Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 40 (22.10.1919)
- Date
- 1919-10-22
- Page
- Seite 545 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3022353-3022388--28022-3053472- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
I »*■ 4° Dr. BLOCHE W rühirnt, er habe seit vielen Jahrzehnten, ja jäher* haupi, seitdem1 er das 'Preßbürger Heim! verlassen hat, eine Synagoge nicht mehr betreten.*) Doch was verschlägts? Er bringt ja die Erinnerung an die Synagoge doch1 nicht losl Die feierlichen und rührenden Melodien des. Tempelsängers stimmen ihm" in östlicher Fremde im Ohre, und wer 'weiß, ob sie nicht noch heute, da er.. hetasL abgeklärt und fturcWgeistigt, erfüllt von universellem Wissen und einem aner schöpf liehen Reichtum an Erkenntnis, den Gedanken nachhängt, seine Seele wie mit einem süßen Harfen- und Sphärenton durchzittern. Indessen man darf dem Alten offenbar nicht sentimental kommen. Die Herbheit seiner Rede und die Schärfe seines Gedankens w_eisen jede solche Schwachheit von sich' ab, mag ißm! auch' vielfach der Schalk im Nacken sitzen. Allein das: steht fest; in „allen Himmeln d,er Wissenschaft" fühlt er sich ebenso wohl wie in der „flachen Ebene des Gelderwerbes", in. die ihn, wie er selbst klagt, das Schicksal gestürzt hat. Da aber das eine vorlängst verrichtet und vorjüher ist, so wirft er sich mit uim -so größerem Eifer auf die geistigen Gefilde. Auf dies'en ergeht er sich unermüdlich, dort tummelt er sich unabläsSsig. Man erkennt dies aus einem Kapitel des Anhanges, das eine neue Studie einleitet über die antike und moderne Großstadt und das' Emporium des römischen Weltreiches und die ihm zum1 neugegürteten Rüstzeuge werden soll in seinem Kampfe gegen Sombart, der ihn nicht zur Ruhe kommen läßt. So hat denn Siegmund Mayer den Schlußstein seines Buches: „ich bin fertig", selbst gelockert.. Er ist noch lange nicht ferftig, und wir wiünschen, daß der „Mnde Seher" nicht stille werde, da er uns noch manches zu islagen, zu „singen und zu. sagen" i^^€rVEgequ^Jten Menschheit, und der,. ^esclmiähten MenscMichkeit zum Tröste und zur Aufrichtung des durch feige Pogromhelden wild gehetzten Judentums. Man greife daher nach seinen Erinnerungen, man löse und (überdenke sie, sie ßindj ein stolzes ErbauungSbuch und ein aufrechter Wegweiser, ein fester Stab und eine Stütze auf der Wanderung über die steilen und 'steinigen Pfad^, vauf sdie uns'das Unheil des furchtbaren Weltgeschehens verschlagen hat. Man langt darnach und vertieft sich in sie mit .dem Wunsche nach' einer Prophetie, die den Lippen des kundigen Altmeisters1 entströmt; denn, wir Juden lechzen nach einer Richtschnur, nach der erlösenden Formel, die das Gestrüpp durchschneidet, in welches wir verstrickt sind, das Verhängnis zerreißt, das sich über das JüdensChicksal, über „uns Juden von Wien", gesenkt hat. »,.'..; . Wien, am Laubhüttenfeste^ 1919. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. Das große Dorado der Antisemiten heißt jetzt Ungarn. Dort ist jetzt alles antisemitisch mit der Regierung an der Spitze .und die arme gequälte Judenheit lebt in banger .. Sorge. Natürlich löst sich auch die magyarische Tapferkeit in Handgreiflichkeiten und rohen Verfolgungen aus. Der jüdische Oberst Horowitz, den die Entente nach' Westungarn geschickt *) Daiin war mein Dr. Alfred Stern ein anderer, an dem. ich! hänge/ trotz Manchem und trotzdem, daß er in einer Art herostatiseher Anwandlung un3 die ers$e> Kanzel sprengte, obschbn die andere durch ''die Zerstörung des 'Tempels zertrümmert war. Seien wir frohV