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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-11-28 · 45 (28.11.1919) · p. Seite 628

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
45 (28.11.1919)
Date
1919-11-28
Page
Seite 628 (sequence 8)
Language
German
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Se&e?S4 Or, ÖLOCHS WOCa^SCHKiFi . Nt. 45; Von der Nationalrei^ammtung. haben wir. Juden auf die Dauer nichts besonders Gutes zu erwarten. Bisher haben hier die Sozialdemokraten. die Vorherrschaft inne und diese werden wohl der Reaktion keine Dienste erweisen. Aber dieser Tage war bereits die Rede davon,, daß die Sozialdemokraten aus der Regierung ausscheiden pnd in die Opposition Zehen wollen. Wie kommen sie denn auch dazm das bankerotte und beinahe unrettbare Staatsgeschäft zu führen, das ihnen die Christlichsozialen übergeben haben? Es Wäre viel besser gewesen, diese am Ruder Zu lassen und sie so in die Zwangslage zu bringen, sixh auf Jahrzehnte hinaus unmöglich’ zu machen. Aus Furcht um die Durchführung ihrer Grundsätze und um den Fortbestand der Republik sind die Sozialdemokraten vorläufig noch auf ihren Plätzen .geblieben, aber ihre Vorherrschaft wird ganz gewiß viele Monate nicht überdauern. Man spricht davon, daß die Nationalversammlung bis zum Mai ihre Hauptaufgaben. erledigt haben wird und daß dann Neuwahlen kommen. Bei diesen Werden die Sozialdemokraten gewiß eine große Anzahl von Sitzen verlieren. Das Volk ist kurzsichtig und nur auf seine nächsten Interessen bedacht, die im körperlichen Wohlbefinden bestehen, das jetzt allerdings geschwunden ist. Man wird also trotz Sauerkraut, Sohlen und Marmeladen, trotz Kriegshetze und Kriegsgewinn, trotz der christlichsozialen Einkreisung Wiens die Gegner der Sozialdemokraten wählen und das sind cße Christlichsozialen. Diese und die Großdeutschen werden den Unwillen über das Auftreten der Arbeiterräte und andere Ungeschicklichkeiten und Fehler ausnützen und werden das Volk-, mit tönernen Versprechungen anlocken. . Dann werden (wir eine Nationalversammlung haben, in welcher die-Koalition nicht mehr aus Sozialdemokraten und Ch'ristiidhsoziälen, sondern; aus Christlichsozialen -md Großdeutschen bestehen wird. Monarchistische Bewegungen Werden mit Macht zum Vorschein kommen und sich wie gewöhnlich die Juden als Angriffsobjekt aussuchen. Die antisemitischen Heißsporne werden es sich nicht nehmen fassen, direkt oder indirekt Verfügungen gegen die Juden zu beantragen und manche Abstimmung kann sehr leicht gegen die Jud^n ausfallen. Es heißt also bei Zeiten, alle möglichen „Vorkehrungen gegen diese Möglichkeiten zutreffen, alle aktiven Kräfte des Judentums zu versammeln, alle Organisationen auszu- •bauen und alle Streitigkeiten im jüdischen Lager womöglich auszugleichen und beizulegen. Eine starke und hohe Welle der Reaktion ist leider mit Sicherheit zu erwarten, sie' muß ein fest ^gezimmertes Schiff treffen. 0 sagt. Im. Orient. schließen. bekanntlich die Kaufleute schleunigst ihre Läden, wenn irgendwo, in der Stadt ein Tumult entsteht,, weil sie Wissen, daß sich, dieser schließlich in den Bazar fortsetzt. Den Juden geht es gerade, so, wenn sich' irgendwo ein politischer Tumult vorbereitet oder abspielt. Sie müssen dann gespannt auf der Hut sein, weil sich die Bewegung ganz sicherlich auf die jüdischen Gebiete erstrecken wird, ob jiun mit. diesen ein Zusammenhäng besteht oder nicht. Beispiele dafür sind München und noch mehr Ungarn. . -. Als die Bolschewiken in Budapest die Herrschaft bekamen, begann