Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 43 (14.11.1919)
- Date
- 1919-11-14
- Page
- Seite 593 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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mzmi Kr.48 Dr. BLOCHS WOCHENSCHRIFT. Seite 880 "Ä 'die Mrchlichfe Dogmatik über :die 'S^Öter.^-gebK-ckt.;imd,-rdie Konzeption korrigiert hat. Das müßt Du in, Abzug "bringen, wenn Du seine Grundgedanken auf jüdis'che Verhältnisse übertragen willst, ' ■ T :!; ' i :■; i :; i Es gibt keinen Äutoritätsünglauhigeren als den luden. Echt jüdisch'imeinte Franz Delitzsch' einmal: „Der Talmud1 sagt: wenn du dich hängst, sb hänge dich an einen hohen Baiim! Aber ist es nicht besser, wenn man' sich gar nicht hängt?" Wird doch s'chbn im1 Talmud1 der Berufung auf Wunder, ja der Zitierung von Engeln jede Beweiskraft abgesprochen. „Stammt die Th'ora aus' der Weisheit, einem1 heiligen Quell, sb die Weisheit aus1 einem' allerheiligsten" (Zehfar zu 2. Mose 22, 30, edl Przemysl, f, 121 unten). \ Der Jude, stützt sich, einzig und allein auf Grunde, auf;den ihm; zur Erforschung der Wahrheit von' Gott verliehenen Geist. Er ist dazu nicht nur berechtigt, 'sondern verpflichtet. Seine gesunde Skepsis1 bleibt auch vor dem Heiligsten tiiöht stehh. Selbst die Wahrheiten "der Thbra zieht er vor den! Ridbtersltuhl je'der neuen Zeit und' Zensur. Daß sie bei sachlichem, gerechtem Verhör vor allen besteht, erhöht in steinen Augen ihren Wert und1 vertieft in seinem Herzen die Liebe zu ihr. Sie bildet den einen, unzerreißbaren Faden, auf iden' er 'die Perlen aller neuen Erkenntnisse aneinanderreiht. So werden sie zu dauerndem Besitz! für den' ganzen Meris'chen, für Geist und Gemüt, j Von dieser Kontinuierlichkeit des jüdischen Ge-1 dänkens erhältst Du einen: Begriff, wenn ich "Dir "den eben; zitierten Grundgedanken.. J e hu d a H a 11 e w i s1 nut .najhezu denselben .Werten.. bei S am''s'o n R a - phrae! Hir s'ch nachweise! Vergiß nicht! Acht Jahrhunderte liegen zwischen beiden. „Fern im Süd'" lebte der eine, der ändere am nüchtern nordischen Main. .Und .sie reden beide wie Zeitgenossen und Zimm'ertiachb'ar^n.. . , ,i}Es; muß", sb schreibt H i r s! cb, „die jüdische Jugend die Selbstüberzeiigung gewinnen, wie das Gebiet, der Gotte'serkenntnis und der geistig ^sittlichen Men'sbhenb'e'stirnmitnfif, welche das1 Judentum zu. pflegen hat, von allen Ergebnissen der gesamten Naturfors'chung völlig unangetastet bleibt, ja, in ihnen nur •noch' eine bewußtvollere Basis1 gewinnt." In der Öarnmernden Erkenntnis1 des Einen in aller sMannigfaltigkeit des Vielen erblickt er 'den Triumph1 "des jüdis'chen .Gedankens1. Welcher Gegensatz zu der Zwiespältigkeit, mit der jeher' Astronom' im Priesterrock erklärte: „Wehn ich-vor dem1 Fernrohr stehe, vergesse ich »den Priester i ip. der Sakristei den Astronomen!" Beneidenswert das1 Los1, ilas* 'dieser Schöpferischen Kraftnatur, wurde! Seine Energie war treibender Damp f, nicht, .Was1 sich so oft bei uns' nur die§eri Ans'chein gibt, in Wirklichkeit aber nur* russender Rauch, ist. Er durfte sich1 eine jüdi sche Schule zimmern. Eine Schule, die sich nicht damit begnügt, die Jugend — auch?die.weibliche! — mit der S'jp ra - che uns'erer Väter vertraut zu m'aehen. Zum' Kern und Stern des! gesamten Unterrichtes' vielmehr vor allem" den . Geist unseres' Schrifttums', die Thbra, die Religion -hat. In der aucb7 die Naturges'chichfe'stunde, und sie ganz besonders', zur Religion'Slektion wird. Hier kann man den Schüler in die . Probleme "der Naturforsbhuh'g so