Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 42 (7.11.1919)
- Date
- 1919-11-07
- Page
- Seite 581 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42 0rÄ BEOCH'S WOCHENSCHRIFT Seite 677 etwa, wie sie hoch ni cht ge's'ehen wurde. Die seitens M o r geütau und gegenwärtig durch Sir Samuel eingeleiteten Interventionen haben entweder gar nicht oder nahezu das1 Gegenteil von demi erreicht, was' sie leigentüch bezweckten. Die maßgebenden Kreise Polens ignorieren diese Interventionen ganz, denn es! vermag ihnen schon nichts bei der Entente, deren Lieblinge und ausgesprochene Günstlinge sie sind, zu is'chäden. Einem1 Lieblingssohne pflegt man ja auch tolle Streiche und Uebergriffe zu verzeihen. Andererseits' sind die Juden' Polens selbst wenig erfreut über diese Dazwis'chenkünf te von diesen reichen Vettern und Gönnern,; die, mögen sie auch philantropisch ganz gute Gesinnungen hegen, doch das .Wesen und die Psyche des1 Ostjuden mißverstehen und daher auch' nicht seinen Wünschen und ' Verlangen, beziehungsweise Beschwerden Ausdruck zu verleihen vermögen. Kurz, eine Mißstimmung und Enttäuschung ist in allen Ecken und Enden wahrzunehmen. Und der Horizont? Die Aufsichten für die nächste Zukunft sind auch gar n i c h' t r o s i g... Den Westjuden würden diese Verhältnisse ganz verstimmen und außer Fassung bringen. Allein mit demOstjuden ist es anders'. Er vermag über die schwersten K1 i p p e n leicht hinwegzukommen. Die alte Gewohnheit und der feste unerschütterliche Glaube, der in der hier nodh! ziemlich praktizierten Religion wurzeln, verhelfen ihm dazu. Außerdem ist es der Rausch des1 Handels! und des' jetzt wieder aufblühenden Geschäftes/ das1 einzige Eden des1'Juden, der ihm über diese tristen Tage hinwegzukommen (hilft. Der Verkehr in. den Städten und in den Eis enbahnzügen ist es1 jetzt schon ziemlich ruhiger. Während es1 hoch vor ganz kurzer Zeit äer Fall war, daß bärtige und jsfonst [als' &o 1 ch e a u f f a 11 e n d e J u d e n sich nicht auf die Bahnen wagten, weil sie von polnischen Legionären belästigt, ja sehr häufig auch mißhandelt wurden, trauen sich s'chon jetzt auch1 solche Juden diese Reisen zu unternehmen, ohne Idabei ihre Bärte!zu riskieren. Die Mode. des! Bärtes'cherens s'cheint schon jetzt in Polen allmählich außer Uebung zu kommen. Ab: und jzu wird auch' ein Jude deswegen angehalten, ijveii oder warum er keinen Bart hat. Auch sonst wird den Juden das Leben; ziemlich sauer gemacht. Und die letzten Zeitungsnachrichten melden von Massenauswanderungen aus polnischen Dörfern, wo das1 Weiterleben und Existieren in der Mitte der Landbevölkerung geradezu zur UnmögHphkeit geworden ist. Diese Juden ^andern in die Großzentren -und vvermehren dort selbstverständlich die Not und die Zahl der Notleidenden und der Hungerproletarier. Auch .andere Geschäfte, wie Tabak usw., die seit jeher, also schon in der bösen zaristischen Zeit in jüdischen Händen waren, werden den Juden jetzt entrissen. (So sieht also der „Minoritätsächutz" aus!) Die Juden sind aber seit jeher ein zähes Element und las'sen sich nicht so leicht aufreiben, der Druck ruft einen Gegendruck hervor;. So höTen wir von der Neugründung - gu t und vernünftig ausgebauter kaufmännischer Kooperativ vereine, die den jüdischen bisher völlig desorganisierten KaufLeuten, die geradezu eine Karikatur des1 gleichen Typus1 bei den anderen Völkern .darstellen, kongolidieren, festigen und konkurrenzfähiger ta'achjen sollen. Auch " der jüdische Geist schlummert nicht und kommt nicht zur Verkümmerung. So fand in der letzten Zeit in einem der Zentren Polens, w\ Bialistok, eine ungewöhnlich gut he suchte Kunstausstellung statt, welche die Produktionen des ostjüdischen Artismus zur Schau brachte. Also auch' die bildenden und ähnliche Künste, die den Juden des Ostens bisher ziemliehfremdwaren, beginnen sich hierzulande langsam einzubürgern. Lo alman Jisroel ... Die Antisemitenpresse, die seit jeher hderzulande ein ausgezeichnetes Absatzgebiet hatte, wird immerfort bereichert. Zu den bekannten blutrünstigen Zeitungen gehört „Kuryer codzienny", ein Schuftenblatt schlimmster Sorte, das aber in Hunderttausenden von Exemplaren gelesen und selbst von der HodüinteUigenz mit einem Heißhunger verschlungen wird. 'In Krakau selbst erscheinen seit jüngster Zeit solche zwei Montagsblätter, die in gleicher Weise ihre Leser füttern undi nun erscheint seit ganz jüngster Zeit ein drittes Montagsblatt, das1 hinsichtlich Seinesi Pogromtones die ersteren zwei ganz überflügelt. Alles Ungeheuerliche, das von einer niederträchtigen Presse erfunden oder verballhornt wird, wird hier aufgefischt und weiter zitiert. Daß die polnische Zensur, welche trotz der republikanischen Verhältnisse ein Argusauge auf die jüdische Presse hat, hier nicht nur ein, sondern beide Auge zudrückt und den Pöbel gegen die Judenschaft verhetzen läßt, braucht nicht erst gesagt zuwerde n. So ergeht es hier unseren armen-Brüdern unter (dem* neuen Regime. Ein Jahr des Jamiiners haben sie hinter 'sich und ein zweites s'cheint gar nicht besser und rosiger werden zu wollen. Bedauerhöh ist auch noch, daß trotz des schönen Aufschwunges, den der Hebräismus schön seit Jahren genommen hat, in der letzten Zeit immerfort der Jargonismus überhand nimmt. Es ist dies einzig und allein dem Materialismus unserer hebräischen Schriftsteller, welche darin eine bessere Melkkuh sehen, zu erblicken. Wehe einem Volke, dessen Führer Irre führ er und Demagogen werden. Auch ein Zeichen von nationaler Dekadenz und Verirrung, obgleich nicht übersehen werden kann, daß den in dieser Sprache erscheinenden Zeitungen eine eminente Bedeutung hinsichtlich des Einflusses und der Gediegenheit zukommt. Ein Weg führt zum nationalen Ziel, zur nationalen Wiederauflebung, die Konsequenz in bezug auf die nationale Kultur und Sprache. Also ringen miteinander Licht und Schatten im Leben der großen jüdischen Massen des Ostens'. Kein Wunder, daß ihr Auge für manches getrübt ist. Beim1 Eintritt normaler Verhältnisse, auf die wir noch immer hoffen wollen, ist doch eine Aenderung zu erwarten. 5 A. K o h! a n e, derzeit in Krakau*. Korrespondenzen. Zur TatjespdJemik. (Ein gesendet.); „Deklarationstag" der Jüdischnationalen in einem Wiener Kabarett-Theater. Herr Oberrabbiner Dr. Chaj e S erörtert die Stellung der Juden Deutschösterreichs nach den Bestimmungen des Friedensvertrages. „Von nun ab", betont er, „steht das Recht der jüdischen!