Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 46 (5.12.1919)
- Date
- 1919-12-05
- Page
- Seite 642 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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*•»•**: Br. büocs’s wocegsrsöasoFf s*. * durch Steuern und Zuschläge ausplündern. Woher aber sollen sich1 die Sozialdemokraten das Geld verschaffen, das sie ausgeben müssen? Weiskirchner hat sowohl die Kassen wie die Magazine geleert und noch riesige Schulden dazu gemacht. In diesen Besitz sind die Sozialdemokraten getreten und ihre Schulden, mußten unbedingt noch weiter wachsen wie die Teuerung und die Ansprüche der städtischen Angestellten. Und die Chiist'ichsozialen, welche diesen ganzen Zustand heibeigeführt, mittelbar und unmittelbar Wien und die Wiener ins Elend gestürzt haben, finden nun den Mut, irgendwem Vorwürfe darüber zu machen, daß er die Wirtschaft schlechter führt als sie seihst, und von der Bevölkerung Geld verlangt, um die Sünden der Christlichsozialen Lu bezahlen. Das allein wäre schon eine freche Herausforderung der Geduld, aber es kommt noch viel ärger. Denn da die christlichsozialen Länder den Wienern durchaus keine Lebensmittel liefern wollen, da die konservativ-klerikalen Umtriebe gegen das .sozialistisch-republikanische Oesterreich noch weiter andauem, so wird unsere wirtschaftliche Lage immer trüber und die Not der Fixbesoldeten immer größer. Aus diesem Grunde sind denn auch die städtischen Ängestelllfcen gekommen und haben eine Verbesserung ihrer Bezüge verlangt. Man hat ihnen versprochen und gegeben, was' unter den gegenwärtigen Umständen eben möglich ist, aber es ist ganz klar, daß man auch dieses Geld von den städtischen Steuerträgern wird verlangen müssen. Was machen nun in dieser Situation die Christlichsozialen? Sie hören nicht auf, in der leidenschafliebsten Art den Sozialdemokraten vorzuweifen, daß diese Gemeindevermögen verschleudern,r zugleich aber stecken ~sie sich hinteT'die Beamten und Angestellten und hetzen diese maßlos auf mit der Aufforderung, sie möchten sich doch einen solchen Bettel nicht gefallen lassen und bedeutend mehr fordern. Die christlichsozialen Redner sagen das unter dem Jubel der Beamten auf der Galerie. In einem Atem donnern sie für Sparsamkeit und gegen Steuern, zugleich aber-schüren sie die Ansprüche — an den Gemeindesäckel und beides zusammen nennen sie die Politik des ehrlichen Mannes1. ... v - V ° . .. Wer jetzt das führende Offiziersblatt Wiens zur Hand nimmt, erlebt seine Wunder. Es ist ein Blatt, das nicht mehr seinen Sympathien, sondern seinem Willen zur Monarchie ungescheut Ausdruck gibt. Wir hohlen uns1 nun durchaus nicht berufen, als Anwälte der Regierung aufzutreten oder mit jemandem’ Debatten über seine pofi'ische Ueberzeugung zu führen. Für uns ist der Nebenton des bezeichneten Blattes die Hauptsache, nämlich der Ton des rüdesten Antisemitismus. Die Reaktionäre und Monarchisten sind also auch in Oesterreich Judenfeinde, wie sie sich in Budapest, Berlin und München zeigen. Warum* wohl?. Sie wissen ganz gut, daß sie mit den schwersten Sünden beladen sind und daß das Volk erfüllt ist von dumpfem1 Groll über die Zustände, welche die Monarchisten und nur die Monarchisten herbeigeführt haben. Diesen Groll und diese Absicht zur Vergeilung suchen nun die Reaktionäre auf -jemanden anderen abzulenken, um selbst freie Bahn zu bekommen. Dazu sind nun die Juden vorzüglich geeignet Welche Ursache hatten denn die Offiziere sonst, um an'isemilisch zu sein? Sie grollen der Welt und dem Staat, weil man sie nicht mehr mit hohen Bezögen und hohen Ehren überschüttet. Aber kann sich denn das arme DeutschÖsteneich, . das eine Wehr-1 macht von 30.000 Mann wird aufstellen können, einen! Stand von lf>.000 Offizieren vom Hauptmann aufwärts leisten? Es übersteigt Ohnehin die finanziellen Kräfte des Staates, wenn man jedem