Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 41 (31.10.1919)
- Date
- 1919-10-31
- Page
- Seite 567 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3022353-3022389--28045-3053496- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
■ffr. 41 Dr. BLOCH'S WOCHENSCHRIFT £oit* $-'5 pj.ch.ts anders müßt-j eine Ahweliraktion, die moderne Menschen, denen die Voikspsyche kein neues Tor ist, leiten, beschaffen sein. Da kleben an allen Häusern kleine Zettel des. Inhaltes: „Schuld an unserem Elend sind die Juden." Was macht der Herr Sekretär? Er putzt sich die Stiefel und läuit auf den Sdhiottenring! ,Was würde ein wirklicher- Abwehrausschuß tun? Zehnmal mehr Zettel ankleben lassen, in denen die Leser des ersteren gefragt werden: „Haben die Juden den Krieg begonnen oder die Hofkamarilla? Verweigern uns die Juden die Kohle oder die arischen Tschechen und die so besonders fromm-christlichen und antisemitischen Polen? Verweigern die Juden die Getreideablieferung oder die katholischen Bauern?" Andere Zettel lauten: „Wer hat sich am Kriege bereichert? Die Juden." Schleunigst müßte man plakatieren: „Sind die 'Erzherzoge Friedrich und Salvator, die Scholler, Krupp usw. Juden?" Das wirkt — sonst nichts. Wenn der Durchschni'tsbürger einen der erwähnten antisemitischen Hetzzetjtel best, Raufet er, was viarauf steht, ^weil sich dieser Text in sein Gedächtnis einprägt, und es nicht seine Sache ist, aus sich selbst heraus über jdiese Dinge Gedanken nachzuhängen: Muß es schließlich glauben, da sidhr die so Beschuldigten feige verkriechen und sich nicht zur Wehr setzen. Wenn man ihm' aber das Gegenstuck unter die Nase reibt, dann denkt er schon* nach und nur so — nochmals sei es gesagt — kann die Pogromhetze, die sicherlich immer intensiver werden wird, wenn £ich kein Widerstand zeigt, unwirksam werden. -Und daß sich, gar politische Parteien als Verteidiger ins Zeug legen 'sollen, wenn die Hauptbeteiligten nicht aus dem Mauseloch hervorkriechen, kann füglich nicht verlangt werden. Was sind dochr das für Leute, die sich' anmaßen, führende Rollen in der Judenschaft zu spielen und einfach alles über die Juden ergehen lassen, ohne aufzumucken. Kann man danach' — fragen wir uns ehrlich — vor den Juden Achtung haben? Wer heute bestehen will, muß sich rühren und regen und wehren. Wenn man ihn anschreit, muß er noch lauter zurückschreien 1 Leider wissen die Herren Sekretäre und ihr Anhang gar nicht, daß die größten antisemitischen Schreier persön^ch Feiglinge und nur solange frechi" sind, als sich kein Widerstand am Horizonte zeigt. Das sei dem Abwehtausschüßverhinderer iiocb einmal gesagt. Den Polizeipräsidenten mehr in Ruhe lassen und die Öffentlichkeit mehr behelligen — das ist Abwehr. A. Das eä-gaMscih's Judentum unter ukrainischer Herrechlafh Seht geehrter Herr Redakteur! Ich erlaube mir höflichst zu ersuchen, nach;- . stehenden Erlebnissen in Östgalizien während der kurzen Dauer ukrainischer Herrschaft in Ihrem gesichätzten Blatte Raum geben zu wollen. Bei Ausbruch der Revolution in den letzten Novembertagen. 