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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-10-31 · 41 (31.10.1919) · p. Seite 566

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
41 (31.10.1919)
Date
1919-10-31
Page
Seite 566 (sequence 10)
Language
German
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Sw!* $62 Dr. BLQQH'S WOCHENSCHRIFT Nr. 41 betrachtet und behandelt und die deutsehösterreichische Regierung gab diesem1/Wandel der Dinge auch dadurch Ausdruck, daß sie die Einstellung der staatlichen Bargeldunterstützung an die Flüchtlinge verfügte und ihnen obendrein mit der Ausweisung drohte. In gleicher Weise ging die Tschecho-Slowakei vor, die die unverzügliche Abwanderung der Flüchtling? au» Böhmen und Mähren einleitete. Um' jene Zeit aber wüteten in Lemberg und Westgalizien schreckliche Pogrome und da es sich um die Rückkehr von zumeist jüdischen Flüchtlingen handelte, für die das Betreten polnischen Bodens geradezu eine Lebensgefahr war, so durfte deren Abschiebung unter keinen Umstanden -zugelassen werden. In dieser kritischen Situation setzte die Hilfstätigkeit der Wiener ukrainischen Gesandtschaft ein und war von Erfolg gekrönt. Der damalige Gesandte und gegenwäriige Chef der. ukrainischen Mission in Bern, Herr Nikolai von VVassilko, 'dessen Menschenfreundlichkeit allgemein bekannt und anerkannt ist, nahm1 sofort die Verhandlungen mit der Wiener und Prager Regierung auf und erwirkte, daß die Flüchtlinge bis auf weiteres: in ihren bisherigen Aufenthaltsorten verbleiben durften. War ihnen damit allein schon über das Schwerste hinweggeholfen, so ging Herr Wassilko in seiner bewährten Menschenliebe noch einen Schritt" weiter und trat bei seiner Regierung auch dafür ein, daß.den mittellosen Flüchtlingen aus den östlichen Gebieten, gleichviel oh sije durch die Entscheidung der Friedenskonferenz zu Polen, der Ukraine oder Rumänien gehören würden, der Fortbezug der Unterstützung im bisherigen Ausmaße gewährt und der Betrag hiefür flüssig gemiacht werde. Gleichzeitig versuchte er, die Vertreter der Polen und Rumänen zu einer gMdhen Maßnahme zu bewegen, um. das Hilfs'-. werk zu einer einheitlichen Einrichtung aller beteiligten Länder zu machen. Es1 fanden diesbezüglich zahlreiche Konferenzen in der Flüchtlingszentrale bei Herrn. Dr. Schwarz-Hiller statt, an welchen seitens der nkrainischen Gesandtschaft auch der Referent für jüdische Angelegenheiten, Herr Legationssekrelär Professor Dr. Siegmund K a t z, teilnahm1, die jedoch resuitatlos1 verliefen. Während nämlich die Polen in der Hilfeleistung an die Juden den Ukrainern den Vorrang überließen, ist rumänischerseits überhaupt niemand erschienen und eine spätere schriftliche Mitteilung besagte, daß man das Bedauern darüber aussprechen müsse, diese Angelegenheit nicht feehandeln zukönnen. Gesandter v. Wassilko aber griff werktätig zu und erlegte-namens seiner Regierung nacheinander feaehrereMillionenKronen, die zur fortlaufenden Auszahlung der Flüchtlingsunterstützung verwendet worden sind. Im' Zuge dieser Aktion, kam; vom jüdischen Nationalrat für Ostgalizierf das1 dringende Ersuchen, auch den in der Tschechoslowakei weilenden Flüchtlingen materielle Hilfe zu leisten und so wurde auch nach Präg der Betrag von ungefähr einer Viertelmillion Kronen überwiesen. Außer dieser großzügigen Hilfstätigkeit für die Flüchtlinge hat die ukranische Gesandtschaft in Wier$ aber auch1 verschiedenen anderen jüdischen Körperschaften, Institutionen und Einrichtungen ihre hilfreiche Hand geboten. Wir erwähnen bloß: die ostgalizische Advokatenvereinigung, das jüdische Taubstummeninstitut, sonstige huin'anitäre Vereine