Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 44 (21.11.1919)
- Date
- 1919-11-21
- Page
- Seite 609 (sequence 5)
- Language
- German
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Seit* 705 " Dr. BLOGHB WO€HEJffSCÖRIFf " '■ Die jüdische Politi k ändert ihr Prinzip. Forderte man gestern Gerechrigkeit, um die politische Scheidewand, die für uns ja weit mehr noch arä rein politisch' ist, niederzureißen, so verlangt man sie heut, um1 die einst verpönte reinliche Scheidung konsequent durchführen zu dürfen. Ebenso wechselt das .geistige Judentum sein Angesicht. Die Skepsis' der Selhstzerse'zung weicht in immer 'weiterem Bereich' einem mystischen Sehnen. Aus all dem' Brodeln und Wogen der Nebel, nach Gestaltung ringender Kräfte muß wie die Sonneklar hervortreten unser altes Sitten ge setz, das seine Betätigung auf Erden fordert, seinen Grand und Ursprung aber in den Himmel verlebt. Wozu das Herz uns antreibt, es muß vor dem Licht des Verstandes bestehen! (Wird fortgesetzt.) Vom Jahrmarkt des Lebens. . Glossen zur Tagesgescblcbte. Also die Rumänen wollen den Frieden von St. Gehnain auch unterschreiben, ohne auf ihrer Forderung zu bestehen/ Diese Forderung war, daß der Artikel Nr. 60 aufgehoben werde, welcher die Regelung des Minoritätenschutzes1 in einem besonderen Vertrag vorsieht. Die rumänische Regierung bittet nur, diesen Minderheitsschutz in freundschaftlicher Weise und ohne Härten für Rumänien durehzuführm. Was das alles in der Uebersetzüng aus der diplomatischen Sprache in die deutsche heißt, ist leicht zu erraten. Rumänien wird in Seinen neuen Gebieten eine Menge von Volksistämmen vereinigen, wie Magyaren,': Russen, Ruthenen.' Diesen soll es Gerechtigkeit widerfahren lassen und wird es "ewiß zum Teil tun. Dagegen hat das Reich auch Hunderttausend© entrechteter Juden in seinen Grenzen. Dime mußten alle in den Krieg ziehen, soweit sie wehrfähig waren, aber konnten es bei aller Tapferkeit nicht einmal zum' Gefreiten bringen. Wegen dieser jüdischen Sklaven trotzte nun Rumänien monatelang der ganzen Entente, wollte um keinen Preis ihnen die politische und moralische Freiheit schenken. Nun haben die „Franzosen des Ostens“ plötzlich nachgegeben. Natürlich' nur auf dem Papier, wie sie schon einmal den Paragraph 44 des Berliner Vertrages unterschrieb en haben mit idem Versprechen, ihren Juden die bürgerliche Gleichberechtigung zu geben. Aus diesem Versprechen wurden scheußliche Pogrome und eine beispiellose Unterdrückung. Das wagte das kleine Rumänien dem "großen Europa, zu bieten. Was wird nun Großrumänien tun und tver kann und wird es mit Gewalt zwingen, seine Verpflichtungen zu erfüllen? Welche Absichten Rumänien hat, geht wohl aus seinem Widerstand gemn die Entente hervor und wie es Sein Wort einzuhalten gedenkt, sieht man aus der Ausweisung der seit Jahrhunderten ansässigen Siebenbürger-Sachsen. Wie wird es erst mit den armen Juden verfahren? Der Leiter der Unterrichtsverwaltung hat bei der republikanischen Jahresfeier der Mittelschüler selbst die Festrede gehalten und wurde dabei durch einen Zwischenfall gestört. Als er nämlich darauf verwies, daß wir keine Herrscherdynastie haben, sondern — warf ein geistreicher Zwischenrufer ein: „Die Ju- - den!