gründlich einfuhren:, daß er 'zwischen Tatsachen der Wissen- BÄft -und erdichtetem1 Dunst unterscheiden Iern.1 Er wird vor 'der Verehrung des? Gesichtskreises1 b'e* wahrt bleibest und jener widerstandslosen Unterordnung unter materielle Interessen, zu der, nach' einem Worte Du Boisi-Rieyrriondsy einseitig betriebene Naturwissenschaft zu führen geeignet ist. Mit Reinke, dem bekannten Botaniker, wird er erfahren, daß „die Kenntnis1 der Natur unausweichlich zur^G'ottesidee führt". Ein s' o geschulter Kopf wird alleii den kaleidoskopis'ch' wechselnden Weltkonstruktionen der Naturphilosbphie zum Trutz an seiner 'jüdischen Ueb'erzeugurig keinen Spaden nehmen. Nicht „den Glauben an Gott wie die ersten' Zähne verlieren müssen, damit ihm erst das1 rechte Gebiß wachse" (Nietzsche). Ein jinterhalts'ames! Gedankenspiel wird1 es! ihm sogar gewähren, beim Lesen unsere* jldis'cheii Agadisten nmi Religionsphilos'ophen darauf zu achten, wie schon auf jenem alten Boden für und wider Lanzen splitterten in Streitfragen, die unsere modernen Geister erhitzen.! . ■ So spricht Sa ad ja, mit dem die Reihe unserer bekannteren Religiorisphilosöpben beginnt, von Anhängern der Atomenlehre Deiriofcritsl Sie beriefen sich för 'diese Theorie auf die Schrift 'selbst, auf Hiob und die Proverbien. Spuren solcher Kosmögonien finden sich bereits' im Talmud un'd Midrasbb, im Ans'chluß an gewisse' Bibelstellen. Hiob 98, 38, spricht von Formungen ides1 Staubes zu Schollen am Weltenanfang. Nach Ras'chi bildete sich zuerst ein fester Kern, um 'den sich dann der Stoff zusammenschloß. Aehnlich Tist Sprüche Salomös' 8, 26, gleichfalls1 im! Zusammenhangmit der Weltsbhöpfung, von dem' „Anfang des Staubes (hier im Plural af rotb!) der Welt" die Rede. Herrscht hier die Vorstellung vor, die auchf im1 Talmud (Jom'a 54 b) ihren Vertreter findet, daß die* Welt aus kleinsten Teilchen entstanden sei, sb wird weiters die Materie dieser Atome nach' der jüdischen Ueberlieferun'g in dem: Vers1 Hiob 37, 6, bezeichnet. Er lautet nachr unseren Kornm'ehfatoreh: „Zum Schnee spricht -er: Werde Erde! un'd' zum» Regen: Werde Körper!" Hier wieder im! Plural niitroth (Regen), wie oben afroth (Staub)! Auch sonst wird in der Agada die 'Entstehung der Erde durch Verdichtung aus1 Wa'ss'er oder Schnee angenommen. Es* gehört keine große Kombiriatiorisigabe d'azu, hier ari die Kant- Laplaces'cbe Hvpotbese zu denken und sich zu erinnern, daß Thaies1, der die Entstehung der Welt aus1 dem' Wasser lehrte, nach Diogenes! LaeYtrais1, der Sohn einer Phönizierin (!) war. 'daß 'die phönizis'chb Kosmogonie, nach Sarichuniathon, als Rohstoff der Welt das Was'sbr (Mö.t) bezeichnet, und ßaß Pos!i[donios die Atomenlehre auf den „Phönizier" Mo sie hos1 zurückfuhrt, der von Ca'dwortH mit un's'erem Lehrer Mos'e für identisch erklärt wur3e. " Der Freibrief für alle diese kühnen Deutungen un'd Philosbpheme war 'der herrneneu tische Leitsatz der Talmüdisteh: „Die Thora hat sich der menschlichen Ausidruckswefsb angepaßt." Das1 .will besa<?en: Das' Bibelwort kleidet* die höchsten Wahrheiten "und tiefsten Geheimhisse in eine Form*, dem VerSHähd- •ni'sf derer faßlich, an die es* sich wendet. Die Thora würde zu Jecfem' späteren Zeitalter, dessen kulturellem'Niveau entsprechend5, anders'gesprochen hahen. Es versteht sich demnach7 von selbst, daß jedes neue Geschlecht sie mit seinen Augen liest un'd die alten Worte in neuer Beleuchtung sieht. Dies1 gilt für die Schöpfungsgeschichte ebenso, wie für ihren Abschluß. Ein Gott, der, wie der Töpfer den Lehm knetet,