Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 46 (5.12.1919)
- Date
- 1919-12-05
- Page
- Seite 641 (sequence 5)
- Language
- German
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Dr. BEOCH’S WOCHENSCHRIFT Seit» 797 Vf. 4* göttliche Gabe seine Gestaltungskraft. Der „Geist comb ’s Berechnung, der Mond, falls die „Schuld“ an Gottes“ waltet, wie im' Verkünder des Gotteswortes, ihm, Dicht an der Erde lie^t, in einem Jahrhundert nur so in dem' Meister, der in Schönheit schafft. Und um! etwa zwei Raumsekunden voreilt. Uebereifer ist daß gerade in der Herstellung des Heiligtumes auf das ästhetische Moment ein solcher Nachdruck gelegt wird, -sollte doch das Gefasel verstummen machen, das im Bilderverböt 2. Mose 20, 4, barbarische Kjunstfeiridlidhkeit erblicken will. Schon der Zusammenhang und die Erinnerung an die Ausschmückung des Heiligtumds1 selbst Sollte die Einsicht liefern, daß es Mer auf die Ablehnung des Götzendienstes, dieses religiösen M a t e r i al i s m u s, auf die Ausschaltung sexueller Reize abgesehen ist: Wie stark dieser Schönheitssinn der klassischen Zeit selbst im! Golusdüster nachwirkte, tritt rührend , in vereinzelten Stimmen zutage. So wenn Ras:chi'die umständliche Verpackung der Heiligtümer für den Transport in der Wüste (2. Mose 26, 13) damit begründet, daß „das Schöne sorgfältige Behandlung erfordert“ (sch’j’he adam chass al ha-jafe). Oder wenn man auch im Ghetto, abgesperrt von Luft und Licht und Menschenliebe, auf besondere Schönheit der Ritualien (Hiddur mitsWah) Sah und es' sich kosten ließ, „Gott in Schönheit 'zu dienen“ (zeh: eli w’anw.ehu, 2. Mose 15, 2). Der Blick auf die Totalität der Welt, der Gedanke. ihres Zusammenhanges in der Schöpferhand des Ei nen, verläßt den Juden in keinem' Augenblick. Darum1 ist seine Naturbetrachtung durchaus religiös-ethisch gestimmt. Selbst seine weltliche Dichtung, die ein stattliches .Kapitel -unseres SchrifttümeS füllt, bleibt fre; von der Erotik, die der Moderne schier unerläßlich sebemt. Ebenso von dem' blutrünstigen Behagen an Schlächtereien, das uns die Lektüre der Ilias ebdnso verleidet, wie. unsere naturalistische, haßschnaubende Kri,egs„poesie‘ ‘. , “! Verkehrt ist es darum, Von „biblischen M y t h en“ zu reden. Wo aus der Volkspoesie — der eigenen wie Ider fremden — von einem' jüdischen Autor Stoffe verwendet Werden, da Wird1 ihnen stets ein „moralischer Hintergrund“ gegeben. Sie dienen als Paradijgimä z;ur epischen Verbrämung eines ethischen Erfahrungssatzes, eines •Bibelwortes', sie Werden, wie die Alten sagten, „in einen Passtik gestellt“. Diese Tendenz, die Naturgebilde personifiziert, nicht um sie zu mythologisieren, sondern sie 'zu ‘ e thi sie re n, beherrscht das Naturgefühl! des Juden. Ueberall sieht er staunend und ehrfurchtsvoll verehrend die Macht, die Weisheit und Güte Gottes. Alle seine Geschöpfe dienen Ihm, indem sie freudig dem Gesetz gehorchen, das Gott ihnen vorgeschrieben, s'o wie es der Mens'ch in Befolgung des Gesetzesstill, das Gott ihm' offenbart hat. Himmel, Erde und Meer, Gestirne, Berge, wie Ströme, Tier- und Pflanzenreich1, sie alle sind voller Leben, sie alle Snehm'en tätigen Anteil an dem Fortschritt des Guten in der Welt. In der späteren jüdischen Volksliteratur tritt dieser Zug noch stärker hervor. Unserer Stammutter Rebekka am Brunnen „stieg“, so sagt der Midrasch, „das WasSier entgegen". Die