Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 42 (7.11.1919)
- Date
- 1919-11-07
- Page
- Seite 574 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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X Seit« 670 Dir, BLOCHS WOCHMSGHRIFt. ÜTr. 42 das5 Yissroel nach England und hatte dje Absicht, nach.; Amerika zu gehen, um die traurige Lage unserer polnischen Brüder zu schildern, namentlich den drohenden Untergang der weltberühmten Yeshivauthl in Littauen und vieler Hunderter von Talmud-Thora- Schulen in Polen, und Galizien. Rabbiner Rerlmutter sprach' in mehreren Massenversammlungen im East End und im Norden Londons, mit dem Erfolge, daß! beträchtliche Beiträge für das HilfsWerk in Polen gesammelt wurden." Eine sehr energische Tätigkeit wird von der „Sinaj League" entfaltet, die von Dr, Jung k® Jahre. 1913 ins' Liehen gerufen wurde. Diester traditionelle Verhand cLer „Sinai Associations" beschränkte seine, Tätigkeit his vor kurzem auf die religiöse Erziehung der jüdischen Jugend in England. In mehr als zwanzig Zweigvereinen, die selbst während des Krieges: tatkräftigst arbeiteten, wurden solide Zentren für die kommende Rekonstruktion der englischen Judenheit geschaffen., fast gleichzeitig mit dem Waffenstillstände, mit weiser Voraussicht, sichritt die Sinai League daran, ihr Arbeitsprogramm zu erweitern. Ihr Organ, „The Sinaist", wurde ausgestaltet und führt heute den stolzen Titel „Ein Organ für Traditionelles Judentum",.. Die Hauptzentren der Bewegung in Manchester, Leeds und Birmingham entwickeln sich zu wahren Mustergemeinden en miniature.. Die Londoner Zentrale hatte 4ie Genugtuung, während des letzten Sinai-Kongresses die Führer der Londoner Judenheit auf der Kongreß-Plattform1 zu sehen und enthustiastisehe .Worte von Chiefrabbi Dr. Hertz, Haham1 Dr. Gast er, Dayapo. Feldmian, Rabbiner Schonfeld usw. zu hören. AJle diese Herren helfen der League durch .Vorträge, die Abhaitang von kleinen Konferenzen usw,- und gehören außerdem zu den Mitarbeitern; des j,Sinaist"A In .meinem nächsten Briefe werdle ich versuchen, Ihren Lesern ein getreues1 Bild der englischen Gemeinden zu entwerfen^ nam,ep.tlidh, der drei großen Gemeindegruppen ,',United", „Fe^eral^qn'', „Spanisch and Portuguese"*__ , M. B, Oieicbbereclitigiiiig oder Minoritätssciiutz. In einer vom jüdischen Nationalrat veransltalteten Versammlung sprach Ob^rrahhiner Dr. Chajes wiederum1 einmal über das: Thema ^Gleichherechtigung und Minoritätssehutz",* (Jeher das gleiche Thema hat Herr Dj. Chjajes jüngstens auch einen „Synagogen-Vortrag" gehalten und der Inhalt der Predigt deckt sich mit den Ausb führungen in der. Sonntagsversammlung. Gegen eine Kanzelrede, auch wenn sie eigentlich rein politischer Natur is$, zu polemisieren, ist einigermaßen peinlich; der. Redner in einer Volksversammlung muß« sich eine Kritik, seihst eine scharfe, gefallen lassen. Herr DjJ. Cfttajes' leistete sich den Satz: „Es! isjt unsiere. Schande, daß» ein Teil der Judenschaft nur. immer um* die . „Gleiohherechtigung" hettelt." Zunächst nur die Bemerkung, daßj ejp, „Recht" gefordert und gebettelt wird nur — um! einen „Schütz", " . Die Juden in England, Frankreich, Italien, verzichten, auf die Segnungen des nationalen Minoritäts- Schutzes, fühlen sich als vohherechtigte Engländer, ITranzosen und Italiener. Warum1 soll für die Juden in ©estenreich das ^gleiche politische Verhalten ^eine Schande" sein? Im Rate der englischen Krone sitzen Juden als Minister, einer hat als Minister für Indien den großen Friedensvertrag mit seinem Namen gefertigt; Dr., Klotz ist Finanzminister der französischen Republik; sie alle .