Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 42 (7.11.1919)
- Date
- 1919-11-07
- Page
- Seite 577 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. BLOCHS WOCHENSCHRIFT. Seite 673 Nr. 42 als1 Omen für ihn galt, welchen Schuh; er des Morn gens zuerst angelegt, wenn ich mir vor Augen halte, welches Unheil mit solchen Bagatellen der Aberglaub e noch heut anrichtet, — dann weiß ich! erst die minutiöse Sorgfalt und Bestimmtheit zu würdigen,!mit der unser „Zeremonialgesetz" uns vorschreibt, zuerst den rechten Schuh anzuziehen u. dgl., mit der überhaupt der Schülchan arukh einen jeden unserer Schritte regelt, jede kleinste Tat zu einem Gottesdienst weiht. Diese „Küchen- und Kellerreligion" entzieht uns1 den Fängen des gerade in diesen Tiefen lauernden Aberglaubens. Die wahren Gottesleugner sind nach jüdischer Auffassung nicht jene, die, wie der Talmud selbst, erklären, Gott könne nie in Wirklichkeit auf den Sinai herab- und Elijah nie in den'Himmel aufgestiegen sein, die auf diese oder jene Weise jeden Aninropomorphismus von Gott fernzuhalten suchen. Selbst jene nixM, die das Schöpfungswerk in der freiesten Weise deuten. Jene sind es vielmehr, die, wie Swift sie zeichnet, nüchtern mit Gott und Religion Scherz treiben. Die auf den Knien liegen, anstatt aufzustehen, um eine gute Tat zu" vollbringen. Wie ein unverschämter Schuldner, der täglich zu seinem Gläubiger geht und sich vertraulich mit ihm bespricht, ohne je seine Schuld abzutragen. Jene, die, wie der Psalmist (50, 16. 17) sagt, a,von Gottes1. Geboten nur schöne Worte machen und seinen Bund und Namen stets im Munde führen, in der Wirklichkeit (aber Zucht und Menschlichkeit mit Füßen treten und seine Worte hinter sich werfen". Freilich5, eine solche Religion, der die Nächstenliebe nicht (von den Lippen weicht; und die dabei mi t aller bis! dahin unbekannten Grausamkeit Sätze praktiziert, wie: ,,Extra ecclesiam nulla est salus" oder „Haereticis nulla est servanda fides", während das1 Judentum ausdrücklich! den Frommen aller Völker die Seligkeit zuspricht und selbst dem Götzendiener gegenüber strengste Redlichkeit fordert, .— eine solche Religion öffentlich eine „Lüge" zu nennen, das bleibt dem Geschmack des einzelnen überlassen. Mir widerstrebt es, da es die Gefühle so vieler verletzen muß1, denen das Gute, das diese Religion ihnen bietet, sie ihnen lieb und heilig macht. Hat es doch überdies auch ehrliche Kirchenmänner gegeben, die, wie - Agricola, ohne Hehl bekannten: „Die zehn Gebote haben für den Christen keine Gültigkeit." Ich betone, wie Du weißt, immer, und so auch hier, daß ich streng zwischen der jüdischen Lehre und dem jüdischen Leben der Gegenwart unterscheide. Nichts Hegt mir ferner, als Schönfärberei zugunsten unserer heutigen Juden. Ebensoweit .aber auch der geringste Ausfall auf die Christen im allgemeinen. Ich spreche hier immer nur von der einen und der anderen Religion' als solcher. Entscheidend ist freilich, wie sich' diese Religion an Ihren Bekennern bewährt. Mag auch die Literatur, [über die Jüdische Frage" in' jüngster Zeit berghoch wachsen, — ein achtbarer Jude tut mehr, als all . diese Holzvergeudung, zu unserem Besten. Ein schlechter zehnmal soviel zu unserem Schaden. Was Nie tz s che, gewiß in puncto Judentum objektiv, von dem ideallosen jüdischen Börsenjiingling sagt, (das können alle apologetischen Schönheitspflästerchen nicht aus der Welt schaffen. Als Gegengewicht kann nur wiederum ein —-günstiger — jüdischer T y p u s dienen. Aber nicht, wie bei Gustav Frey t ag, der hyperidealistische Stubengelehrte gegenüber dem unredlichen Händler. Es muß eine Erscheinung aus der gleichen Sphäre und Kategorie sein, eine Wiederholung jenes R. Schimon's, der durch seine peinliche Redlichkeit einen. Araber zu dem Ausruf (begeiferte: ^Gesegnet sei der Gott R. Schimon'sl" Das, was wir Juden „Kiddusch haschem" nennen 1 Die eine arme Jüdin, die einem Ne tt e 1 be ck in seiner Not hochherzige Gesinnung bewies und durch seine dankbare Aufzeichnung in das Bewußtsein des deutschen Volkes eingegangen ist, sie wirkt vielleicht, wenn auch im stillen, ebensoviel, wie der eine Moses Mendelssohn, als Lieblingsfigur der deutschen Volksliteratur — ein nicht zu unterschätzender FaktorI — seiner Zeit. Sicherlich aber weit mehr, als alle jüdischen Kunstmäzene, die das Protegieren aus iRenommage betreiben, zusammengenommen. Wenn doch! endlich jeder Jude einsehen wollte, daß er das Glück seines! Volkes trägt l Daß in seine Hand das Schicksal aller Juden gelegt ist und die Ehre des gesamten Judentums von ihm gefordert wirdl Wieviel solcher namenloser idealer Juden, d. h. Prachtausgaben eines Menschen, unter uns leben, wir Wissens am besten. Bedauern es nur schmerzlich, daß ihrer nicht mehr uns bekannt sind, so oft wir einen edlen Christen kennen lernen. (Wird fortgesetzt.) t Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. Die Judenherrschaft. Beim Parteitag der Sozialdemokraten hat Dr. Fritz Adler Mitteilungen über einen angeblichen monarchistischen Putschversuch! gemacht, für welchen militärische Pläne bestanden haben. Man kann nun über den Ernst dieser Pläne denken wie man will, aber das eine ist sicher, daß ihre Wahrscheinlichkeit gehoben wird durch die Aeußerungen einer haßsprühenden Judenfeindschaft, welche in der Grundidee ausgesprochen ist. Es heißt darin, daß es weder der Volkswehr noch einer anderen militärischen Körperschaft einfallen werde, sich für ihre jüdischen Führer zu schlagen. Man werde also leicht die Judenherrschaft abschütteln unter dem Rufe: Es lebe das christliche Oesterreich! Wir kennen die Weise, wir kennen den Text, wir kennen auch den Verfasser. Das Mittelalter kehrt wieder zurück mit seiner Methode, die wehrlosen Juden als Sündenböcke zu mißbrauchen und den Zorn des Volkes auf sie abzulenken. Wenn vor Jahrhunderten ein Fürst verschuldet war, wenn er den Groll seiner mißhandelten Untertanen zu fürchten hafte, so brachen sicherlich1 Judenverfolgungen aus, mit denen man den alten Drang des Pöbels nach ^panem et circenses", nach Brot und Zirkusspielen befriedigte, indem man ihm die Freiheit für Plünderungen und mehr oder minder blutige Verfolgungen ließ. Nach diesem Rezept gehen auch bei uns die mehr oder minder verkappten Monarchisten vor, die jetzt wieder ihr Haupt kühn erheben. Man hat ihnen bereits vor dem Richterstuhl der Geschichte nachgewiesen, daß! sie es waren, welche den blutigsten und Verhängnis-