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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-11-21 · 44 (21.11.1919) · p. Seite 610

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
44 (21.11.1919)
Date
1919-11-21
Page
Seite 610 (sequence 6)
Language
German
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Seu« 708 Br. BKOGITS WÖGEBHSfSGHRIFT Nr. 44 Opfer fiel. In der „Deutschen "Zeitung“, setzt der ’ Chefredakteur Wulle seine anti semitischje Hetze gegen die deutscbösterreichischte Regierung fort. Er bespricht in seinem’ neuesten Artikel das Heiuzenland und erklärt, die Wiener .Tudenregierung weigere sich, die jüdischen Bols'chewisten Ungarn auszuliefein. Deshalb' richte sich' der Haß der deutschem Bauern nunmehr gegen Wien. Es sei der jetzigen ungarischen Regierung ein leichtes1, den Anschlußgedanken der Heinzen an Deutstebösterreich' mit allen Mitteln zu bekämpfen. Audi' hier räche sich! geradezu der sträfliche Leichtsinn der Wiener Regierung. Nach dem Zusanfmenhrudf hätten wenige Bataillone genügt, das deutsche Heinzenland in Besitz zu nehmen. Jetzt lasse sich natürlich daran nicht mehr denken, den Besitz des Heinzenlandes Ungarn mtit den Waffen in der Hand streitig zu machen. Der lächerliche Angriff richtet sich' wohl von Seihst. Wenn die Wiener Regierung die ungarischen Botstehewiken trotz dem feierlichen Versprechen des Asylrechtes' auisliefem wollte, so würde sich wohl in der gesamten gesitteten Welt, also nicht in der antisemitischen, ein Aufschrei der Entrüstungüber diesen 'Wortbruch erheben. Ohne Freunde der Bolschewiken zu sein, der jüdischen schon gar nicht, mÜSsen wir und jeder andere auch' ihnen gegenüber den Weiterbestand der Staatstnöral verlangen. Was aber die angeblich versäumte- Besetzung des Heinzenlandes anbetrifft, sO mag der antisemitische Federheld uins sagen, ob sich Oesterreich hätte einen neuen Krieg feisten können, mit welchen Personen und; welchen Mitteln? Weh hätte man gefunden, der sich' für eihe Annexion hätte totSdhießen lassen und wer hätte einen Feldzug bezahlt? Solche irrsinnige Ideen kann doch wohl nur ein groMeutsebes Gehirn aus* hmten. Wir haben Westungam von der Friedenskonferenz bekommen und diese wird WteM auch1 imstande sein, uns’ das Land zu verschaffen. Wenn die Regierung einen Einmarsch hätte wagen Wollen^ so hätte sie eine Blamage oder eine Revolution riskiert/ Einem deutschnationalen Antisemiten ist aber jeder Blödsinn recht, wenn er ihn nur für seinen Kampf ausnützen kann. *# * . Beim Einzug Horth’y s in Budapest ist sehr viel vom „christlichen" Ungarn gesprochen worden. Dagegen ist nun gar nichts einzuwenden, nicht ein Wort, wenn es1 keine Feindseligkeit bedeutet- Die ungarischen Juden, welche immer die größten Chauvinisten waren und zum’ Rubin und Erfolg nicht wenig beigetragen haben, empfangen nun den für Juden üblichen Lohn. Man muß nur fürchten, daß das Wort „christlich“ jene Nebenbedeutung bekommt, den es bei den Pogromen im Oedenburger Komitat gehabt hat. Denn es’gibt leider keinen Umschwung, bei welchem nicht die siegende oder besiegte Partei sich an die Juden hält. * * Die ganze furchtbare Welttragödie der Juden zeigt sich in einer lakonischen Depesche, welche . über das neutrale Ausland zu unS kommt und alle fühlenden Herzen erzittern macht. Das vielsagende Telegramm hat folgenden kurzen Wortlaut: Die dänische Zeitung „Politiken“ meldet aus1 Paris’: Die Pariser Aufgabe der „Chicago Tribüne“ bringt Nachrichten über