Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 46 (5.12.1919)
- Date
- 1919-12-05
- Page
- Seite 638 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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‘ Seite "TU m. 'siiöcfi’y; & ehrter Herr Oberrabbiner, als konsequent-nationaler, ergo religiöser Jude, an Ihre Adresse einige Bemerkungen zu machen und einige Fragen “ aufzuwerfen.. An Ihre Adresse deshalb, (weil mit der heutigen jüdiscfanationalen Studentenschaft über jüdisch-religiöse Probleme überhaupt nicht; zu diskutieren ist. Jene herzlisdbe und nachherzlische Periode, in welcher fast jeder nationaljüdische Student entweder ein D2" oder wenigstens ein Kenner und Liebhaber des alten, und modernen jüdischen Schrifttums war, ist längst vorüber. Die jüdischnationale Gesinnung eines heutigen Studenten gehjL meist Schon so weit, daß man als „Klerikaler", als „Heuchler" und — bestenfalls — als verschrobener „Mystiker" verschrien wird, wenn man.den Namen "Gottes und im Namen Gottes und seiner Lehre zu sprechen wagt. Wie kann man also mit jüdischnationalen Studenten über solche „Schmonzes" und „Narreteien" reden? Aber Sie, sehr geehrter Herr Oberrabbiner, —: Sie wissen doch als Rabbiner und jüdischnationaler Theoretiker ganz genau, daß das jüdisch-rituelle Spei- -seproblem eines der wichtigsten jüdischnationalen Probleme bildet und bilden muß; Sie wissen, daß das jüdisch-rituelle Speisegebot .ein bedeutendes Schutzmittel — sagen, wir: eine Art geistig-nationales Schutzzollsystem — abgibt. Sie wissen feiner, daß, wie man auch über -das jüdische Religionsproblem (denken(mag,« s so g ar vom jüdischnationalen Standpunkte aus ein Gebot der Notwendigkeit ist, alle von nationaljüdischen Organisation im Golus und in Erez-lsrael zu gründenden ö f f en 11 i c h e n, sei .es wirts cha Etlichen, sei es geistigen Institutionen im Sinne Äer' jüdMLeh LMfe und Tradition zn' leiten," AAÄ'ch - res*wäre nationaler Selbstmord!! Wie können, wie dürfen Sie also zulassen, daß unter Ihrer geistigen Patronanz und unter Ihren Augen in einer jüdischen Mensa öffentlich! unjüdische Speisen verabreicht .werden? Und — da schon von jüdisch-religiösen Problemen die Rede ist — wie dürfen Sie es als Rabbiner . zulassen, daß innerhalb der jüdischen Studenten-, schaft eine geradezu unausstehliche Problemstumpf-, .heit in religiösen, will sagen: jüdisch-geistigen, Angelegenheiten Platz greift? Sehen Sie denn nicht ein, daß die jüdische Studentenschaft" bei unjüdischem Tun und -Leben trotz ' Eröffnung von .Talmudkursen, hebräischen Sprachunterrichtes und dergleichen immer mehr vom wahren Judentum abrücken muß und abrücken wird? Herzl hat den jüdischen Studenten den schönen Satz zugeiiifen: „Die Rückkehr zum Judentum ist vor der Rückkehr ins Judenland!“ Der Großteil der jüdischnationalen Studentenschaft aber scheint hierin dem großen Führer widersprechen und den Satz umprägen zu wollen: Die Abkehr vom Ju-i dentum ist vor der Rückkehr ins Judenland! Und -ist inan schon «o weit, dann ist nur ein kleiner Schrift zur Abkehr vom Judentum und A b k e h! r vom Judeulan.de / . . Das sollte einer rabbinischen Autorität von Ihrem Range klarer, viel klarer zum Bewußtsein kommen. ■ w ij-jsS' : Beiefcsminister a. D Dr. Gothein über die Hoffnungen auf die antisemitische; Welle