Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 42 (7.11.1919)
- Date
- 1919-11-07
- Page
- Seite 582 (sequence 10)
- Language
- German
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Seit« 678 Dr. BLOCHS WÖGITENSCrTfirFT. Kr. 19 M&noritäf im' Staate unter internationalem Seilitz." Vor Tische las man es anders! Als! die Herren Lord' Rothschild, Sir Claude Montefiore und Luden Wolf dem Pariser Kongreß als1 Exponenten aller ni cht jüdischnational gerichteten: Juden — und das 'sind alle englischen, französischen:, hbUähdiscben, skandinavischen, deutschen und der Großteil der österreichischen Juden — ein Memorandum1 .überreichten, in welchem der Schutz des1 Völkerbundes?ür die innerstaatliche Gleichberechtigung der Judeta.' aller Länder angefordert wurde, brauste ein Ruf der Entrüstung durch den!. jüdischnationalen Blätterwald über diese „Preis'gebung des1 nationalen Prinzips'". Und heute? Heute vindiziert der Wiener Herr Oberrahbiner „die international geschützte Gleichberechtigung", also gerade das und nur das, was die bösen' „Assimilanten" aller (Länder /anstrebten, als ausschließliches1 Verdienst der Jüdisthhationalen. Dieser „Schutz des' Völkerbundes" ist freilich' ein sehr prekärer, denn anrufen können und dürfen ihn nicht die bedrängten Juden dieses' oder jenes Staates, sondern nur ein' oder »mehrere Staaten; die Mitglieder des1 Völkerbundes1 sind. Aber wie ist uns1 denn? Hat es nicht Schon einmal einen solchen ^internationalen Schütz der Gleichberechtigung" gegeben? Hatten nicht alle Großmächte garantiert, daß daS kleine Rumänien den Artikel 44 des1 Berliner Vertrages durchrühren werde? Und hat nicht, alS vor einem Jahrzehnt das! Präsidium' der angeblich so „pflichtvergessenen" ,,Oesterrei(^sJch-Jsraelitis!chen Union" den damaligen Minister des Aeußern Grafen Golu ch'o w s'ki angesichts der Verfolgungen der rumänischen; Juden an die internationalen Verpflichtungen Europas' mahnte, dieser der Deputation mit ö^plomätis'chem' Lächeln geantwortet: „Aher .'wlaS Rollen Sie, meine Herren? Ich kann doch wegen der Tumäni- Sehe n Juden' nicht einen Kri eg anfangen!" Ja, aber Herr Oherrabbiner Dr. Chajes weist darauf hin, daß Herr Mergenthau, als, er in Polen die Verletzungen der jüdischen Rechte zu prüfen hatte, ausdrückheh erklärte, er sei nicht nur im Warnen Amerikas; sondern vor allem' im Namen des Völkerbundes' da. Möglich, vielleicht auch wahrscheinlich'. Das hat aber nicht gehindert,, daß auch nach der Reise Morgenthaus noch schreckliche Pogrome in. zahlreichen polnischen Städten, vor allem aber irr der Ukraine, wo Herr Mergenthau gleichfalls weilte, stattfanden, und es' ist leider nur zu gewiß, daß dasi tnächtige Amerika, das1 vorläufig noch im1 Völkerbund eine Bedrohung seiner eigensten Leb'ensinteressen siebt, sich dieser grauenhaften Vorgänge wegen nicht an den Rat deS -Völkerbundes gewendet hat oder wenden wird. Die Juden sind in der Lage, des Mannes, der sich des' Besitzes' einer Villa am1 Pruth rühmt. Aber wo. ist «die Villa und Jjvjo ist der. (Prath? Zuari Schlüsse bezeichnete er, Herr Obierrabbiner Dr. öhajes, als „unsere Schande", daß ein Teiü der Judenschaft nur immer um' die „Gleichberechtigung" bettelt. Von „Betteln" ist natürlich5 keine-Rede — wir verteidigen und (wollen festhalten, was Männer, wie Adolf Fisehhof, Ighaz Kur an d a, Isaak Noab Mannh'eim'er, Adolf Jellinek und andere erleuchtete Geister der österreichischen Judenschaft in jahrzehntelangem' Ringen liür uns' erstritten haben. Aber über diese heute so mißächtlich behandelte „Gleichberechtigung" Sollte man doch wohl nicht allzu leichten Herzens hinweggehen. Noch' verhöret sie uns die