Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 42 (7.11.1919)
- Date
- 1919-11-07
- Page
- Seite 578 (sequence 6)
- Language
- German
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Seit« €74 Dr. BLOCH'S WOCHENSCHRIFT Hr. 4f vollsten aller Kriege in der frevelhaftesten Weise heraufbeschworen nahen. Man hat ihren Führern und Stützen gezeigt, daß ihre Unfähigkeit unübertroffen wurde von ihrer Gewinnsucht und Gewissenlosigkeit Es ist erwiesen, daß ihre großen Stützen, die christlichsoziale und die ideutschnationale Partei, die Bauern und die Fabrikanten, die rücksichtslosesten Kriegs1gewinner wären und sind. Die Reparationskomirnission zeigt durch' ilir ganzes Verhalten und ihre Fragestellung, wie empörend sie es finden, daß, die christlichsozialen Landesregierungen Wien samt seinen Frauen und Kindern lachend verhungern laßt. Aber allen diesen Tatsachen und Beweisen gegenüber hören die Monarchisten nicht auf,. das1 eine Wort immer wieder!zu brüllen: Die Juden sind an allemi Schuld! Sie finden leider immer m^ Gehör beim Volke, das in seiner dumpfen Verzweiflung, nach' einem Ausweg oder doch' (wenigstens nach' einer Möglichkeit zur Entladung seines Zornes sucht, beim; Volk, das nicht daran denkt, wer sein Unglück iwirklich verschuldet hat und das; nur den trüben Tag mit seinen schrecklichen Zuständen vor sich sieht. Die Sozialdemokratischen begehen elfenfalls 'die taktische Unvor-, sichtigkeit, ihren radikalen Elementen zuviel freien Raum zu lassen und dadurch' ihre ehemaligen Anhänger in das1 Lager ihrer Gegner und Feinde zu treiben, die Reaktion zu ermutigen. So komm! es, daß die Reaktion bereits an dem Glockenstrang vor dem Tor der Republik reißt und die Verräter im Hause mit sdem' Ruf an si eh: zu locken sucht: Hieder mit flen Juden, nieder mit der jüdischen Herrschaft! So wird es ausgesprochen, aber gedacht wird an die Herrschaft Her Freiheit und der Demokratie. Denn, eine jüdische Herrschaft existiert doch höchstens' in den Gehirnen alberner Toren oder in den Lügen verdächtiger Elemente. Einige Juden nehmen tatsächlich an der Regierung teil. Sie haben jedoch so wenig Zusammenhang mit dem Judentum1, daß man eicht weiß, ob sie schon getauft sind oder sich erst taufen lassen werden. Keineswegs aber sind sie Wortföhrer ■ oder auch nur Angehörige einer jüdischen Gruppe. Es1 geht die Juden" gar nichts an, daß diese Regierungsleute Juden sind und sie haben auch' nichts davon. .Damit verhält es sich ebenso, wie mit den früheren Bolschewiken, die iman den Juden ebenfalls vorgeworfen hat, aber die nach ihrem! ganzen Verhallten geradezu die größten Feinde des1 Judentums waren. Die Bolschewiken wurden vom radikalen Proletariat zur Macht befördert, die Staatssekretäre von der sozialdemokratischen Partei, aber die Juden sind in beiden Fällen gerade so daran beteiligt, als ob alle diese Machthaber Neger wären;. Nach' wie vor ist die Sachlage folgende: Das1 große Heer der Juden, Idas1 sind die armen Angestellten der freien Berufe,, die Fixbesoldeten ohne Pensionsberechtigung, sind und bleiben die armen O^fer des von den christlichsbzialen Bauern weit mehr als1 von jedem1 anderen geförderten ScMeichhandels und jeder Art der Ausbeutung. Sie sind kaum imstande, sich1 satt zu essen, sie frieren und können weder für sich1, noch' für ihre Kinder das Nötigste anschaffen. Die wenigen jüdischen Häuser arbeiten meistens mit Verlust durch' die Zwangswirtschaft, die schlechte Valuta und die sozialen Vorschriften der Regierung. Die armen Kriegsflüchtlinge sind von einem harten Ausweisuiigsgesetz betroffen Iwordea und mochten gewiß gern das antisemitische Wien