Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 41 (31.10.1919)
- Date
- 1919-10-31
- Page
- Seite 565 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41 Dr. BLOCH'S WOCHENSCHRIFT Sut» CC1 Troiü Icein Mensen. Daher die zahllosen Besehwerden über den beliebten 'Formalismüs des Geschäftsganges, der nur dazu dient, den Beamten Beschäftigung zu geben. Der Zwang, neue Ämtslokale samt Einrichtungen speziell für diese 'Wohlfahrtszwecke zu beschaffen, nebst gewissen Planlosigkeiten, haben 'die Mittel derart stark in Leidenschaft gezogen, daß 'man nunmehr zur Reduktion des Hilfswerkes schreiten 'mußte. Das hätte man voraus-1 sehen können! ' Den armen Leuten, 'welchen man die regelmäßige Barunterstützung* entzogen hat, "versprach man eine Entschär digung in Form!von Lebensmitteln und Kleidern. 2\fun erfährt man aus 'der „Morgenpost" vom 25. d. M., -«daß amerikanische Lebensmittel wohl längst eingetroffen sind — nur gelangen 'sie nicht zur Verteilung; trotz der wütenden Hungersnot. Auch 'die versprochene Verteilung von Kleidern ist — 'ein Versprechen geblieben. Es ist also mehr als etwas 'faul im' Staate Dänemark und es bildet eine unabweisbare Pflicht * der öffentlichen Presse, gegen solche Mißstände die Stimme zu erheben — eine Pflicht gegenüber den Armen und Notleidenden, für die die Unterstützungen bestimmt sind, umd eine Pflicht gegenüber den großherzigen Spendern in Amerika, denen man freimütig sagen muß, wie ihre Gelder verwendet werden. Das ist keine Angelegenheit, die in geheimen Kon,- ventikeln zu erledigen ist, hier gilt vor allem Wahrheit und Offenheit 1 Der Stadtrat hat zur Ueberwachung und Ueberpiim fung der Kost in den städtischen Humanitätsanstalten eine Kommission eingesetzt. Die Inspizierungen der Kommission waren unangesagt". Es erregte Äergernis, „daß in einer Kin^ derübernahmssteile der gute Kalbsbraten für das PersonaTr das zähe Rindfleisch für die Kinder bestimmt erschien". "Beim „Joint" ist Fleisch überhaupt nur für Beamte und Angestellte, ~ für'* Kinder aber keines vorhanden. Wir glauben nicht, daß die Spender in Amerika mit solcher „Humanität" einverstanden sind, wir weigern uns nach'drückf-, lieh, dem ein Loblied zu singen und die Oeffentlichkeit irrezuführen. Mahnruf zur rechten Zeit! In der - 'österreichischen. „Wochenschrift" vom 10. Oktober erläßt Sr. Ehrw. Herr Rabbiner Dr. M. Grunwald einen Weck- und Mahnruf, welcher lautet: W a s1 i r d a u 's' ,d e r I s r a e 1 i t i s c h' - T h e o - logischen Lehranstalt werden? Selbstverständlich gilt dieser Mahnruf zumeist unserer großjen Wiener IsTaehtengemeihde. in vielen Ländern/wo Juden leben, wo jüdis'cbes Leben und jüdische Lehre waltet, bfestehen Rabbinerschulen, Rabbinerseminarieii. In Deutschland, Ungarn, Amerika, England, Frankreich1 und Italien. Diese iheologisch-rabblinischen Hochschulen genießen, entsprechende Unterstützung und aufmerksame Pflege. Ein trauriges Zeichen der Zeit ist es-, wenn unsere große Wiener Gemeinde, wo einst hervorragende Gelehrte die Ch ach nie Wiens gelebt und gewirkt haben, es1 darauf ankommen läßt, enriahnt zu werden, daß die Rabbiners'chüle unterstützungsbedürftig sei. \ Unsere Rabbinerschule hat ja s!chon viele Männer 'zu Seelsorgern herangebildet und wirken tüchtige Schüler in zahlreichen; Gemeinden verschiedenster Richtung. Die