Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 44 (21.11.1919)
- Date
- 1919-11-21
- Page
- Seite 614 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 710 Dr. BLOGH’S WOCHENSCHRIFT " Nr. 44 uAen, Äo (Laß flie Abstimmung über die einzelnen Resolutionen wegfällt. Herr Lederer bespricht die Uehelstände bei der Mikwah und verlangt, der Vorstand möge die Verwaltung derselben übernehmen. Herr Pappenheim beantwortet dies1, daß der Vorstand nicht allein entscheiden könne, wenn auch die Schi ff schul allein seit 16 Monaten das Heizmaterial' für die Mikwah, wohl auf Kosten der Gemeinde, besorgt hat. Herr Dr. Spitzer spricht namens des Kultusgemeindevorstandes dem Vorstande und der Gesamtheit der Adas1 Jisroel für die Leistungen den Dank aus. Die Leistungen der Adas Jisroel seien über alles Loh erhaben und können jeder jüdischen Gemeinde als1 Nachahmungsbeispiel dienen. (Beifall.) Herr Felsen bürg spricht dem Vorstande seinen Dank für seine unermüdliche Tätigkeit und den 'Vorsitzenden für die musterhafte Leitung der Versammlung aus. (Beifall.) Der Vorsitzende dankt den Rednern und den Erschienenen und schließt die Versammlung. Hilferuf der Ukraine* Die ukrainische Regierung hat sich an die Entente und alle übrigen Staaten der Welt mit einer Kundgebung gewendet, in der sie auf den hartnäckigen Kampf gegen den Bolschewismus1 hinWeist, den das ukrainische Volk seit Monaten ohne jedwede Unterstützung führt. Dieser Kampf wird jetzt durch das1 rücksichtslose Vorgehen Denikins gegen die Ukrainer äußerst erschwert. Die Kundgebung schildert die Vernichtung aller Rechte des ukrainischen Volkes' und die Unterdrückung* der ukrainischen und jüdischen Nation durch die russische Freiwilligenarmee und erhebt dagegen energischen Protest. Die Regierung der ukrainischen Volksrepublik hat die Hoffnung auf eine Verständigung mit den Russen verloren und erwartet, daß die Ententemächte, welche den General Denikin materiell unterstützen, sein Vorgehen gegen das ukrainische Volk nicht länger dulden werden. Die Ententemächte mögen Denikin veranlassen, das' Gebiet der Ukrainer zu räumen und hiedurch dein' ukrainischen Volke die Möglichkeit zu geben, in Seinem Lande Ruhe und Ordnung herzustellen. DieSer Kundgebung folgte ein Appell PetljuraS an die französische Demokratie, in dem' er sich hCftig über die Entente beklagt und Denikin einen Agent Deutschlands' nennt. Er beschuldigt ihn, daß er nach Niederwerfung der Ukrainer den Kampf gegen Polen und Rumänien aufeehmten wird. Ergreifend und erschütternd wirkt es, zu hören, daß drei Viertel der ukrainischen Soldaten weder Schuhe noch' Kleider haben. „Aber ihr Geist“ — ruft Petljura befriedigt aus1 — „erlahmt nicht!“ Der Typhus1 — Sagt er ferner — dezimiert unsere Armtee; viele der Kämpfenden sterben wegen Mangel an Arzneimitteln und Wäsche und die Ententemächte, die die erhabensten Prinzipien predigten, verwehren dem Roten Kreuz, zu ujnS zu Kommen'. jW i r s11 e r b‘ e n u n d die Entente wäscht ihre Hände wie Pilat usC uns bleibt nichts' übrig, als ihr zuzurufen: Morituri te sälutaht! Man möge die Blockade über uns aufheben, uns1 in die Lage versetzen, für unsere Armee und unSer Volk medizinische Apparate und Arzneien, die uns fehlen, zu kaufen. Wir hätten eine reiChe Ernte und. werden die Dinge mit Getreide bezahlen! Wild' dieser herzbrechende Appell gehört werden? Von der Fester israelitischen Re!jgionsigemeinde. Die hundertdreiunddreißig Tage währende Sowjetherrschaft