1919 . wurde das von ukrainischer Bevölkerung bewohnte Östgalizien durch ukrainische Beamte als ukrainische. Volksrepublik proklamiert.; Ohne den Druck .der alliierten Staaten erst abzuwarten, wurde allen nationalen Minoritäten die volle nationale und kulturelle Autonomie zu-gesichert. Gleichzeitig wurde an die Verwirklichtmg derselben geschritten. Unter die nationalen Minoritäten zählte ~ häßlich: auch' das1 ostgaHzisehe Judentum. So' wurden der Bevölkerungsizahl der dortigen Juden Batsprechend zu den Staatsämtern jüdische Beamte herangezogen, und zwar für sehr hohe Posten; einer erhielt den Posten eines1 Unterstaatssekretärs. Wie angenehm wirkte es auf jedes jüdische Herz, die Regierungskundmac'hungeri in den Straßen und auf den Aemtern in jüdischer Schrift und Sprache lesen zu können und daß man sich überall jüdisch verständigen konnte. Einem allgemein geäußerten Wunsch» der Majorität der jüdischen Einwohner entgegenkommend, wurde die alte Kabalrepräsentanz aufgelöst und an deren Stelle trat der auf Grund des offenen und geheimen Wahlrechtes gewählte Nationalrat, und zwar als Orts-, Bezirks- und Landes - nationalrat, und ein Zirkular der Regierung machte alle Amtsorgane darauf aufmerksam, daß der jüdische Landesnationalrat als einzige für xingelegenheiten, die o o c* . den Juden kompetente Behörde anzusehen ist. Der jüdische Nationalrat unternahm Schritte, jüdischnationale Schulen zu errichten, die jüdischen Gymnasiasten haben sich bereits berechtigt erachtet, die „G." von der Kappe wegzuschaffen und haben an deren Stelle die jüdische „Gimel" angebracht; endlich erschien im Amtsblatte „Wistnyk", Nr. 6, des Jahres 1919, ein Regierungserlaß, wonach die hebräische Sprache als öffentliche Sprache anerkannt wird. Juden dürften sich in den öffentlichen Aemtern ihrer eigenen Sprache bedienen; auch die von der Regierung ausgegebenen Banknoten erhielten u. a. aucti eine jüdische Inschrift. Je länger man unter der ukrainischen Verwaltung lebte, je mehr konnte man sich von ihrer Gerechtigkeit den Juden gegenüber überzeugen. Dieses, den ostgalizischlen Juden zuteil gewordene Glück hielt jedoch nicht lange' an. -Mit Beginn des Friihjahres;' 1919 begannen auch die polnischen und bolschewistischen Offensiven gegen das ukrainische Volk und nach langen heldenhaften Ver- . teidigungskämpfen wurde Östgalizien durch die polnische Armee okkupiert. Ihr Regierung3programm gegenüber den Juden haben sie gleich nach dem ersten Siege bei Lemberg mit dem dort veranstalteten Blutbad vor aller Weit kundgegeben. Aber nicht nur die Lemberger Judenschaft hatte solch schwere Zeiten zu überstehen. Nirgend blieben die Juden verschont. Sie müssen Zwangsarbeit leisten, so zum Beispiel Schuhputzen, Wasser bringen, Holz spalten. Der von der jüdischen Bevölkerung gewählte Nationalrat wurde abgeschafft und es trat wieder die alte Erscheinung, der „Regierungskommissär", auf den Plan, einer der schärfsten Assimiianten wird zum Vertreter der jüdischen Bevölkerung ernannt und jede selbständige jüdische Regung wird unterdrückt. Die schönen Hoffnungen, mit welchen das ostgaliziscbe Judentum die neue Zeit begrüßt, sind rasch verflogen, wir blicken auf die kurze Periode des ukrainischen Regimes mit Wehmut zurück. Doch möge der Chronist der jüdischen Zeitgeschichte das Geschehene für die Zukunft zum Gedächtnis festhalten. Ein ostgalizisch er Jude. Nachod. Hier fand in einem überfüllten Saale vor einem aus allen Schichten der Bevölkerung bestehenden Auditorium ein Vortrag über die „tschechisch-jüdische Frage" von Herrn Dr. Fue&s, Vertreter der assimilatorischen Richtung, statt. In die Debatte, die dem Vortrage folgte, griff auch der Ortsrabbiner Dr. Sicher ein, der unter anderem sagte: „Ob wir Juden hier Fremdlinge sein werden oder nicht, das* werden weder die Zionisten verschulden noch die: Assimiianten verhüten, sondern voc