Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 46 (5.12.1919)
- Date
- 1919-12-05
- Page
- Seite 639 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jfe. *4 •ft*« «AE« *m&&müiM&r* E» m dielte große inner- und außeipolitisdhe Gefahren. Die antisemitischen Provokationen, die Pogromhetze drohten einen Gegenstoß der Masse hervorzuiufen, so jdaß Gewalt gegen. Gewalt stände.' Das wäre der Bürgerkrieg, in dem' die deutsche Kultur völlig zugrunde gehen würde, in einem Augenblick, wo nur Arbeit und innere Geschlossenheit uns retten können. Gewalt sei überall der Zusammenbruch der Moral, das bewiese die deutsche Etappe sowohl wje das jetzige Treiben der Gegner im besetzten Gebiet. Noch größer sei die außerpoiitische Gefahr. Im Augenblick, da der Friede uns den Weg der Gewalt versperrt habe, bliebe uns nur der Weg „moralischer Eroberungen“. Nur wenn das Ausland Deutschlands Anteil an der Weltkultur als .unentbehrlich anerkenne, gehe unser Weg wieder empor. Wie schädlich antisemitische Ausschweifungen in dieser Hinsicht wirkten, bewiesen die Wiener Vorgänge. Deshalb müsse der Verein versuchen, starke Dämme aufzuwerfen gegen die * Flut von Schmutz und Schlamm, die die Antisemiten über Deutschland ausschütteten. Man sollte nun nicht sagen, daß das Sache der Juden sei, sondern gerade "die Ehre der christlichen Religion der Nächstenliebe und Gerechtigkeit erforderte dringend die Mitarbeit der christlichen Mitbürger. In dem Kampfe des Vereins, der Christen und Juden in sich schließe, in diesem Kampfe um die Sittlichkeit und um die Zukunft der deutschen Kultur mitzuschreiten, dazu forderte der Redner am Schlüsse seiner Rede nochmals dringend auf und sprach die Hoffnung aus, unser Volk werde wieder genesen, denn nur ein sittliches Volk habe die Berechtigung, emporzusteigen. — Der nächste Redner, Reichsminister a. D. und Mitglied der Nationalversammlung L and sberg, ging von der Behauptung des verstorbenen österreichischen sozialdemokratischen. Führers P e rner - storif er aus: „Der Antisemitismus ist der Sozialismus des dummen Kerls“, und legte dar, idaß durch eine solche Erklärung dem Antisemitismus zu viel Ehre vangetan werde; nur sparsame Haushalter im Betriebe des Intellekts können zu der Meinung gebracht werden, daß das jüdische Kapital allein schädlich sei, während das christliche Kapital seine besonderen Verdienste habe. Der Redner bekämpfte mit seiner Ironie und glänzendem Sarkasmus die verstiegenen Rassentheorien eines. Chamberlain und seiner Genossen, die dem Antisemitismus eine wissenschaftliche Grundlage geben möchten, die aber kläglich bei dem1 Versuche scheitern, alles Germanische und Arische als vortrefflich, alles Semitische als minderwertig und verächtlich hinzustellen. Keine Religion sei imstande, ihre Bekenner zu Edeiimenschan zu machen. Die Wurzeln des Antisemitismus seien auf dem Gebiete der Psychologie und der Volkserziehung zu suchen; unter den Führern dieser Bewegung befinden sich Deute, wie der Mann, der die bekannte Personalunion von Pornographie und Parlamentarismüs darstelle, Herr Briihn, der jetzt die Schüleraufzüge vor dem' Reichstage angeblich zu Ehren Hindenburgs engagiert. Je mehr in einem Volke die Moral gelitten habe, desto größer sei die Gefahr, daß der Antisemitismus in ihm Boden gewinne. Daher müsse unser Hauptbestreben auf die Hebung der Volksmoral gerichtet sein. Er sei neugierig, wie lange Männer, wie Graf PosaöoWsky, v. Delbrück uswt, noch in der