Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 40 (22.10.1919)
- Date
- 1919-10-22
- Page
- Seite 546 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 649. Dr. BLOCH'S WOCHENSCHRIFT Nr. 40 Unglück gestürzt worden ist. Es könnte nun nachdenken, wer eigentlich1 idie Schuld an seinem Unglück ist und' könnte auf dem Wege der Wahrheit auf die Großagrarier stoßen', idie in ihrer schrankenlosen Gewinnsucht, auf die Aristokraten, welche in ihrer schrankenlosen Herrschsucht, auf die Generäle und Diplomaten, welche in ihrer gewissenlosen Unfähigkeiten den Krieg gemacht haben. Diplomatien und Aristokraten, ^Generäle und Großgrundbesitzer aber sind das Gefolge der Monarchie, welche jetzt wieder eingeführt werden stell. Es' ist also (durchaus1 notwendig,' das Gesicht des1 Volkes1 von diesen Stützen des Thrones und Altars1 wegzuwenden und das gelingt nur allzu leicht. Denn, die Wut des Volkes ist wie die Wut des Stieres1, der in der Arena von allen Seiten, angegriffen, gequält und gemartert wird und der sich endlich in blinder Raserei nicht etwa vor allem auf seine Peiniger stürzt, sondern auf das: unschuldige rote Tuch; das' inain ihm1 vorhält, weil man weiß), daß er diese Farbe vor allem jnicht leiden kann. Leider ist der Gebrauch des roten Tuches nicht nur auf Ungarn allein beschränkt, sondern überall im Schwange. Man betrachte nur, was* jetzt bei uns' in Oesterreich1 geschieht. Man mußl es1 mit unendlicher Eintönigkeit betonen, daß) wir durchaus' niemandem die Stange halten wollen wiegen [Seines Judentums uind daßi wird das schärfste Vorgehen. der). Behörden -gegen alle gesetzlichen und moralischen Sünden wünschen. Aber stellen wir doch vor allem fest, daß Oesterreich jetzt 6 Millionen Einwohner hat, davon 4 Millionen auf dem flachen Lande, das1 mit geringen Ausnahmen jetzt wohl judenrein ist. In Wien machen die Juden einen geringen Anteil der Bevölkerung aus; gewiß nur wenige Prozent. Jedfer reite Mensch' wird nun wieder zugeben, daßi die Masse von ihnen den armen geplagten Ständen angehört, der großien Armee der kleinen Angestellten aller Gattungen, welche-' sich' in schweren Sorgen um ihr bißichen Dasein plagen. Wieviele Leute bleibten dann eigentlich' übrig, auf die der Verdacht des Kettenhandels, der Preistreiberei (und ähnlicher Delikte fallen kann? Wir geben ohheweiters zu, daß es' viele jüdische Verächter des Gesetzes', und der Sitten gibt, welche vor allem das Judentum in seiner Gesamtheit schädigen, der man die Sünden der Einzelnen vorwirft. Aber die Anzahl und die Wirksamkeit dieser Juden stellt doch nur einen winzigen, einen geradezu verschwindenden Bruchteil der Vergehlen dar, die man am1 österreichischen Volk begangen hat. Wir wollen vor allem eines hervorheben: Während die Bevölkerung der Städte immer tiefer ins Elend kam, gibt es doch heute keinen einzigen Bauern, der nicht geradezu im Ueberfluß lebt. Trotzdem' lasseh, aber die Länder Wien eher verhungern, als' daßi sie außerhalb des Schleichh'andels Waren abliefern würden- Keine Menschlichkeit, kein noch so dringender Aufruf, keine Mahnung der Entente kann sie von ihrem unbarmherzigen ßtandpunkt (abbringen, obwohl IsjLe dochf durch das schwere Steuergeld und durch das! für Lebensmittel hingegebene Vermögen derselben Leute reich geworden sind, welche sie heute verhungern lassen. Was soll man erst von den großen, durchaus christlichen Großgrundbesitzern sagen, welchen man im Krieg nicht nur jejde gewünschte Anzahl von. Arbeitern aus den Gefangenenlagern zugewiesen hat, sondern auch noch drei Kronen, für den Kopf als' tägliches Verpflegsjgeld? Sie schwimmen einfach' in riesigen