hat die Tester Israelitische Religionsgemeinde in einer Weise materiell geschädigt, daß es ungeheurer Anspornung bedürfen wird, ihre Finanzen wieder in Ordnung zu bringen. Die Gemeinde strebt deshalb eine Reorganfe sierung ihres bisherigen Besteuerungssystemes an, das sich auch früher schon, als unzulänglich erwiesen hat; sie will auf das Gebiet der Selbstbemessung der Steuern übergehen, das heißt, es jedem Mitglieds anheimstellen, im Bewußtsein seiner Pflichten als Jude, selber die Höhe der Beiträge zu bestimmen, die es für die Gemeinde leisten will. Daneben soll eine Dezentralisierung der Gemeindeagendeh durch den Ausbau des Bezirkssystemes und die Schaffung von Bezirksaussschüssen erfolgen und auch energisch an die Beseitigung des immer fühlbareren Mangels an Tempeln geschritten werden. So sollen schon in kürzester Zeit in 'drei Bezirken neue Gotteshäuser erbaut werden. Ein ungarischer Politiker über den Antisemitismus!. Der ungarländische Bevollmächtigte der Eptente, Sir George Clerk, der derzeit in Budapest die Entwirrung der politischen Lage anbahnt, hat unter anderen auch eine Deputation der Nationalen Demokratenpartei empfangen, deren Führer Dr. Wilhelm Vdzsonyi den englischen Staatsmann auch über die Lage der ungarländischen Juden informierte. Dr. Vdzsonyi sagte unter anderem: „Wir Juden anerkennen das Recht jedermanns, Antisemet zu sein. Wenn aber jemand. Antisemit sein will, so tue er es auf eigene Kosten. Der Antisemitismus mit öffentlichen Geldern, mit dem Gelde des Staates aber darf nicht geduldet werden.“ Hierauf trat der einstige Minister des Innern, Gabriel von Ugroh, der Sproß einer uralten Siebenbürger Adelsfamilie, hervor - und -sagte: „Unser Redner und Führer ist ein Jude Und trotzdem leiste ich als Glhrist Ihm Gefolgschaft!. Ich bin ein Katholik; meine Familie kann ihren Ursprung auf über tausend Jahre zurückführen. Dennoch bin ich, kann ich1 nicht Antisemit sein, denn ich stamme aus jenem Siebenbürgen, das unter Gabriel Bethlen vor Jahrhunderten die Religionsfreiheit deklariert hat.“ Es sind dies göl-r dene; unvergeßliche Worte einer dunkeln, an Vorurteilen so reichen Epoche. Sir George Clerk hat unter den zahlreichen Politikern und Staatsmännern auch den Rabbiner Dr. Elias Adler, den Chefredakteur des „fester Lloyd", Josef Vdszi und mehrere andere Juden empfangen und sich auch von ihnen über die allgemeine Lage und über die Wünsche der patriotischen Judenschaft Ungarns orientiren lassen. Frankreich1, Laut „ Jewish Chronicle“ jwurde Morg ent hau in Paris1 von der Alliance Israelite auf einem1 Bankett gefeiert, an dem auch1 W Ina wer aus1 Petersburg und Luden Wolf teilnahmen. In seiner Rede betonte Morgehthäu, daß in Polen sehr arge Exzes&e vorgekomimten seien, bei denen gegen 300 Juden ums Leben kämen. Auch' viel jüdisches Hab und Gut wurde geplündert. Die Schuld dafür könne inan jedoch nicht , der polnischen Regierung zusöhieben, da Sie machtlos gegen die Pogrombanden war. Die Hauptsäche sei, jetzt für die Zukunft zu sörgen und ein härmonischtes Zusammenleben aller Bevölkerungsteile Polens herbeizuführen. Die europäischen und amerikanischen Juden müssten ihren polnischen Brüdern materielle Hilfe bringen. Berlin. Die Antrittsvorlesung des neuen Dozenten Dr. Harry Torczyner fand1 am. vorletzten Sonntag im - großen JHöTsaal der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums1 statt. Als1 Vorsitzender des Kuratoriums der Anstalt eröffnete Geheimrat Pro-