Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 43 (14.11.1919)
- Date
- 1919-11-14
- Page
- Seite 602 (sequence 14)
- Language
- German
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!sa*«s: ' ' Br. atoeft’s ,wüemN8GMi#'i «».’« i f Feuilleton. * ♦ r Jüdische Päpste. , Oer gelehrte KirchenMstoriker Stiltspropst Döl - ii^je r_ hat vor einem halben Jahrhundert ein Werk über„Öie ‘Papstfaheln des Mittelalters“ verfaßt. Er darin von der Päpstin Johanna, von Silvester jl.' ünd anderen, sagt aber kein Wort von jüdischen Päpsten. End mit Recht. Denn diese gehören nicht dem Bereich der Fabel an — sie sind Wahrheiiuhd Dichtung, ja meistens mehr Wahrheit als DiMtung .< Gewiß, ein sich offen zum Judentum1 Bekennender ist nie Vorgänger Pius X. gewesen, .wohl aber mancher,* getaufte Jude oder Abkömmling eines geteuften .und, wenn Wir alten jüdischen Sagen Glauben Ärenken dürfen, ein im geheimen dem Judentum,. Treugebliebener. ‘ Nach katholischer Lehre ist der Apostel Petrus der erste Bischof von Rom, der erste Papst gewesen. .Er War, wie nicht bezweifelt wird, ein echter Jude. „ausder.BesChneidung“. Ob Linus und AnakleL' oder Cletus>, seine, nächsten Nachfolger, geborene luden wären, weiß man nicht sicher, wie überhaupt* die Geschichte des ersten Jahrhunderts der Päpste , in, Dunkel gehüllt ist Man kann aber wohl mit; großer" Wahrsdhieinlichkeit annehmen, daß die s ersten zwei oder drei Nachfolger Petri aus der jüdisMen Lolonie in Rom stammten. Papst EvaristuS (seit etwa, 100) und seine nächsten. Nachfolger wären entweder bekehrte Heiden oder schon als Christas geboren: Die^Päpste der folgenden Jahrhunderte wsPSy imsriejtig gebotene Christen und Nachkopnn'eh Ms' ..MÜLriliJOi.. •In diesem Jahre wurde nach dem. Tode Honorius H. der Enkel eines' getauften Juden, zum Papste ~ gewählt. Er Würde in der Peterskirche konsekriert und nahm den Namen Anaklet an, vielleicht zur Erinnerung an den dritten, halb sagenhaften Papst aus dem Judaitiim. Sein früherer Name war, wie der seines yateriy Peter; sein zum Christentum' übergetretener sehr racher Großvater hiat wahrscheinlich Baruch geheißen und hätte in der Taufe, um die Mitte des 1L Jahrhunderts, den Namen seines Paten, Papst Leo IX., angenommen, weshalb man auch später die* Familie Pierleoni nannte.*) Leo und sein Sohn haben dem. Papste und seinen .Nachfolgern große Dienste geleistet „mit den Waffen und mit gutem Rat", wohl auch mit Geld. Die Familie wuchs an Reichtum, Ansehen und Macht, verschwägerte sich mit den vornehmsten Familien Roms und nahm die Allüren der trotzigen und mächtigen römischen Barone an. .. ^Besucher Roms versäumen nicht, die Reste des Märpellus-Theater zn besichtigen — Eintritt in die unhsrirdrsÄren, elektrisch beleuchteten Räume eine Lira —, aber nur wenigen kommt es zum Bewußtsein, daß sie da gewissermaßen einen Auszug der Geschichte Roms vor sich haben. Von Cäsar begonnen, wurde der mächtige Bau von Augustes vollendet und nach seinem jung verstorbenen, von Virgil^ verherrlichten Neffen Marcellus benannt. Im Mittelälter diente er als uneinnehmbare Festung, später” siedelte sich dort allerlei Volk an, auch die jetzt nicht mehr vorhandene, wegen ihres guten Weines gerühmte Schenke CampaneUa, die GoethSe mit seinem BMMte beehrt hat. Ganz nahe befand sich das *) Wie GrÄgofOvioa (Gesch. der Stadt Rom, IV, 3 ff.) anlümt&t, i«t schon der Vater dieses Leoa Christ gewordeu. Ghetto, und auf der benachbarten Piazza* Montanara,r wo uian uas Treiben der Campägnoien beobachten konnte, erhebt sich jetzt der prächtige jüdische Tempel — la chiesa degli Ebr^i, wie mir ein Arbeiter erklärte, , Wie «die Pierleoni in den Besitz des Marcellustheaters gelangten, wissen wir nicht, vielleicht gab es ihnen ein Papst als Zahlung für geliehenes Geld; aber sie machten daraus, eine starke. Festung und siedelten in der Eingebung ihre Diehstleute und * Kriegsmannen an. Und. bald kam die noch stärkere- Festung des mittelalterlichen Rom in Are Hände: Papst Urban H., der Urheber des ersten Kreuzzuges, der in Deutschland so vielen Juden das Leben kostete, ernannte den Judenstämmiling Peter zum Kommandanten der Engelsburg. Dessen ebenfalls Peter genannter Sohn ward von Paschalis II. zum Kardinal, 1121 zum Legaten für Frankreich und England ernannt, wohin er sich mit zahlreichem Gefolge begab. Daß er neun Jahre später zum Papste gewählt wurde, haben Wir bereits erwähnt. . - -Aber man ließ ihn seine Würde nicht in Ruhe genießen. Eine Minorität der Kardinale, 19 unter 46, war mit seiner Wahl nicht zufrieden, sei es aus persönlichen Gründen, sei es aus Abneigung gegen den Sprößling eines1 Juden, dem man unter anderem jüdisches Aussehen vorwarf. Obstruktion der Mino? rität war damals noch nicht erfunden, dafür aber pflegten die Kardinale in jenen Zeiten von einem anderen Mittel Gebrauch zu machen — sie wählten einen Gegenpapst. Das taten auch die 19 Gegner Anaklet®. Sie versammelten »sich im geheimen und wählten den Kardinal Gregor zum Papste, der . den Namen Innocenz II. ännähm. Anaklet hatte dier Mä; Z jorität der Wähler ' für1; sich) er War äm; gtzhörigdh ‘ Orte zu gehöriger Zeit gewählt worden, und dis f katholische Kirche hat doch Innocenz II. als rechtmäßigen Papst anerkannt 1 Es ist dies hauptsächlich' dem Eingreifen des Ledigen Bernhard von Clairvaux zu verdanken, der den Pierleoni am heftigsten, mit zum Teil fadenscheinigen Gründen, bekämpfte. Er wußte sbgar den Kaiser Lothar gegen ihn einzunehmen, und dieser zog zweimal (1163 und 1137) mit einem Heere nach1 Rom) um Innocenz II. einzusetzen. Aber Anaklet besaß die zwei Burgen; Klerus, Bürgerschaft und der größte Teil des; Adels,; sowie der König von Neapel hielten treu zu ihm, und der Kaiser konnte nur einen Teil der Stadt 'besetzen, den er auch bald räumen mußte. i Anaklet. blieb ruhig im Besitze des Vatikans? und der -ewigen Stadt, während sein Gegner ein unstetes Wanderleben,in Italien und Frankreich führte. Erst nach dem am 7., Jänner 1138 erfolgten Tode Anaklets und nachdem Innocenz mit dessen,in Rom so einflußreichen und mächtigen Brüdern Frieden geschlossen' hatte, wurde er allgemein als* Papst ankannt und konnte von. Rom Besitz nehmen. Das beste .Verhältnis herrschte fortan zwischen ihm und den Pierleom. Die Familie stand noch mehrere Jahrhunderte in hohbm Ansehen, und im 15. Jahrhundert fabelte man sogar, zwei Brüder Pierleoni, die den Titel Grafen vom Aventin führten, seien einst nach Deutschland ausgewandert und hä.tten die Dynastie der Habsburger gegründet. Auf dem Grabstein rier Lucretia Pierlöni, die 1582 als letzte ihrer Familie gestorben ist, wird auf diese höbe Verwandtschaft Bezug genommen. .... Das Marbellus-Theater ist späterhin den Besitz der Familie Savelli, dann der Örstni gelangt, denen es; wie ich glaube, noch jetzt gehört. Der alte Pier-