“ Die Reichspost“ vermerkt an dieser Stelle stürmischen Beifall für den Zwischenrufer, der den Unterstaatssekretär in Verlegenheit gebracht haben soll, aber in Wirklichkeit antwortete dieser nur kurz mit einer Bemerkung über Takt und gute Erziehung und konnte dann m seiner Rede fortfnhrm. Der Unterstaatssekretär hatte aber den deuts^hnationolen Hehlen der Schulbank, die gleich ihr n erwachsenen Gesinnnngsmnos'-on wie eine läch~riche Gummipuppe „Jud! Judt“ quietschen, wo immer man sie drückt, etwas ganz anderes antworten können. Vor einem Jahr nämVh hatten wir keine Juden in der Regierung, oder an irgendeiner leitenden SteUe, sondern nur d9ufschnationa1e Ar'er Wassers, gemischt mit Christlichsozialen. Diese w^rm die ausisnh1ieß1rhen Drahtzieher dr Regierung und der Dvnastie. die nur ihre Marionetten waren;' Und was ist dabei herausgekommen? Während schon das gan?e Gebäude der Monarchie im Zusammenstürzen . war. schrien diese Regenten wie ein Chm von Teichfröschen: Durchhauen, durchhalfen! Sie wußten ganz gut, daß man nach dem November vor Hunger sterben werde. dmn die Berichte darüber lagen vor, aber sie füllten ruhig ihre Taschen mit Geld und ihre Brust mit Orden. Sie reizten die slawischen Völker durch Verhaftungen ihver Führer und schwere Drangsalierungen, sie regiert"n den Staat vollends zugrunde und als die von ihnen regierte Regierung und völlig beherrschte Dvnastie nicht mehr zu retten waren, gaben ihnen ihre chrisdiphsozialdeutschnationalen Freunde sofort den bekannten Eselstritt und schauten nur schleunigst, in der Republik die fettesten Posten zu erhaltm. Nach' d-m Verlust dieser Posten wurden sie wieder Feinde dm Republik, zum größten Teil ausgesprochene Monarchisten und bereiten der von ihnen seihst ausgerufenen Regierungsform alle möglichen Schwierigkeiten. Man sieht, die Deu*s'dmeticnalen sind je nmh Bedarf recht wandelbar und die von ihnen so h°rt bekämpfte Tarnopoler Moral hätte es! .in der Politik auch nicht besser machen können. ’rr.''' » pg* Auch in Deutschland rühren sich' die Monarchisten gewaltig. Sie haben die Köp*e der unreifen Tugend für sieh gewonnen und wünschen natürlich wieder im Schatten des Thrones als müßige Drohnen zu leben, das Volk anszuhenten und zu veraehten und Glanz und Einkünfte zurückzugewinnen. Zu diesem Zweck erzeugen sie dauernde Unruhm für die sie die antisemitischen Instinkte des PöbeTs bm"tzm und aus denen sie Vorteil zu ziehrn erhoffen. Außerdem aber agitieren sie durch Fluridäfter gegen die Regierung, die doch wirklich voll Festigkeit und Eifer ihr Bestes tut. Die Antisemiten aber marschieren mit Ziffern auf, in denen sie den finanziellen und industriellen. Niedergang des Reiches1 mit dm Aufstellungen aus dem letzten Kriegsjahr vergleichen. Ein (Pm'mer'S und verlogeneres Unterbanden kann man sich niriht denken. Sie sollen doch einmal die Ziffern aus den letzten Friedensjahren mit dmen aus den Zeiten des Krieges vergleichen, den'sie hmaufbesohwmm, ausgebeutet und bis zum voUs‘ändi~en Niedmbruch des ganzen Volkes weitergeführt haben. Wmn die Dinge einmal auf der schiefen Ecke im Rollen sind, 'dann sind sie nicht mehr aufzuhalten, oh nun Sozialdemokraten regieren odm andere. Die altdeutschen Antisemiten sollen sich lieber um die schrecklichen Weltverbrechen ihrer Führer kümmern, wie um die Führung des U-Boot-Krieges und seine Lügen und um den ausgeschlagenen Fried msversuch Wilsons. Statt dessen tragen sie ihre Agitation sogar nrnb Oesterreich hinein und wagen die Regierung dieses armen Landes anzugreifen, das ihrer Politik zum