Gesellschaft von Leuten, bleiben werden, die die Kanaille politisch mobilisieren wollen; nicht bange sei ihm um Helfferich, der sich in diese Gesellschaft schon hineinfiiiden weide. Die antisemitische Bewegung (wird nicht eine Massenbewegung werden, Weil sie scheitern müß an der Schulung und an der Intelligenz der sozialdemokratischen Arbeiterschaft. Der Redner wandte sich scharf gegen den bekannten Artikel des soziademokratischen Oberpräsidenten von Ostpreußen, W innig, über Sozialismus und Antisemitismus. Mit der größten Entschiedenheit sei dessen Behauptung zurückzuweisen, daß W Prozent der Sozialdemokraten so dächten wie er; wäre das wahr, so würde er, der Redner, darauf verzichten, Abgeordneter der sozialdemokratischen Partei zu bleiben. Der nächste sozialdemokratische Parteitag werde zu dem Antisemitismus Stellung nehmen müssen. Die Sozialdemokratie werde in der Bekämpfung dieser volksschädlichen Bewegung nicht versagen, das deutsche Volk und das einsichtige Bürgertum dürfen aber die Arbeit nicht einer Parier allein aufbürden. Wir müssen aus dem gegenwärtigen Elend heraus,' und dabei müsse ein jeder Deutsche, sei er Christ oder Jude, pitarbeiten. Die antisemitische Frage sei vor allem eine Bildungsfrage; in der Hebung der Bildung und Vermehrung der Gesittung liegt die Gewähr, daß der Antisemitismus ausgerottet wird. Ein jeder müsse sich in den Dienst der Erziehungsarbeit stellen, damit nicht die Meinung entsteht, daß das deutsche Volk seinen Wiederaufbau mit der Entrechtung und Verfolgung der Juden einleiten will. Stürmischer Beifall, der auch bei markanten Stellen ihrer Darlegungen zu verzeichnen war, lohnte die Redner. Dann wurden (noch einige Satzungsänderungen vorgenommen, woran sieh die Vorstands¬ und Ausschußwahl anschloß. Wiedergewählt wurden in den Vorstand die Herren Reichsminister a. D. G o t h e i n, Geh. Reg -Rat W. F o e r s t e r, Geh. Justizrat Kanzow, M. d. L. Justizrat Dr. Bollert, M. d. L. (Berlin), Bankier Abg. S. War bürg (Haraiburg), Rechtsanwalt Dr. Bär Wald und Justizrat Dr. Gebrke (Frankfurt a. M.); neu traten, ein Finanzminister Dr. Südekum und Dr. Paul Nathan. In den Ausschuß wurden u. a. zugewählt die Pfarrer Dr. An er und Blei er (Chariofctenburg), Ide (Klein- Almerode), M o e r i n g (Breslau), Rieht e r (Königswaide), ferner Fürst Lichnowsky, Kultusminister Dr. Strecker (Darmstadt), Gcb.-Rat Bürgermeister Dr. Reiche (Berlin), die Oberbürgermeister Dominicas (Schöneberg), Pohlmann (Kattowitz), Schmie der (Eisenach), Voigt (Frankfurt a. AL), Frl. Dr. Bä um er (Hamburg), Brau Berta Paj»p anheim (Frankfurt a. M.). Nachdem aus der Versammlung dem Vorstand für seine Mühewaltung gedankt worden war, schloß der Vorsitzende die erhebend verlaufene Veranstaltung mit einer warmen Aufforderung zu weiterer riistiger Arbeit, um der Sache der Gerechtigkeit zum Siege zu verhelfen. * Monistische Märchen. Aus einem Briefwechsel. Voa Dr. Max önmwald. (Fortsetzung.) Biblische „Mythen“. Mit allen wissenschaftlichen Theorien hielt es;,- der Jude so, wie Odysseus mit dem Schleier des Ino, der ihm’ durch die Brandung an der Küste des Phläakenlandes das rettende Ufer erreichen half. Am Ziel gelandet, warf er ihn hinter sich in die Fluten. Nie hat sich' das Judentum1 auf eine bestimmte Philosophie, Astronomie oder sonst ein System festgelegt. Sobald sie einer neuen Erkenntnis weichen mußten, streifte er sie wie einen Schleier ab. Die Wissenschaft der Außenwelt überließ er den ander«,