Rabhinersldbule in Wien sollte doch' die Zentrale für Heranbildung von Rabbinern und. Kanzelrednern sein, zumal aus den beaiacäibsu^eii Ländern Schüler anlangen, welche Vorbildung in Bibel und Talmüdwissen genossen haben. Welch1 slchöne Erfolge haben die RaSbbinersehnlen in Breslau, Berlin, Budapest und andere Inatitute erzielt! Wäre es nicht schön und empfehlend, wenn auch wir in unserer Rabbinerschule für unsere Gemeinden, weiser wie bisher, tüchtige Kräfte heranziehen, könnten! Es wäre sündhaft, wenn unsere großfe Gemeinde nicht gleichen Schritt mit jenen Gemeinden halten möchte, welche darauf Rücksicht nehmen, fürs Judentum1 tüchtige Seelsorger heranzubilden. Die jüdische Geschichte erzählt, daß! der große Patriarch Rabbi JochananbenSakkai, welcher der Retter desi Judentums genannt wurde, zur Zeit der Belagerung Jerus'alemis durch' Titus: um den Verfall des jüdischen Wissens! besorgt, sich in einem; Sarg durch1 seine Schüler aus der belagerten. Stadt zu dem Belagerer Titus tragen ließ. Es war ein Gewaltmittel, um1 vorgelassen zu werden. Vorerst bat derselbe den Titus!, von der Belagerung Jerusalems abzustehen, welches! Titus nicht bewilligte, demzufolge bat Rabbi Jochanan ben Sakkai um' die Erlaubnis!, in Jamnia eine rabbinis'che Hochschule zu errichten, welches dem! besorgten Rabbi bewilligt wurde. Hiedurch! rettete dieser Weise in Israel die jüdische Lehre und die jüdische Wissenschaft dem1 Gesiamtjudentamte. Einst besuchte Rabbi Jochanan mit seinen zahlreichen Jüngern das zerstörte Jerusalem!. Bei dem xAnblick dieser Izerstörten Stadt schluchzten die Schüler. „Meine Söhnet" rief er den schluchzenden Jüngern zu, „Ein Gottesialtar in Israel ist nicht zerstört worden-" „Uebet Liebeswerke, gehet und übet sie gegenseitig-" So möge auch die Anregung unseres wackeren Rabbiners! Dr. Grunwald, auf fruchtbaren Boden fallend, uns das Bestehen 'der Rabbinersichüle in Wien derart möglich! machen, daß sich Männer, welche ein warmes Herz fürs echte und ungeheuchelte Judentum besitzen, durch reichliche Spenden und durch liebevolle Unterstützung durch entsprechende Beiträge diese leider bedrängte theologische Rabbinerschule im! Sinne unseres Gesetzes, welches* der Verbreitung der Thfora den obersten Rang einräumt, die nötige Hilfe werde. Es* werden dann Männer der Beredsamkeit, welche das Gotteswort von der Kanzel verkünden, unsere Wegweiser und1 Führer, unsere Trösrter in Tagen des Leides* uind des Schmerzes: uns zur Seite stehen, zur Ehre Gottesl und der Menschen. Albert L ö w. Ukrainische Hilfstätigkeit für jüdische Flüchtlinge. Anläßfuchl der Rückkehr der Flüchtlinge in die Heimat, womit die schmerzliche Sehnsucht unserer Antisemiten nach1 Entfernung der Ostjuden bald gestillt 'sein jdprffe, miag ps. nich^iujnzeitgemäßf erscheinen* daran zu erinnern, welch dankenswerte Rolle die hiesige ukrainische Vertretung für die westlichen Provinzen zur ümsturz^zeit in der Flüchtlingshilfe gespielt hat. Bekanntlich! sind infolge des Züsiamtaenbruches der Monarchie alle ehemaligen österreichischen Staatsbürger aus dem! Osten hier und im übrigen Deutschösterreich sozusagen über Nacht Ausländer geworden und deren politische Zugehörigkeit auf jenen Nationalstaat beschränkt, in dem sie vor dem1 Kriege ihren ständigen Wohnsitz hatten. Tatsächlich wurden sie von da ab als Fremde