bekanntlich’ eine Mässenflucht der Judem Sie flüchteten ins 'Ausland, in die Provinz oder in die — Taufe. Schärfer konnte doch’ der Protest gegen den Bolschewismus von ihnen nicht zum Ausdruck gebracht werden, von ihnen,, die doch seine ersten und stärksten Opfer waren. Sie atmeten also auf, als die Bolschewiken endlich1 vertrieben waren. Da kamen aber die Rumänen und richteten ihre Eroberergelüste vor allem’ gegen die Juden, die sich abermals ducken und fürchten mußten. Nun zog endlich1 .die Befreierarmee ein, welche nach den Bolschewiken die Rumänen aus der Stadt brachte. Sie hätte die Juden, welche Wahrlich für den Aufschwung Ungarns genug getan haben, besonders begrüßen müssen. Statt dessen aber hört man nichts als antisemitische Schlagworte, fürchtet man wieder für ^eben und Eigentum der Juden. Jede von den Parteien hat also die Verfolgung, äußerlich aus verschiedenen Gründen aufgenommen, innerlich1 aber aus dem gleichen: Die Juden können sich nämlich nicht wehren, sind nicht organisiert, sind zerfahren und daher ein Opfer jedermanns. Sie sind die Weitaus der Politik aber dort, wo die Reibung stättfindet. Noch,wirkt die. Macht der Entente auf die. ungarischen Machthaber ein, aber Friedrich und Huszar warten nur darauf, zu .beweisen, daß sie den Ruf ihrer wütenden Judenfeindschaft Wirklich verdienen. . Hoch Hindenbürgl Hoch1 Ludendorff I Nieder mi den Juden! Das waren die Rufe, Welche hei der letzten^ Wachparade am Sonntag in München erhoben wurden. Wer jemals in München gewesen ist, der weiß aus eigener Anschauung, daß dort die Juden gar keine Rolle spielen. Die wenigen, die dort vorhanden sind, leben in der gemütlichen Bierstadt gemütlich mit den Christen und haben sich niemals' in unangenehmem Sinn auffällig gemacht. Es ist zwar richtig, daß anläßlich der Bolschewikenherrschaft auch jüdische Studenten äufgetreten sind, aber ihr Treiben •tritt sich' gegen .die Juden mindestens ebenso gerichtet wie gegen die andere Bevölkerung und sie Waren daher von den Juden gehaßt. Woher also die antise* mi tischen Rufe hei der monarchistischen Kundgebung? Es ist ein altes Rezept^ das leider niemals ver- Dle luden und der Bolschewismus. Das Londoner jüdische Korrespondenzbureau berichtet: Oberstleutnant l'Estrange Malone, ein Mitglied des House of Commons, der kürzlich' Moskau, Petroerrad und andere russische Städte besucht hatte, schreibt im „Daily Express“ vom' 4. November: „Trotzkv ist einer von den wenigen Juden, die unter den höheren Kommissären zu finden sind. Viel Lärm Wird in der Welt bei streitsüchtigen Elementen gemacht, wenn es gilt, die Juden zu kritisieren. Es j&sibt ziemlich viel Juden in der.Sowjet-Administration, ^insbesondere im Kommissariat für auswärtige Ange- Ijjüegenbeiten, wo ihre Kenntnis ausländischer Sprachen 1 psie besonders’ nützlich' macht. Es ist indes absurd, ah /(‘den Sowjets Kritik Zu üben, nur Weil sie Juden sind, ■gln der englischen Regierung gibt es einige Minister von jüdischer Abkunft, im Sowjetministerium’ nur einen einzigen. Ich würde mich aber lächerlich matz. eben, wenn ich irgendwelche Schlußfolgerungen daran knüpfen würde. 1 Hugo Hasse. . Der Führer der Unabhängigen Sozialistischen , Partei Deutschlands, der Abgeordnete Rechtsanwalt Hugo Haase-Königsberg, ist an den Folgen des Attentats, das aus persönlicher Rache ein für geistes^ -krank. befundener Lederarbeiter auf ihn anskührie.; in Berlin gestorben. Seine politische Wirksamkeit wird Von den verschiedenen politischen, Parteien seih1'

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