Madht der sittlichen Persönlichkeit wirkt Mer lauf die unbelebte Natur ähnlich, wie der Zauber, der von der Kunst eines Orpheus', eines AmpMon auslging. Dort die j jüd d s. ebe> Mer die g r i e c h i s ch e Anschauung l Im Anschluß an Psalm 104 .wird im Talmud die Pünktlichkeit der Sonne gerühmt, nicht ohne daß ein rügendes Streiflicht auf den' unpünktlichen Mond fällt. Eine Beobachtung, deren Schärfe man erst richtig würdigt, Wenn man hört, daß nach Newauch' ein Fehler! Und wenn bei AbramoWicz die Bäume „Scheinone esre“ stehn, wenn in dem jüdischen Volkslied jeder Vogel in seinem Liedchen, einen bestimmten Psalmyers rezitiert, wenn „über der Welt Sdhäbbos ist“ und Sogar der Sambation am Sabbat ruht, wie einst die ganze Schöpfung von der Weihestimmung beim Akt der Offenbarung ergriffen war, so .zeigt uns das, wie der Jude die Natur vergeistigt, wie er sie, ich möchte Sagen', „verjüdet“. In unserem älteren Schrifttum findet sich unter dem1 Titel „Perek scMra“ eine sinnige Zusammenstellung von Schriftversen, mit denen, nach dem Dichter, die verschiedenen Tiere ihren Schöpfer preisen. Wohl findet sich dergleichen auch in ägyptischen Zauberpapyris, in christlichen Heiligenlegenden und sonst. Bezeichnend für das jüdische Produkt ist nur, daß es SchriftverSe sind, die den Kreaturen in den Mund gelegt werden. Das ganze Weltall spiegelt dem' Jtiden seine Ethik wieder. Seiner Thora Echo hört er überall. Wie anders empfand z. B. der Grieche, wenn er 'die Nachtigall hörte! Ihm war.sie „Pandareos’ liebliche Tochter“, „Ihren geliebten Sohn, den sie selber ermordet, die Törin! Ihren Itvlos klagend.“ Eine Kindesmörderin, zur Strafe in die Nachtigall verwandelt! Wer denkt hier nicht auch an das Märchen von den sieben Raben? So mythologisiert der Grieche, wie der Jude eth'isiert. Mit der Tatsache, daß der ei ne Gott Schöpfer der Welt ist, eine Vorstellung, unfaßbar dem1 .Griechen, damit ist auch von allem Anfang an Ue Einheit der Schöpfung gegeben. Ein Gott! Ein Gesetz! Ein Element! Wenn jetzt die Wissenschaft die verscMedensfce» Naturkräfte auf eine zurückführt, wenn sie erkannt hat, daß e i n Element in allem Geschaffenen webt, daß ein Gesetz im' Reich der Töne und Farben wie der Sterne Waltet, so ist dieser Monismus dem Judentum!, in dessen Weltbild1 von jeher Himmel und Erde zu sä mm! engehörten, nicht entgegen. Er ist von ihm seit je ausgesprochen. Was die Menschheit aus freier Wahl werden soll und Was sie werden kann, wenn sie dem Gesetz des Guten folgt* das in unserer Heiligen Lehre so unzweideutig verkündet ist, die Natur war es, soWie sie hervorgegangen aus der Hand des Schöpfers: eine Einheit. (Wird fortgesetzt.) Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. Die Doppelzüngigkeit und geradezu freche Demagogie der Christhchsozialen hat sich in der letzten Zeit in besonders scharfem' Licht gezeigt. Dieselbe Partei, welche in anrüchigen Geschäften 45 Millionen vergeudet, welche das Rathaus inmitten von Schulden und Verzweiflung der Einwohner verlassen hat, wie Ratten das sinkende Schiff, welche den JBankerott und das Abwärtsgleiten verschuldet hat, macht bekanntlich! den Sozialdemokraten verlogene Vorwürfe wegen ihrer finanziellen Wirtschaft. Die Christlichsozialen halten den Sozialdemokraten mit wjlder Zungenfertigkeit vor, daß' sie die Bevölkerung durch hohe Preise der Erzeugnisse in Städtischen Unternehmungen,