daß wir awei ajsolchör Kerls" .hatten» ICHENSCHRIFT 8rit» Ui \ hat, berichtet zwar, daß er von Pogroms und Judenverfolgungen nichts mehr gemerkt hat, aber es ist ganz klar, daß man dem mit den europäischen Ver> hältnissen nicht vertrauten Herrn ein falsches Bild vorhielt und daß die westungariseben Juden so eingeschüchtert sind, daß sie nicht zu sprechen und als Zeugen aufzutreten wagen. Wir haben aber Beweise dafür, daß sie unter Verhältnissen leben, wie früher die Juden in Rumänien, daß alte angesehene Familienväter bis zur Verunstaltung geschlagen werden, daß Akte bestialischer Roheit täglich vorkommen und daß die Juden zitternd in ihren Häusern die Entwicklung der Ereignisse abwarten. Was sich entwickeln kann, hört man aus den Reden der monarchistischen Regierung Friedrich heraus. Es1 ist wohl selbst in Rußland nicht vorgekommen, daß Mitglieder m des Kabinetts ganz ungesch'eut in öffentlichen Versammlungen als antisemitische Agitatoren aufgetreten sind. Der Ministerpräsident sprach etwa so, wie Kunschak in Wien, und sagte: Die Ostjuden müssen hinausI Ein anderer Minister trat gegen die j&dischen Banken auf, ein anderer gegen die jüdislche Presse, kurz und gut, es wurde von einer Regierung das ganze Rezept gegen die Juden verfolgt, das seinerzeit Lueger und Ge&- mann aufgestellt haben und von den Feinden und angeblichen Bekämpfern des Bolschewismus' wurde der BoschewiSmus gegen die Juden gepredigt, die Gewalttätigkeit und Ungesetzlichkeit ins Programm aufgenommen. Das geschieht in einem Lande, in welchem viele Tausende von Juden, mindestens soviel, als ihrer Volkszahl entspricht, für die Zwecke der Monarchie und Dynastie gefallen sind, welche jetzt wieder eingeführt werden soll. Natürlich beruft man sich darauf, daß 'die Räterepublik in UUgarn von Juden gescharfen und geführt worden ist. Dasi ist ebenso richtig, wie die Tatsache, daß die Volkskommissäre nirgends leidenschaftlichere und zahlreichere Feinde hatten, als unter den Juden. Von den Banken, welche von einem der ungarischen Minister angegriffen wurden, "wird wohl nieman im Ernst behaupten wollen, daß sie bolschewistisch waren. Sie wurden doch von der Räteregierung zerschlagen und vernichtet, ihre Direktoren als Geiseln ins Gefängnis geworfen, zum Teil sogar getötet. Die Zeitungen wurden zumeist eingestellt, finanziell ruiniert, in ihrer Entwicklung um Jahrzehnte zurückgeworfen. Wenn man also behaupten möchte, daÖ sich die Banken und die Zeitungen in jüdischen Händen befinden, so sieht man doch klar daraus, daß der Bolschewismus vor allem gegen den jüdischen Besitzstand gewütet hat, daß er also eine politischsoziale, aber keineswegs eine jüdische Bewegung war. Die weitaus überwiegende Mehrzahl der jüdischen Bevölkerung Ungarns hat also nicht am Bolschewismus teilgenommen, sondern hat durch ihn gelitten. Wofür soll maim sie also bestrafen und .warum; sind die Minister der! Regierung Friedrich bemüht, Unruhen gegen die Juden in einem Lande hervorzurufen, das nun nach einem vollen Jahr des ärgsten Sturmes zu seiner Gesundung, vor allem der Ruhe bedarf? Man darf es wohl als allgemeinen Grundsatzaufstellen, daß jede Bewegung gegen die Juden den Zweck hat, die Wahrheit zu verschleiern. Die Bojaren in Rumänien, die Sklavenvogte im alten Rußland haben ebneso das Volk von ihren eigenen Sünden auf die Juden abgelenkt, wie es jetzt die ungarischen Machthaber tun. Das ungarische Volk lebt in einer dumpfen Wut wegen seines Schicksals* weil es trotz seiner Arbeitsamkeit und allen seinen Anstrengungen von irgend jemandem in ein schweres