Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 42 (7.11.1919)
- Date
- 1919-11-07
- Page
- Seite 576 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 672 Dr. BEOCH'S W( Größe, Reichtum', Erhabenheit des Judentums? Odet kümmert sich1 Snob und Mob um1 „religiöse Fräsend „ Hinzu kommt noch' eines, was' auch' die Haupt-* s'chüld an dem beschämenden Rückstand erklärt, ii^ dem die jüdische Bibelfors'chung seit langem ge-1 blieben ist. Man will sichs' nicht mit 'den — Orthodoxen" verderben. „Wozu der Lärm'?" Quieta non (movere! Wer unser Schrifttum' auch nur vom' Hörensagen) kennt, sollte doch soviel davon wissen, daßi es1 bei uns* keine,.Orthodoxie", noch überhaupt eine „Doxa", eine „Kirchenlehre", eine Festlegung auf irgendeine Meinung, einen Glaubenssatz gibt. Was1 in den heiligen Schriften nicht Tat gebot, nicht X e hfe n sweisüng ist, das überläßt man bei uns' getrost d<m Philosophen und Philologen, den Mythenforsch'prn und Historikern, der Naturwissenschaft und — last not least — dem Homiletiker. „Nicht die Theorie gilt, sondern die. Praxis!" Keine Uniformierung der Geister, sondern Disziplinierung des1 Willens1 und einheitliche Stilisierung des Lebens1. Die Tat ist alles. Die aus reinem' Herzen quellende edle — und1 dadurch1 den Täter selbst veredelnde — Tat. Das Ziel: eine Reinkultur der Spezies Homo s'apien'sL Das Wort Clarapedes: „Besser ein veredelter Affe, als1 ein heruntergekommener Adam", es könnte ein „orthodoxer" Jude gesprochen haben. Gegenden Circe-Zauber einer Aes!theten-Kultur, der Menschen in T i e i e verwandelt, macht die jüdis'ch'e E th i k Front mit der Aufgabe, das' Tier in uns' zum1 iM.en!- s'chen zu erziehen. Den Gegensatz .zwischen uns und den .anderen Ttann: man gar nicht schärfer pointieren, als1 Feuer h ach in dem Satze: -Sind wir für den Himmel geboren, so -sind wir für die Erde verloren." Diesem' aut-aut steht unser et-et gegenüber, der harmonische Ausgleich zwischen HimmeTs'siehhsüch't und Erdbedingtheit in der Mens'chen'seele — in dieser Welt. „Der Himmel ist des' Ewigen', aber die Erde . gab' er deh Mens'chen." Nur hier kann das' Paradies1 erblühen. Wie fein finden unsere alten Kommentatoren die " Schuld des1 ..Geschlechtes1 des Turmbaues zu Babel" darin, daß sie vorgaben, ..den er e f äh'r deten Himmel stützen zu sollen"! Sie, die in Wirklichkeit Gott entthronen und den Himmel für s'ich1 okkupieren wollten! Die privilegierten Himmels - pachter und Glaubensretter — ja, die brachten die große Disharmonie unter die Menschen, daß wir die Ein heitlichkeit des' Kulturstrebens einbüßten und uns nicht mehr brüderlichuntereinander verständigen können. „E i n erlei Sprache und ein deutige Rede"/ den und vieldeutig. Der Uns'chüTd des1 schlichten, vertäuenden Herzens' beraubt, von Haß und Neid und Gier vergiftet, begannen sie aus! der Sprache, dem' natürlichen B i n d u n g 's' - u n d V e r s! t a n d i g u n g s - Mittel, gegeneinander Scheidewände zu errichten, den Worten des anderen anderen Sinn unterzulegen, die eigenen zur Bemäntelung ihrer Gedanken zu mißbrauchen, aneinander vorbeizureden. Die Lüge, die Politik traten ihre Herrschaft an. Der Keiiri zum Kriege war gepflanzt. Feuerbach' hat somit recht. Das1 ständige Schielen nach dem1 Himkn'el raubt das1 Augenmaß für die Erde. Die Lehre von der doppelten Wahrheit die Moral mit doppeltem Boden, der Reservatio mentalis1, sie. mächten, die Erde zum Jammertal. Die Himmelsrayonierung ausschließlich auf Grund des