Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 46 (5.12.1919)
- Date
- 1919-12-05
- Page
- Seite 637 (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang XXXVI Nr. 41 101« ( / Zentralorgan kür die gesamten Interessen des Judentums - Postkp&rkMtenamt Dötttschosterreich: 810.976 g Ungarn: 5.634 Tschecho-SIowak.: 10.976 Redaktion und Administration: Wien, II/l, Praterstraße 9 Telephon 45.359 *>coooooo Wien, 5. Dezember 1919 Erscheint jeden Freitag Brief-Adresse: Wien, II/l, Praterstraße Nr. 9 Telegramm-Adresse: Bloch’sWochenschriftWien 00or*coocoor.»:*0'aroo'»vv'wr^p SeruvspreL k D.-öst-rr.: z UsivjA' » g ... 'S üroue» OanzJUhrig ... 3 Kronen- Z für Taehccho-Siow. jährl. 30 K. | für Deutschland und da* übrige 3 Attalan^ jähr:lch . . 39 JUc. | Ela^elexensp nre . cO Heiler § I Anzeigen: Di - zweimal gespaltene § Petitzen* 70 Heuer $ Inhalt: Leitartikel .‘'Offener Brief an den Oberrabbiner Dr. Chajea. — Reichsminister a. D. Dr. Gathein über die Hoffnungen auf die antisemitische Welle in Deutschland. — Monistische Märchen. — Yom Jahrmarkt de* Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. — Kultur. — Ritualmordhetze in Polen. — Die Prozentnorm in Posen. — Die grandiose Entdeckung des jüdischen Mathematikers Einslein. — Was man sich so erzählt. — Korrespondenzen: Aus der Plenarsitzung der israelitischen Kultüsgemeinde Wien — Unerfreuliche Zustände in der Wiener jüdischen Gemeindebibliothek. — Vogelfrei. — Vermischtes. — Feuilleton: Ein Baal-Sehem aus dem XI. Jahrhundert. — Berichtigung. — Literatur. — Briefkasten. Offener Brief an den Oberrabbiner Dr. Chajes. Von Dr. Bon-Zion. Feßler. . Euer Ebrwürden! Als Sie vor ungeilähr eineinhalb Jahren das Erbe Dr. Güaemanns antraten, löste diese Ihre Berufung zum geistigen Hirten stolze Hoffnungen und berechtigte Erwartungen unter allen nafional-iüdischen Schichten aiis. Der Ruf Ihrer Gelehrsamkeit und Ihrer begeisterten Hingabe für Juden und Judentum ließen es mit Bestimmtheit erwarten, daß Sie das in Wien vor 30 Jahren einsetzende Werk der jüdischen Wiedergeburt erfolgreich krönen würden. Was Smolenskin begonnen, Birnbaum und Herzl auf- und fortbauten, sollten Sie — und zwar als Oberrabbiner selbstverständlich auf rein geistigem Gebiete und in rein geistiger Tätigkeit — glücklich zur Vollendung führen. Nun kann und soll ja Ihre bisherige Leistung gewiß weder verkannt noch unterschätzt werden. Ihre rege Vortragstätigkeit und Ihre hauptsächliche Mitwirkung bei der Gründung jüdisch-kultureller Institutionen (siehe Pädagogium) trägt ja gewiß zur Stärkung des Interesses für Juden und Judentum und zur Hebung des geistigen Niveaus innerhalb der hier befindlichen Judenhejt bei. Gerade deshalb aber verdoppelt diese Ihre prononcierte Stellung — als geistiger Protektor der jüdischen Nationalpartei ich Deutschösterreich sozusagen — Ihre schon ohnehin in der Stellung als Oberrabbiner bestehende Verantwortlichkeit für alle dem Judentumschädlichen Handlungen, Richtungen und Fälle, die sich innerhalb der jüdjsehnationalen 'Organisationen zeigen. Ein besonders symptomatischer, fast skandalöser Vorfall kann und darf der breiten jüdischen Oeffent- Jichkeit nicht verschwiegen werden: Bekanntlich bestand unter der Leitung des jüdischen Ausspei sumgsvereines' -„Einheit“ jeme Mensa acadmnica jüdäicä^ in welcher für nur koscher und auch koscher essende jüdische Studenten (die leider in großer Anzahl vorhandenen, auf keinen Fall koscher essenden “TttWtt - Typen gehören in ein anderes Kapitel) rituelle Speisen verabreicht wurden. Im Monat Oktober dieses Jahres trat der jüdische'Hochschulaüsschuß an den Studentenausschuß der rituellen Mensa mit dem Voiscblag heran, diese aufzulösen und mit der vom jüdischen Hochschulausschuß zu gründenden rituellen allgemein jüdischen Mensa zu vereinigen. Gesagt, getan! Das-heißt: die alte rituelle Mensa wurde aufgelöst, doch die neue war alles andere, nur nicht rituell. Als nun die dem Verhungern ausgesetzten religiös gesinnten Studenten Lärmschlugen, bei dem jüdischen Hochscbulausschusse protestierten und — trotzdem nichts ausrichten konnten, wendeten sie sich in ihrer Ncit an den Oberrabbiner, der ihnen b im* dend versprach, die jüdische Mensa werde nach einigen Tagen streng koscher werden, sie können sich darauf verlassen. Dies geschah auch, doch die Herrlichkeit sollte nicht lange währen. Die große Masse der jüdischnationalen Studentenschaft, deren jüdischer Patriotismus nicht einmal zum Verzicht auf die „besseren” treifenen Speisen sich1 aufraffen kann, murrte und verlangte, wie seinerzeit das heidnische Israel, nach den „Fleischtöpfen Aegyptens”. Und sieh, eines schönen Freitags wurde mir 1122^ Trefe-Fleisch eingekauft und — schändlich genug — Ohne die religiös gesinnten Studenten durch Tafelanschlag auch nur zu warnen, mit größter Seelenruhe aufgetischt. Hiermit war ein fait accomph geschaffen, der „Putsch” war gelungen! Von nun ab hälfen weder Bitten und Proteste seitens der religiös gesinnten Studenten, noch der vielleicht vorhandene gute Wille des Präsidenten des Hoehsehulausschusses und — merkwürdig genug! — auch der sicherlich vorhanden gewesene gute Wille des Oberrabbiners kam diesmal nicht zum Vorschein. Das und so ist der trockene Tatsachenbestand, wie er mir von glaubwürdiger Seite geschildert wurde. Und nun gestatte ich mir ergebenst,, sehr ge-