Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 44 (21.11.1919)
- Date
- 1919-11-21
- Page
- Seite 608 (sequence 4)
- Language
- German
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„den Naturgesetzen zuliebe das Wunder streichen. Wenn ich eine Kugel, weiche die schiefe Ebene herabrollt, mit meiner Hand aufhälfce, so greife ich in den naturgesetzlichen Zusammenhang nach freier Willkür ein. Das Wunder ist nicht eine Durchbrechung der Naturgesetze,; eine zeitweilige Aufhebung der Kausalität, sondern das freie Handeln Gottes, mit dem er das ursäch-iche Geschehen so regelt, daß wir Menschen imstande sind, im Verlauf der Dinge seine Nähe zu. spüren. Das Wunder stellt keine'" höhere, außerordentliche Kausa i.ät über die niedere Kausalität des natürlichen Geschehens. Sondern das Wunder ist die göttliche Leitung des natürlichen Geschehens zum „heilsamen“ Zwecke, die finale Wendung des kausalen Prozesses. Ohne Wunder können wir uns eiie Einwirkung des lebendigen Gottes auf den Menschen gar nicht denken. Auch in den biblischen Wundergeschichten ist nicht das sächliche Ereignis, sondern das persönliche Erlebnis das entscheidende und wertvolle. Der Gott, der Wunder tut, ist über den Dingen und in denselben.“ Beachtenswert ist auch, wie Augustinus das Wunder definiert: „Portentum non fit contra naturam. sed contra quam natura nota est." Das Wunder widerspricht nicht dem Naturgesetz, sondern dem, was wir von diesem wissen, in diesem Sinne kann man mit Czolbe von der Kant-Lapiace’schen Hypothese sagen, sie sei „schärfer ins Äuge gefaßt, ebensolcher Wunderglaube, wie die von ihr so gering geschätzte mosaische Kosmogonie". Das Schulbeispiel für nie naturalistische Färbung der jüdischen Ethik bleibt aber das zweite Gebot. Die Grundlage bildet die Erfahrungstatsache der Vererbung. Mit schonungsloser, unerbittlicher Wahrhaftigkeit werden die Väler an ihre Sünden erinnert Vor den Eltern steht dieses1 Gebot wie der Arzt, der „die Nieren prüft“, die Herztöne behorcht und den Brustkasten abklopft. Kein Sich-an-die-Brust- Schlagen und Sündenbekennen hilft da — den Kindern. Diese aber ermahnt das Gebot, die guten Anlagen in sich zu fördern, die bösen zu unterdrücken. Das „Du sollst!" erfährt einen wesentlichen Nachdruck durch das „Du mußt!“ der Einsicht in die Naturnotwendigkeit. „Du mußt 1“ oder — es ist Dein eigener Schaden. Nach alledem wird also das Judentum gewiß nicht berührt, wenn Haeckel — hierin im Gegensatz zu anderen Darwinianern, Wie C. Schmidt (Darwinismus und Sozialdemokratie), — sich nur vom Momsmus „eine vernunitgemäße Begründung der Sittenlehre auf der unerschütteriichsn Basis fester Naturgesetze" verspricht. Diese Basis hat der jüdischen Ethik nie gefehlt Daß sie aber, hierin von anderen Morallehren grundsätzlich zu unterscheiden, mit einer Religion organisch verwachsen ist, die mit der Naturwissenschaft in Harmonie lebt, das verleiht ihr vor derv monistischen E hik einen ausschlaggebenden Vorzug. Was nützen die besten ethischen Erkenntnisse, wenn die treibende Kraft fehlt, sie in Taten auszuprägen? Wie weit-diese „neue Sittlichkeit“ des mechanistischen Determinismus kommt, zeigt sich schon jetzt. * ■ Die Religion ist eben, wie Lazarus bemerkt, „das Herz im Organismus des Volksgeistes. Hört dieses Herz zu sehagen lauf, so tritt auch hier Fäulnis, Verderbnis, Verwesung ein.