Taufscheines bedingt die Teilung der Erde und ihrer Güter WchH dem1 Maßstab der Gläubigkeit. ICHENSCHRIFT Nr. 42 V r - Von alledem' weiß das1 Judentum nichts. Es, ist fcei der „einfachen" Moral, bei „einerlei Sprache" geplieben. Ausdrücklich und unzweideutig läßt es jeden, Igleichviel welchen Glaubens und' welcher Herkunft, jnach s'einer Fasson seligwerden. „Ehre Gott in der :Höhe und Frieden auf Erden", d. h. nach jüdischer "Auffassung: „Für alle gleiches1 Recht auf Erden ^and gleiche Aussicht auf den Himmel." Es ist . wohl das1 Kühnste, was1 je über die Lippen eines Theologen kam!, wenn ein R. Chijja die Gottheit sagen läßt: „Zugestanden, sie verlassen mich, — wenn sie nur krieineGebote halten würden!" So spricht ein Mann, dem der Talmud nachrühmt, er habe gleich Esta, die Thbra vor der Vergessenheit gerettet! „Atheist in der Theorie, es1 sei! Wenn nur in der Praxis' Jude!" Atheismus— ein geistiges' Manko. Wen geht es' an, außer dem' Betroffenen? Nicht mehr, nicht weniger wie ein Schönheitsfehler. Der Prophet Jona wird nach Ninive gesandt. Etwa, Weil die Leute dort Götzendiener oder Atheisten oder „Monisten"" waren? Nichts' von Ketzerrichterei! Sondern einzig und allein darum', weil „ihr böser Wandel" vor Gott gekommen. —Jona kehrt verrichteter Sache heiml Hatte, er Ninive zum Judentum' bekehrt? War der Marduktempel zur Synagoge ..umgetauft"? Ach nein. „Sie waren um'gekehrt von ihrem bösen Wege; damit zufrieden, ließ Gott ab von dem' Bösen, das1 er ihnen zugedacht:" Sieht das nach Orthodoxie aus1? .... Gott dienen durch die Tat! Da's ist auch Ursprurig und Tendenz unseres1 sogenannten „Zerembmalgesetzes". „Wie kleinlich' eine Religion, die solche Ouis'- guilien zur Tortur für ihre Bekenner macht!" Nicht wahr? „Was1 kann-Gott daran liegen, ob man das' Tier schachtet oder durch -Nackens'chllag tötet?" / Diese Frage, lieber Ernst, —: höre und staune! — sie zitiere ich nicht aus1 einem' Pamphlet gegen das' Schächten. Sie steht — im1 Midräseh!! ' / r Nein:, diese „Zeremonien" sind nicht Kleinlichkeitskrämerei. Sie sind Gewichte, die uns in jedem Augenblick' unseres Daseins' das' Wertvollste, die statische Ruhe der Seele, erhalten. Ihnen danken wir den Ausgleich zwischen' „Himmelhoch jauchzend" und „Zu Tode betrübt". Jenen Herzensfrieden, der unerschütterlichen Mutes1 zwischen der Skylla und Oharybdis extremer Stimmungen den sicheren Mittelweg findet. In anderen Religionen verkörpert sich 'das' religios'e Gefühl. Es1 lebt sich' aus1 in mythologis'chbr Symbolik, in Bilderdienst oder in Apotheose und Heiligenverehrung. Bei uns betätigt es sich. Die „Güte" wird nicht zu Bild und Statue, zum' „schönen Schein"; 'sie wird, zum1 Armenzehhten, zum Krankenbesuch1, zur Waisenpflege, zur Volks'aus's'peisüng, zum' Bekleidüngsverein. Die „Enthaltsamkeit" führt nicht in die Einsiedelei mit der Aussicht auf die Gloriole der Heiligsprechung. Sie gibt dem „jüdis'chen Haus" seinen .-besonderen Stil und Zuschnitt, der die Menschenwürde wahrt, den Gedanken an einen höheren Beruf wach hält selbst in1 Speis1 - und Trank und : allem1wo sonst das1 Tier im' Menschen seine unbeschränkte Domäne behauptet. Wer aus einer Solchen Kind er s'tub'e kommt, der wird die Religion nicht eine Lüge sichelten. Er selbst, seine Kindheit, die. Erinnerung an das Elternhaus, sein „Heimatschein" müßten ihn Lügen strafen. Und wenn ein. Lichtenberg bekennt, „in einem Tage hundert Dinge zum Orakel zu machen", oder wenn ich1 von Augustus lese, daß es!