fürchterliche Judenpogrome in Rußland. In den letzten zwölf Monaten Seien 200-000 Personen ermordet worden. Von allen Seiten Wirft man sich auf die unglücklichen Jüdeh. Die Bolschewisten töten sie, Weil sie sie für Bourgeois, und die «Weißen töten sie, weil Sie s'ie für BolslchfeWis.iten halten. AIS die Bolschewiken in Rußland und Ungarn ans’ Ruder kamen, haben sich massenhaft Juden taufen las'sen, um' den Judenverfolgungen durch’ die Reaktion zu entgehen. DäS hat ihnen ebensowenig genützt, als wenn sie sich gefügt hätten’. Männer, Frauen und Kinder wurden unter schrecklichen Greuelszenen gemeuchelt, weil sie Bolschewisten Waren oder im Gegenteil Bourgeois1, weil Sie Feinde Waren oder Freunde, weil sie Weiß oder SehWarz waren, aus diesem Grund oder aus’ seinem Gegenteil. Das1 jüdische Blut fließt in Strömten, weil es eben von Juden komknt, die Bestie ist erwacht und äffe Menschlichkeit wEtÜ von ihr gemordet. ■ Pogromhetze am Nationalfeiertag. Aus.Linz wird uns berichtet: .Allgemeine Empörung rief hier ein Bubenstück hervor, dessen Anreger — wahrlich unverfälschte Patrioten — den Gedenktag der Proklamierung 'der österreichischen Republik dazu benützten, um’ ihren traurigen Mut'an den Juden zu kühlen. Dieser Entrüstung in der Linzer Bevölkerung gibt die „Tagespost“ in folgenden Worten Ausdruck: Einen argen Mißton brachten H e t z p 1 a k a t e in die Stimmung des Tages-, die von unbekannten Händen nachts zuvor in Hunderten von Exemplaren auf HäuserfasSaden, Fenstertakeln und auf 'Säulen angeklebt worden Waren. Diese Zetteln, die das Schlagwort trugen „Der Vernichtungsfriede — ein Werk der Juden“, fordern förmlich zu Pogromen auf urid e’S muß ihre Afficblerung bei der leichten; Reizbarkeit, von der jetzt weite Kreiste erfaßt sind, als gewissenlose Büberei bezeichnet Werden. Ein Stüdentenkonffikt an der Hamburger Universität. Am Schwarzen Brett 'dieser Universität hatte der Studenten a u s S'c hru ß folgende ..Anträge angeschlagen, um Über sie absümmen zu lassen: „Absatz 1. Wahlberechtigt (zur studentischen Vertretung) und Wählbar ist jeder Studierende großer und \kleiner Matrikel ohne Ansehen der Volkszugehörigkeit. Absatz 2. Nationale Minderheiten an der ‘Universität Hamburg dürfen jedoch1 nur entsprechend ihrer Kopfzahl Vertreter aufstellen. Angehörige eines fremden Volkes, die im "Besitze der deutschen Reicbsangehörigkeit sind, gelten nur dann als nationale Minderheiten, wenn sie nicht den Willen zum Deutschtum, sondern den Willen zu ihrem Stammvolk' haben. Nationaljüdisch! jausgerichteteJu de n (das heißt Juden, für die ein völkisches Zusammenhalten der Juden besteht oder erstrebenswert ist) haben die Rechte nationaler Minderheiten. ■; Bei Annahme des Absatzes 2 enthält die Wahlordnung folgende Bestimmung: Die Wahlvorschläge der nationalen Minderheiten werden zu einer besonderen, als solche kenntlich gemachten Vorschlagsliste vereinigt; Angehörige eines fremden Volkes, die [die deutsche 'Reichsangehörigkeit besitzen und die sich als Studentenvertreter aufstellen lassen, haben dem Wahlleiter auf akademisches Bli'reü wort zu erklären, für welche der beiden Listen sie gemäß .ihrer inneren Einstellung in Betracht kommen.“ Hierzu war vom Antragsteller folgende Begrün.- düng veröffentlicht: „Der vorliegende Antrag ist geschrieben worden in dem Bewußtsein, das wir aus dem Kriege beimgebracht haben-: 1. ‘ das Erlebnis - „Volk“, als Kulturgemeinschäft und 2. die

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