in Deutschland, v Ara Sonntag, den 16. jd'. M., hielt der Verein zur Abwehr des Antisemitismus seine ordentliche Generalversammlung in Berlin ab, die sich trotz der Ungunst, der Witterung eines ungemein regen, Zuspruches zu erfreuen hatte. Den Vorsitz führte Reichsminister a. D. Gothein, der einleitend der im Berichtsjahr verstorbenen Ausschußmitglieder in ehrenden Worten gedachte, um! dann in großen Zügen über die Tätigkeit des Vereines zu berichten. Mit Genugtuung könne festgestellt werden, daß der Verein! in letzter Zeit über 1300 neue Mitglieder gewonnen habe. Sein Wirken habe namentlich im Wahlkampfe gute Erfolge, aufzuweisen gehabt, vor allem sei es gelungen, dem antisemitischen. Besitz in-Hessen*empfindliche ^Verluste beizubringen. Die .stärke antisemitische Strömung erfordere aber die Zusammenfassung aller Kräfte, und es sei daher notwendig, den Verein numerisch wie finanziell weiter zu stärken. Nach' Erstattung des Kassenberichtes durch Herrn Direktor Jaffö in Vertretung des erkrankten Schatzmeisters Geh.-Rat Kanzow und erfolgter Entlastung nahm Herr Reichsminister a. D. Gothein das Wort zu dem' Thema: „Die Hoffnung auf die antisemitische Welle.“ Eine Welle der Hoffnung sei, so führte er aus, im August 1914 durch das Land gegangen, daß man in Zukunft wie keine Parteien ß so auch keine Konfessionen kennen werde. Bald M aber änderten sich die Zustände. Ueberhebliche W Kriegsziele wurden propagiert, und wer sich' ihnen ■ entgegenstellte, wurde als. Helfer des Auslandes hin- ® g^^t.^SWöh'"dLMW^.WhMh?"die'G^ner. des Xhäfivinismüs als’ Juden und Judengenossen verketzert. : Auch im Heere machte sich bald wieder der Anti- , semitismiis breit, und. in der Heimat könnte selbsjt der Tod Ludwig Franks, des ersten und einzigen gefallenen Reichstagsabgeordneten, die Kluft flicht schließen, die unsere inneren Verhältnisse zerrüttete. Die Antisemiten, betrieben ihre Verhetzung mit den unwürdigsten Mitteln Weiter. Der Redner gedachte des schmählichen Versuches der „Judenzählung“ und der seither nicht zum Schweigen zu bringenden Hetze wegen jder Reklamationen für die ' Kriegsgesell- ‘ sehaften. und der hohen Gehälter, die in diesen Stellen von den Juden angeblich bezogen wurden. Mit Recht machte er darauf aufmerksam', daß unter den all reklamierten Beamten und Offizieren sich kaum Juden befunden hätten, und daß die höchsten Gehälter, wie statistisch' nachgewiesen, gerade an Nichtjuden gezahlt wurden; Mit dem Fortgange des Krieges wuchs die Hetze Weiter. Im Augenblick des Zusammenbruches zwar wagten die Antisemiten sich nicht hervor, desto wilder gebärdeten sie sich bald nachher wieder, namentlich bei den Wahlen, um die vorhandene Verbitterung von sich ab- und auf | die Juden hinzülenken. Nichts gab es, von Kriegsausbruch bis zur Revolution, woran die Juden nicht schuld waren. Führer der Deutschnationalen Volkspartei, wie Graf - Posadowsky, Df. Düh ringer, CI. v. Delhrück, mißbilligten zwar, so konnte der Vortragende aus eigener Erfahrung versichern, die antisemitische Hetze, konnten sich aber aus Mangel an Kraft uh<| Mut in ihrer Partei, nicht durchsetzen. Diese benutzte heute den Antisemitismus als Waffe, um wieder zur Macht zu kommen,. die Republik : zu stürzen und die Erfolge der Revolution 2;ü 'beseitigen: Diese antisemitische Bewegung ent-