freie Wahl des Wohnsitzes!, die Frei-; zügigkeit, die 'Zuganglichkeit wichtiger öffentlicher Aemter, die freie Ausübung der Gewerbe, der Advokatur, der fctbchen Praxis, des Lehramtes und vieler anderer. Betätigungen des amtsbnrg«erli<Äa Daseins. Der „internationale Schüfe" dieser Rechte und , Freiheiten bedeutet nach allen bisherigen Erfahrungen nicht eine Verstärkung, Sondern eine Abschwälchung derselben. Niem'and wird waeder Kriejg anfangen', wenn in der Advokatur der numerusclausus eingeführt oder die Verleihung eines' konzessionierten Gewerbes' an . den NachwIeiS der deutschen Volkszugehörigkeit geknüpft wirdl Und ,eS Rollte an keiner verantwortlichen Stelle vergessen' werden, daß die Wiener JudenSchaft in ihrer übergroßen Mehrheit die iiin er Staatliche Gleichberechtigung als das eherne Fundament ihres' bürgerlichen. Daseins erkannte. Wer sich1 darüber leichterdings hinwegsetzen und diese Gleichberechtigung um1 das Linsengericht eines1 papierenen Völkerbundsebutzes hingeben will, kennt nicht die Seele dieser jüdischen Bevölkerung. , Auf demselben1 „Deklarationstage" hat Herr Abgeordneter Stricker folgende denkwürdige Erklärung abgegeben: „Man m1 ufi f e s t S t e 11 eri, daß die Antisemiten' jetzt Selbst die Forder u n g d e S f r e i e n B e k e n n t niSseS anerkannt haben und niöht mehr den' Zwangs'kataster wollen." Wir freuen unS vor allem der Tatsache,, daß Herr Abgeordneter Stricker selbst nach langem Umh'ers'chweifen in den' unbegrenzten Gefilden der absoluten. Diktatur deS jüdischen Nationalrates zu dieser „Freiheit des- Bekenntnis'Ses" gelängt ist und zugeben will, daß. die Nichtnationalen sozusagen auch Juden' sind und bleiben dürfen. Für die Behauptung aber, daß auch die Antisemiten — bitte welche? — jetzt auf einen jüdischen Zwangskataster verzichten wollen, erbitten wir uns einen etwas überzeugenderen Beweis1. Noch vor zwei Wochen hat der chTistlichSoziale Abgeordnete Dr. Gim'.pl in der Nationalversammlung die Ausschließung aller Juden aus der Wehrmacht beantragt und1 nochvor drei Wochen hat der Führer .der1 ohiristliehsozialen Partei, Abgeordneter KunSohak, ein PrograIm!m entwickelt, deSs'eri vierter Punkt lautet: Anlegung eineS Judenkataster S und' Schaffung einer Judenkurie für alle Wahlen, in die staatlichen und autonornen Vertretun'g'skörper." Diese Forderung, ist .öffentlich nie und nirgends zurückgenommen oder auch nur eingeschränkt worden. Vorläufig steht also Euns'chak gegen Stricker, und wenn letzterer hinzufügt: „Wir wollen nichts als' die Wahrheit, und wenn 'die Antisemiten' sie auch wollen, ist es1 uns recht", So können' wir nur konstatieren, daß) die Antisemiten bis zu dies1 ein1 Augenblicke den ZwangSkataSter wollen und daß diese antisemitische Forderung Hunderttausenderi österreichi- Juden nicht recht ist. Da der Herr Abgeordnete Stricker weiterS "bemerkte, daß _er die „jüdischen Gegner" aufklären wolle, so wird er uns1 die Aufklärung darüber, wann und Iwo sich die Antisemiten zur Freiheit des1 BekenntnisSeS, d. h. also zu .einem' fakultativen JudenkataSter bekehrt habe, gewiß nicht Schuldig bleiben. - . _Siegfried Fleischer. Wien. Die Adas Jisroel versandte ihren Jahresbericht für 'das Jahr 1918. Mit knappen Worten bespricht derselbe die (mannigfaltigen Gebiete der Vereins tätigkeit, die unter dem Druck der allgemeinen Verhältnisse standen.; Sie bezieht isich auf das ganze Gebiet des jüdischen Lebens in religiöser und chäritativer Richtung. Hervorgehoben sei die Früftstücksaktion, die Arbeit des Kriegshilfskomitees, ferner die Sammlungen für 'die Pogromopfer, die Fürsorge für die PaläBtina-JPlücbtlings, die Teilnahme an -der Aktion „Kinder