Vermögen, welche sie während der Blütezeit des Krieges mit gierigen Händen an sich! gerissen haben und ihr Grundbesitz ist heute nicht Erde, sondern Gold. Alle diese - Agrarier nun, große und kleine, die jetzt eine wahre Hungerblockade ihrer eigenen Städte Üurchftihren, sind eine schwere Masse, ein geschlossener Block von Kriegsgewinnern und alle gehören sie der christlicheozialen Partei an, welche gegen die jüdischen Kriegsgewinner hetzt. Das' christlichsoziale Abendblatt hat kürzlich' die Rede eines' Vorarlberger Bäuerin wiedergegeben, der den Mut hätte, zu sagen, daß| die Juden alles' Geld, namentlichalles Gold uind Silber an sich gerissen und verbürgen habemN Der sehr geschätzte Redner soll nur lieber etwas von den prallgefüllten Rucksäcken erzählen, in denen, die Bauern ihr Geld zur Notenab'stem'pelurig getragen haben, von den mit Geld angestopften Geldkisten unter ihren Betten, von den mit Gold und Silber angestopften Strümpfen. Arme hungrige Mütter haben weinend idie {Ohlrgehjange abnehmen müssen, um ein paar Bisseh für ihre Kinder zu erhalten, man müßte dem' Bäuerin längst Schon Silber- und Goldkronen, Einrichtungsgegenstände, Wäsche und Kleider liefern, um!zu Schamlosen Wucherpreisen von ihnen vor dem Hunger geschützt zu werden. Die Plünderer und Ausbeuter des' Volkes aber waren die Juden! Was haben die Weinbauern getrieben, was haben wir für Rüben 'zahlen müssen, was1 für Kukuruz, was zahlen wir den Bauern noch1 heute? Aber wiederholen wir noch1 einmal die schamlose Lüge und Verleumdung: Die Plünderer und Ausbeuter des Volkes sind die Juden! Was man vom Gefolge sagen muß, kann man wohl auch von den meisten Führern der Ohristlichsozialen behaupten. Der Tempel des rein christlichen Gottes Nimm1 war von einer inbrünstigen und leidenschaftlichein Menge gefüllt, weichte sich zum Altar drängte, um möglichst große Stücke von der geopferten Bevölkerung an sich zu reiß;en. Sie stimmten Dankgesänge an für die christlichsoziale-'Führung und Politik, die den Krieg heraufbeschworen hatten und schrien in allen Tonarten, daß der Krieg noch weiter dauern solle. Die lautesten und drohendsten Stimmen für das^ Durchhalten aber hatten die Brüder von der anderen antis'em.itis'chen Couleur, die deutschnationalen Fabrikanten, die hei ihren ungeheueren Kriegslieferungen ungeheure Gewinste einheimsten und bei diesem schönen Geschäft nicht gestört sein wollten. Sie gründeten 'Zeitungen, sie hielten Versammlungen ab, 'sie forderten da!s Volk in allen Tonarten auf, ihnen mit blutigem' abgezehrten Leib die Mauer für ihre Geschäfte zu machen. Das sind die Schuldigen, das' sind die Kriegsmacher und Kriegsgewinner in jedem' Land und nicht die paar Juden. Sie profitieren aber jetzt vom Antisemitis'müs, wie sie vom Patriotismus1 profitiert haben. 'Sie haben all das Elend heraufbeschworen, das wir jetzt zu tragen ih'aben und dessen Verantwortung sie jetzt anderen Leuten zuschieben möchten. Aber diese können nicht die Folgen der von den Antisemiten heraufbeschworenen Katastrophe wjeder gut machen. Es ist. die größte Komödie, daß die Chris'flichsozialen das Rathaus unter einem Vorwand verlassen. Der Bankerotteur wirft sich in die Brüst und der Unschuldige soll zahlen. Das1 Programm KunjsiÄks. Abgeordneter Kunsch'ak hielt kürzlich in einer christlichsbzialen Versammlung in der Volkshälle eine Rede, in der!er $ie Frage der Fremdehausweisüng izum' Vorwand nahm, utor gegen die Juden, die er zu Staatsbürgern zweiter "Klasse degradieren möchte, mit den wiederholt abgeleierten demagogischen Schlagworten loszuziehen. Er unterbreitete der Versammlung folgende Forderungen: .' " '