“ ‘ Und ganz in jüdischem Geiste sagt Hermann Lotze: „Wir halten ups zur Mitarbeit einer übersinnlichen Weltord}- nung berufen und fühlen, daß alles, was uns als Pflicht erscheint, den letzten Grund seiner Verbindlichkeit darin hat, daß es nicht nur dem Begriff unserer tatsächlich vorhandenen Natur, sondern ihrer Bestimmung entspricht. Und diese Bestimmung liegt nicht mehr bloß in einer Selbstentfaltüng, die von rückwärts durch den Keim getrieben, sondern in der Bewegung nach einem Ziele zu, das uns Yo.wäits gesetzt ist.“ Gesetzt von der Religion.; Die sittlichen und sozialen Folgen der Religionslosigkeit hatte Virchow vor Aijgen, wenn er in einer vielbesprochenen Rede darauf hinweist, daß „die Deszendenztheorie, wenn sie konsequent durchgeführt wird, eine ungemein .bedenkliche Seite hat“. Es wird sich recht bald entscheiden, wer recht hat: der eine, der * „in sittlichen Momenten, als Wertmesser von Pflicht und rilecht, die Prinzipien der Organisierung der menschlichen Gesellschaft“ ' findet, oder der andere, der in Steigerung der Löhne und Kürzung der Arbeitszeit das Heil der Menschheit erblickt. Von den Schlagworten des „Auiklärichts“ gilt heute mehr als je die Warnung Bastians gerade im Hinblick auf Haeckel: „Nirgends sollten die Anforderungen an Gewissenhaftigkeit und Aufrichtigkeit schärfer gestellt, nirgends ernstere Forderungen erhoben werden, als in Fällen, wo das einmal entflogene Wort auf unvorbere.tetem Boden keimen und zu. . lästigem Unkraut verwildern mag I" Um so schlimmer, wenn ihnen, nach dem Worte Sansons über Darwin, zu teil wird ein „succös de quasi enthousiasme dans le 'doxni-monde de la Science“!. ' , Und wie Wollen unsere Juristen aus dieser- Weltanschauung -bei Ausschaltung der Willensfreiheit eine Verantwortung herausdestiilieren? -- - -- Auch unsere Thora fordert Bestrafung nur, um das Böse zu beseitigen. Und doch betont keine andere Religion so .entschieden, daß der Böse-für sein Tun' allein die Verantwortung trägt. Bringt er nicht selbst die Kraft auf, das Böse aus seinem Herzen .auszumerzen, So muß es die Gesellschaft zu ihrem Selbst-, schütz für ihn zu tun versuchen, gegebenenfalls um der Sache willen die Person zerstören. Die Strafe trifft ihn mit Recht. — * Denn der Mens eh ist frei. Wenn auch als physisches Gebild ein Kind des Kosmos, als geistiges Wesen ist er zum H e r r n eingesetzt über seinen, bösen Trieb. : Hierüber braucht man keine Zettelkastenweisheit auszukramen. Das Leben se.bst spricht überzeugend. Das neue Geschlecht glaubt auch hier neuern zu müssen/ Aber was die Herren von einer „neuen Sittlichkeit" prophezeien, erinnert an das bekannte Gleichnis R. Akibas. Der Fuchs will die Fische verleiten, sich vom Wasser zu „emanzipieren" und gleich ihm auf dem Lande ein besseres Dasein zu führen. Die Fische sind aber vorsichtig genug, darauf nicht einzugehen. Sie bleiben weise in ihrem Element. Äehnlich steht es ja auch mit der darwinistiseben,jBchauptung, daß gewisse Wasser iere durch Verweilen auf dem Lande während einiger Jahrmillionen ihre Schwimmblase in eine Lunge umgewandelt hätten. Das wäre hur denkbar, Wenn eine lang£ Reihe von .Geschlechtern das Opfer gebracht hätten, — ohne Atmen auszukommen. So lange uns aber hierzu die Möglichkeit fehlt, außer wir brächten um des Experimentes willen das heroische Opfer des Versuchskaninchens —, So lange tun wir gut, unserem, alten Element, der „alten Mora 1“ der Bibel treu; zu bleiben. Sie darf sich nicht aus dem Mittelpunkt •des Judentums1 rücken lassen. Ör, fifiiöCfi'S WOCHENSCHRIFT