verlassen. Die jüdischen Organisationen vegetieren und können kaum* dem wachsenden Ansturm' der jüdiäsefeen Armut standhalten. Wo bleibt da die jüdische Herrschaft? Sie existiert nicht im Staat Oesterreich, sondern im' Reich1 der Phantasie. Nehmen wir jedoch an, es!werde jener Idealzustand geschaffen, den die Monarchisten so heiß er- - sehnen, nehmen wir an, die christlichsoziale und die großdeutsche iPartei fkäm'en allein izur unbeschränkten und absoluten Herrschaft Erinnern wir uns nur, daß wir diesen Zustand schon einmal gehabt haben. Als 'der Weltkrieg sich' schon Seinemi Ende zuneigte,, waren in Deutschland die großdeutseben Antisemiten Lüdendorff und Tirpitz, in Wien allerdings' nur Herr Teufel aus' Znairri, Herr Weiskirchner und ihre Trabanten an der Macht, es1 geschah nichts! ohne und gegen ihren Willen. Was war die Folge ihres segensreichen Wirkens? Das Volk wurde in der infamsten Weise belogen und ausgeplündert, der Staat auseinanderregiert und während über den Häuptern der vor Hunger verzweifelnden Menschen bereits die Balken des Gebäudes (der Zjentralmäcbte Ikrachten, schrien die antisemitischen Kurzsehädel ihr Durchhalten! Durchhalten, was sie aUerdings leicht tun konnten, da sie sich1 selbst in gar keiner Gefahr befanden, und auch finanziell ihr Schlafch'en reichlich im! trockenen hatten. Warum sind sie nicht an der Machtl geblieben, als! ihr Durchhalten zu Ende war1 und warum haben sie die Früchte ihrer Politik nicht persönlich eingeheimst? Einer nach dem anderen von ihnen versehwand lautlos1 in' dem1 Dunkel, in das\sie alle gehören, und überließen anderen, den Bankerott zu ordnen, den sie hinterlassen haben. Nun ist aber offenbar das Afergste überstanden. Der Bolschewismus1; dieser Verz'wjeiüungs'akt des zum äußersten getriebenen Volkes ist niedergekämpft, der Schmachfrieden, den aus! unerfindlichen Gründen die Juden und nicht der Zusammenbruch der Zentralmächte verschuldet haben sollen, ist unterschrieben und die Entente zeigt eine gewisse Bereitwilligkeit, uns1 wenigstens1 das1 nackte Leben zu ermöglichen. Das5 jstfür die Bankerotteure der Zeitpunkt, wieder aus ihren Schlupfwinkeln hervorzukriechen und das1 Geschäft wieder haben zu [wollen, das wieder eine Spur von Daseinsmöghchkeit zeigt. Aber wie könnten sie es1 wagen, auch nur die SchwJelle zu überschreiten, ohne daß man ihrer furchtbaren Sünden gedenkt und sie auf . der Stelle wieder hinaus!wirft? Da gibt es' nur ein Mittel, um sich Eingang zu verschaffen, nämlich1 den IPöbel an sich heranzuziehen, indem' man seiner Witterung vorteilhafte* Ausschreitungen verspricht. Das' ist geschehen oder soll geschehen, wie man es in Ungarn gemacht hat. Gerade die Drohnen 'der Gesellschaft und Nutznießer des' Krieges:, die mit Würden, Orden uhd Einkünften bebangenen Leute von einst wollen ihre Pfründen wieder haben und sie Scheuen sich nicht oder werden sich nicht scheuen, für ihren Säckel und für ihren Vorteil Bürgerblut zu vergießen. Hoffentlich' wird ihnen das* nicht gelingen. Denn noch sind die Verbrechen zu . frisch, die sie selbst begangen haben,- und so sehr die Menschen um! ihr Dasein kämpfen müssen, werden sie iloch! den Leuten Widerstand leisten, welche über die Juden hinüber den Staat erstürmen wollen,. u!iri ihre Schandwirtschaft aufzurichten. * * * Es* hat den Anschein, als würde die Wachtam Donaukanal denn jdoeb endlich aufhören^ $enn bei dem' letzten antisemitischen Bummel zwischen Marienbrücke und Ferdinandsbrücke haben die unentwegten Antisemiten einige schhmme Erfahrungen in Gestalt roter Wangen und blauer Flecke gemacht. Es hätten sich einige stramme Jutiien eingefunden; welche der