von diesen Offizieren eine Abfertigung, von mehreren tausend ä oder eine monatliche Pension von mehreren hundert Kronen auszahlt. Da man ihnen außerdem gestattet, an jeder Art von Arbeit teilzunehmen, so . befinden sie sich in einer viel glücklicheren Lage, als die ganze misera plebs der Steuerträger, welche vom Staate' nicht nur nichts bekommen, sondern ihm zu zahlen haben und im übrigen dazuschauen können, wie sie ihre Lebensbedürfnisse erwerben.. Wie kommen also die Offiziere dazu, Unruhen zu erzeugen, den Staat in eine bedenkliche Lage zu bringen und sich gegen einen Teil der Steuerträger zu empören? Als1 unter, ihrem Jubel und Drängen der Krieg begann, wurden hünderttausende Familien in Elend geschleudert und es.jtiat sich kein Mensch um diese'gekümmert. Da nun der Umsturz die Offiziere in eine ähnliche, aber bei weitem nicht so schlimme Lage gebracht hat, hassen sie den Staat und die Juden. Warum die Juden? Die Offiziere können sich über die Juden wahrhaf ig nicht beklagen. Von Ausnahmen abgesehen, ist man den Offizieren bis in die letzte Zeit mit. Achtung und. Freundlichkeit entgegengekommen. Die. Reserveoffiziere, zum großen Teil Juden, , •habensich gewiß so tapfer benommen wie die aktiven Offiziere, sind ebenso wie diese aus ihrer Bahn geschleudert worden, nur ohne Pensionen.. Unter'den Diplomaten und Generalen, die den Krieg ‘hervorgerufen haben, befindet sich' kein einziger Jude, ebensowenig unter den Generalstäblern,; welcbe* ihn geführt haben. Wenn die aktiven "Offiziere glaübeh; daß die Juden den Haß gegen sie schüren, so sollen sie doch ihre ehemaligen christlicher? 'Mannschaften befragen. Trotz diesen unumstößlichen Wahrheiten aber leistet sich das’ führende Offiziersorgah bei der Besprechung eines jüdischen; Buches von Artur Trebitsch, „Geist und Judentum”, folgende unglaublichen Sätze: „Im letzten Abschnitt tritt der Verfasser in eine ganz persönliche Beziehung zu seinem Thema. Er ist von jüdischer Abstammung und schildert in, leidenschaftlichen Worten, wie ihm der Fluch seiner Masse ins Leben gefolgt ist. Er fühlt sich im tiefsten ."Wesen als Deutscher. und will mit dem Judentum nichts mehr gemeinsam haben. Er schildert die Geschichte seiner Familie, die seit hundert Jahren ehrenwert mit dem Wiener Bürgertum verknüpft ist und er zeichnet das Charakterbild seines Vaters als eines harten, der positiven Arbeit zugewandten Mannes - von fleckenloser. Ehre und, deutschem Bürgejstolz. 1 Als . aber •der Söhn ins öffentliche Leben uüd vor die Schranken einer öffentlichen Kritik trat, als Freier unter Freien, als Deutscher unter Deutschen, wie er meinte, stieß er alsbald auf die Ablehnung: Ein Jude! Trebitsch kämpft mit viel Geistesschärfe gegen diese verallgemeinernde Verurteilung und entwickelt den Begriff der „fixen Ideel* mit Bezug huf das Judentum. Das Wort i,Jude“ ißt Ohne Bücksieht' auf die vielfachen Wandlungen des Volkes iein starrer Begriff, der aus der Zeit der Versklavung her fast als Schimpfwort angesehen wird und auch jene Individuen der Rasse trifft, die längst mit dein primär-fixatorischen Wirtsvolke in Geist und Charakter eins geworden sind. Trebitsch empfindet diese Tatsache als besondere Kränkung, die nur dem assim vierten Juden widerfährt. Er beruft sich auf andere Assimilationsprozesse, auf die französischen Emigranten, auf die deutschen Balten, auf Prinz Eugen von Savoyen und Chamberlain, auf Fontane und Chamisso und viele andere. Das ist nun freilich ein Trugschluß. Denn in. allen diesen Fällen handelte es sich nur um eine Veränderung der Nationalität, nicht aber um die Angleichung einer minderwertigen Basse. Hätten sich die fremdnationalen Auswanderer gegen ihre neuen Mitbürger so verhalten, wie die Juden gegen ihre Wirtsvölker, so wäre eine Angleickung ebenfalls ausgeschlossen gewesen. Man vergleiche das Auftretender Emigranten in Deutsch-