. Traktat Nedarim zitiert die Meinung.des R. lehudni-Gaeu (um 76»)): Niemand d.'.rf Gelübd!e oder Eide auflöseir!|* Siich,t,;iflä> Talmud, sondern im Aliass£ zum TraktatKedsurizu ist das Zitierte zu lesen, .

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