ühen ihr Amt nicht auf Grund eines „Minoritätssehützes:", sondern als: gleichberechtigte Staatsbürger; ist das für sie „eine Schande"? Luigi Luzzatti war italienischer Minister r Präsident,. Otto Lenghi Kriegsminister, beide gute Juden; wenn man ihnen zugemutet hätte, keine Italiener zu sein, sondern einer fremdnationalen Minorität anzugehören und jenieß|en „Minoritätsschutz":. wie {inaürde wjohl ihres Antwort gelautet haben? Mit solchen Kraftausdrücken sollte, man doch etwas vorsichtiger sein. Dabei handelt es1 sich um Fragen eminentester Bedeutung, die nicht von dem! Gesichtswinkel eines1 Parteistandpunktes beurteilt werden sollten, sondern nach innerster Ueberzeugung von dein, was der jüdischen Gesamtheit frommt^ Wir sind letzt nicht mehr auf theoretische Erwägungen und Kombinationen angesieseni wo traü^ rige Erfahrungen bereitsi vorliegen. Alle irreleitenden Illusionen verschwinden vor dem' Flamm'enstrahl trauriger Wirklichkeiten l „Gleichberechtigung" oder „Minoritätsschütz": , Die Juden in Galizien und i<n der,Provinz ßosen sind allein in der Lage, unparteiisch! auszusagen, was; ihnen heilsamer, wirtschaftlich nützlicher sich erweist, Sie. standen vor deml Kriege unter der Garantie der innerstaatlichen .Verfassung, die jedem! Staatsbürger die Gleichberechtigung zusichert. Diese, Gleichberechtigung ist ihnen nie in vollem Maße geworden, sie sEurde ihnen vielfach recht empfindlich! geschmälert"; jetzt genießen sie den völkerrechtlich „gesicherten," Minoritätsschutz 1 Und doch; der frühere Zustand err scheint ihnen gegenwärtig als1 ein Paradies^ als? .ein verlorenes1 Paradies», die gegehwärtige Situation; als „eine Hölle", aus der jeder* der es1 nur irgendwie/ vermag,. hinausflüchtet. v i . Man frage" doch die vielgeplagten galizischen Juden, ob! sie nicht die einstige „Gleichherechtigung" im) alten österreichischen Staat ,dem gegenwärtigen „Minoritätsschuiz" in. "Polen vorziehen? Man frage die Lemberger Juden, die ihre herrlichen Paläste in Lemberg, verlassen, ihre sehr gut gehenden Geschäft^ und Bankhäuser dort aufgeben, jgn! sich im Westep; niederzulassen: warum sie dem' völkerrechtlich gesicherten Minoritätsschütz so wenig vertrauen? , , i Die Lage der Juden in Galizien, dasi bestätigt jeder, der von,1 dort kommt, ist eine tieftraurige.. Der; Boykott Wütet mit furchtbarer Grausamkeit, in, kleinen Städten is't; den Juden .überhaupt verboten,. Handel zu treiben; den Mühlen ist untersagt, Getreide,, das? einem Juden gehört, zu vermählen. Die Besitzer kleiner" Grundstücke auf den Dörfern,, werden unter den Drohungen gezwungen, diese zu verkaufen wd das Dorf zu verlassen. Das1 alles1, unter der Herrschaft des völkerrechtlich! gesicherten Mi.noritäts-. schutzes;. Zu Tausenden, rüsten sich die Juden,, das Land zu verlassen, wo ihnen die „Segnungen" des MmoritätsSchutzes1 durch £en. vielherufenen Völkerbund gesichert werden, soll. Und wie. in Galizien.« so. geht es1 auch in kier Provinz IJosen zu. Der wirtschaftliche Boykptt erfüllt die Juden mit tiefer Sorge und drückt ihnen den Wanderstab in: die Hand, Familien,, die seit vielen Generationen "ortsansässig sind, sehen sich gezwungen, die väterliche Scholle zu verlassen.; Andere, die vorläufig noch zurückbleiben,, stellen die Absicht der Auswanderung gleichfalls in den Plan der an Wahr-