und Fürsorgestellen usw. Den jüdischen Hochschülern .wurde eine harnhafte Subvention anläßlich der Errichtung der Mensa academica bewilligt und die ukrainischen Mihtär-^Iittelschülfcurse erfreuen sich der lebhaften Förderung des gegenwärtigen ukrainischen Gesandten, Herrn v. Singale wy p.z, der ihnen großes1 Interesse entgegenbringt. * Diese rege Anteilnahme für das1 Schicksal der jüdischen Volksmassen darf der ukrainischen Regierung nur zur Ehre gereichen und verdient wahrhaftig uneingeschränktes Lob und Anerkennung. Wo steckt der ÄbiwetausscWuft noch jrrawar? Die antisemitische Hetze geht hoch! Daß sie nach1 dem Kriege kommen müßte, war jedem Analphabeten klar, denn daß: Hinausgeworfene/ die gerne, ach so gerne wieder an die Krippe wollen, zum letzten .Auskunftsmittel, zur .Judenhetze, greifen, lehrt uralte Erfahrung. Und daß die Massen in ihrer Not, wenn sie nicht aus noch ein wissen, jenem Schlagwort gläubig nachrennen, das an Instinkte und nicht an die Denkkraft appelliert, weiß auch jedes Kinid. Es* wäre daher bitter nötig gewesen, beizeiten zur Abwehr zu rüsten; hier in diesen Blättern wurde noch mitten im Kriege die Gründung eines* Abwehrausschüsses propagiert, und diese Propaganda hat Anklang gefunden, wurde begriffen. Da schritten flugs die „Kompetenzen" ein. Ein Herr Sekretär einor jüdischen Längschiäfervereinigung legte sich ins Mittel; dozierte breitspurig, daß eine solche Aktion von unbekannten Leuten, die nur lose Verbindungen zueinander hatten, nicht die richtige Wirkung haben könne, daß aber seine illustre Vereinigung die Sache, die sein alter Plan wäre, bereits1 in die Hand genommen habe, in großzügigster Weise durchführen werde und daß schon ganz namhafte Summen für diesen hochwichtigen Zweck gezeichnet wären. Das Vertrauen zu diesem Zirkel, war vonvorn,r herein nicht groß, der Glaube, an die. Tatkraft, dieser Herreh an die angeblich bereite gebildet gewesenen Studentengarden usw. äußerst gering, aber schließlich] mußte man sich sagen: der Mann, der dies erklärt, übernimmt damit eine große, furchtbare Verantwortung vor der jüdischen (^Öffentlichkeit und die ungeheuerliche Verantwortung, 'wieder friedlich einzunicken, wird er .unmöglich! auf seine schwachen Schultern wälzen V/ollen. Er war sogar furchtbar beleidigt, als eine solche Möglichkeit nur so im Vorbeigehen in Erwägung gezogen jwürde. Aber er ist eingenickt und es gelang bis heute nicht, ihn zu wecken. Immer stärker und ungebärdiger wurde die antisemitische Hetze und Pogrome sind jetzt schon Tagesgespräche in Wien. Und der Herr Sekretär? 0, wenn ihir ihn zur Rede stellt, wird er euchr schön erzählen, was: er geleistet, was er äbgewehrt hat. Er iwird erzählen, daß er — man denke! — mit gebügeltem' Zylinder beim Polizeipräsidenten vielleicht sogar bei einem Staatssekretär gewesen ist und dort „um1 Schütz für Leben und Eigentum' der "jüdischen Mitbürger" gebeten — diesen vielleicht sogar gefordert habe. Nehmen wir ihkn! das nicht übel. Der Mann wird langsam alt und lebt geistig in den Zeiten des1 seligen-Plener, der Noske und Wrabetz, izu denen noch' alles hinter den Kulissen, ohne daß irgend jemand etwas: zu erfahren brauchte, erledigt wurde. Wie soll der Mann begreifen, daß es sich gar nicht darum handelt, die Polizei anzurufen, die wahrscheinlich auch ohne ihn käme, sondern das! Gift, das die Hetzer in die Gehirne der Bevölkerung träufeln, mit wirksamem Gegengift unschädlich zu machen. Hetzen die Antisemiten beim Polizeipräsidenten? Nein, auf offener Straße, mit^Hilfe der Presse, von Plakaten und Flugblättern. So, nur so und überhaupt;

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