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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-12-05 · 46 (5.12.1919) · p. Seite 640

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
46 (5.12.1919)
Date
1919-12-05
Page
Seite 640 (sequence 4)
Language
German
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8-i-7S« ü E0(L'3 MXÄlWiLWRML **-« »eiaeigeiistes. Gebiet war jdie Wissenschaft der Innenwelt. Nicht die Entdeckung der Naturgesetze, son- 'dem. die Verkündigung und Befolgung der Gesetze des sittlichen Handelns.'. Für diesen Beruf kam der •Wechsel der wissenschaftlichen Systeme nur insofern in Betracht, wie kür den Schliff eines Edelsteines ider Zeitgeschmack. Der Stein selbst bleibt immer zeitgemäß, solange die Arbeit an ihm nicht fastet. Und diese Arbeit fordert das Judentum!. Das Judentum' bangt nicht vor wissenschaftlicher Kritik: Es spornt vielmehr dazu an. Das Studium seines heiligen Schrifttums führte den Juden zu feiner ganzen Reihe von Wissenschaften, wie Mathematik, Astronomie, Medizin und Hygiene, Sprachwissenschaft, Religionsphilosophie u. a. So wurden denn auch, jwte S cbleiden hervorhebt, Juden die Lichtträger „nyMrend des finsteren, geistesöden, unfreien Mittelalters* \ Oder wie Michelet es so schön sagt: „Es gab einen Augenblick, wo man überall auf der Erde den Gedanken ersticken wollte. Er verbarg sich bei den Juden. Sie waren in jener verfluchten Stunde das Gewissen der nmnachteten Erde, ihre Zerstreuung in, Europa die Invasion einer neuen Zivilisation.“ Daß Juden die Begründer der Schalen von Salerno und .Montpellier waren und ein Sabbatai D.onolo der einzige medizinische Schriftsteller seiner Zeit,,hebe ich für Dich, als Mediziner, besonders hervor. Meinen Vortrag über „Juden als Erfinder und Entdecker“ hast Du ja selbst gehört. Daß das Judentum die Religion ist, die sich mit den Ergebnissen der modernen Forschung verträgt, ist wiederholt von Berufenen bestätigt worden. Vergessen wir doch nidht, daß der Mohothei^- afus, wie schon das Wort besagt, ein, sozusagen, theistischer- Monismus ist. In allem Werden und Geschehen sieht der Jude nur Spiegel und Symbol des Einen, dessen Walten alles umfaßt und durehjdnngt. „Es ist ein charakteristisches Kennzeichen der Naturpoesie der Hebräer, daß als Reflex des Monotheismus sie stets das Ganze des Weltalls in seiner/.Einheit umfaßt, sowohl das Erdenlehen als die leuchtenden Himmelsräume.“ Die .erscheinende Welt ist in dem einheitlichen Gott gegründet. Sie hat ihm gegenüber, der sie erschaffen und erhält, nur eine relative Selbständigkeit, genau so wie im Pantheismus das Einzplgebilde gegenüber der Substanz. Das eine ist so viel oder besser Iso wenig Dualismus, wie (das andere. : „Dem hebräischen Sänger ist die Natur der lebendige Ausdruck der Allgegenwart Gottes in den Erscheinungen der Sinnenwelt." Alexander v. Humboldt, von. dem diese Worte stammen, denen sieh übrigens ähnliche hei Herder, Viktor Hugo u. a. anreihen ließen, hat in - seinem, der Bibel so kongenialen „Kostoos" wissenschaftlich ausgeführt, was poetisch ergreifend ausspricht der 104. Psalm*: „Wie groß ist Gott in seinen Werken! Preise meine Seele den Herrn!"’ - Diesen Grundton variiert ja tausendfach unsere Liturgie mit ihren Berakhbth, ihren Dank- und Preis- Sprüchen* Ganz Ähnlich ruft auch Kepler aus: „Ich Idanke, dir, du mein Schöpfer und Herr, daß du mich ergötzt hast durch deine Schöpfung, der ich entzückt war über deiner Hände Werk;" Und fühlte nicht Napoleon das gleiche, wenn er auf der . Ueberfahrt nach Aegypten, den Hirnmelsstürinem unter seinen Professoren, zum gestirnten Nachthimmel emporweisend, zurief: „Und Iwnr, meine Herren, hat die dort oben gemacht?" Urwüchsig und überraschend trat mir diese Betrachtung aller Dinge im Orienjt entgegen. Ein Araber sah, wie mr das Fernrohr gebrauchten. Auch er wollte in dieses Instrument einen Blick werfen. Kauin' hatte er es ans Auge gesetzt, als er andächtig murmelte: „Groß ist Allah!" Hier spürten wir einen Hauch echt jüdischen.Empfindens. Alles einzelne hat nur Bedeutung als Werkzeug des Einen. Das gilt, wie für die Ethik, auch für jdie Aestheti k des Judentums: Du wirst ziwai oft genug gehört haben, Judentum „sei nur ethisch orientiert", und geneigt sein, , Haecke 1 s Behauptung, .jdas Schöne sei der geschworene Feind des Christentums, nach berühmten Mustern, auf das Judentum* mit zu übertragen. Auch' jdaß es keine „jüdische , Kunst" gebe, wird uns immer 'wieder vorgenalten. Mag man nun in dem einen oder, dein! anderen unserer jüdischen Maler pder '(Bildhauer einen originellen, spezifisch jüdischen Zug gelten lassen oder nicht. Daß es daran nicht fehlt, lehrt schon eia ..Vergleich jüdischer Sujets* von* Juden dargestellt, mit den Werken anderer Künstler über denselben Gegenstand. Zu verwundern wäre jedenfalls das Fehlen einer solchen besonderen jüdischen Note nicht. „Wie sollen wir das Lieft' des Ewigen singen auf fremder Erde?!", so klagt ja schön der Psalmist* (137, 4). jede Kunst ist eben bodenständig, bis Gericht Mit aber schon die Tatsache an sich^ daß überhaupt das1 Judentum trotz seines Golusgeschiekes Künstler hervorgebracht hat, die den .Vergleich mit anderen aushalten. Bei der Eigenart künstlerischer . Intention und ihrer kulturellen Bedeutung sehe ich hierin einen . besonderen Ruhmestitel unserer „RasSe"- Es: ist ein schlagender Beweis, daß es uns Juden-nicht anästhetischer Begabung fehlt. ,.^!.;.; Sehfen wir aber von den bildenden Künsten aß, so brauchst Du doch; nur an die Psalmen zu denken oder an das Hohelied oder, die Ruth1-Idylle, und Du wirst selbst sagen, daß hier eine Kunst vorliegt, die Kunst bleibt, wenn sie auch nicht „Part pour Part“, sondern „Part pour Dien“ ist. Und findest Du hier innige Feinheiten, die es mit der zartesten; Lyrik anderer Literaturen aufnehmen, so gewinnst Du den Eindruck gigantischer Größe,- wenn Du einmal unter diesem. Gesichtspunkt im Original Stücke, wie Jesaja Kap. 1 oder das Schwanenhed Mos-es (5. Buch Mose 32) oder vor allem1 die Zehn Gebote best. Das ist Kyklopenbau! Das ist der .Rhythmus der Gottesstimme! Wie Donperschiag trifft das Gewissen ein Wort, wie (1. Buch Mose 9, 6): sChofekh dam* ha-adam-, b’adam damo iischafekh, „Wer vergießt-Blut-des Menschen, durch den Menschen-sein Blut-vergossen werde!“ Beachte die Wirkung, die durch die Kunst der Wortstellung hier erzielt wird*; Unter .diesem Eindruck muß auch Hillel gestanden haben, als er in jener.Szene,; die an Hamlet erinnert, beim Anblick des Totenschädels gleichfalls im' Hexameter ausrief: „al d’atteft at’fukh, w’sof m’taifajikh! j’tufün“, „weil-du ertränktest — ertränkten sie dich, und die dich ertränkten, — werden ertränkt" (Sprüche der Väter - 2, 6). Ja, auch jdiesC. flElabbineß fhlatten leinen ausgeprägten Formensinn. Nur hliehen sie mit ihrem teleologischen, metaphysischen Empfinden nicht bei dem Empirischen, bei dm physischen Einzelerscheinung stehen. Im’, schönen Menschen bewunderten sie die Kunst seines! Schöpfers, in jedem’ Bildwerkden höchsten Bildner. -Das Wort (1. Samuel 2, 2): „Kein Hort (tsur) ist wie iupster Goßt", lasen sie: *,Kein ftsafar) Künstler“ ist wie Er. Von Gott begnadet und berufen (2. Mose 28, 3, 31, 3) ist der Künstler, eine

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