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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-10-22 · 40 (22.10.1919) · p. Seite 544

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
40 (22.10.1919)
Date
1919-10-22
Page
Seite 544 (sequence 4)
Language
German
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&ft*«4Ü Br. älftOTS WOCHßltSCfiRIPT iSr. 4Ö- Die drei Bücher, aus denen das Werk besteht, scheidet däaf Revolutionsjähr 1848 voneinander. Es Gehandelt die Geschichte der Wiener Juden vor und nach dieser heroischen Cäsur, die auch in dem Lehen dter Judenheit eine einschneidende Rolle spielt. Freilich1 hat Siegmund Mayer zur Zeit, da die neue Auflage fertig wurde, nicht ahnen können, daß den Märzstürmen des Jahres 1848 jenes furch'thare Gewitter folgen werde, das in -den Sturmtagen des; Novembers 1918 unter Blitz und Donner prasselnd niedergegangen ist. Der Zusammenbruch, der sich in jenen Novemhertagen ereignete, peitscht noch unverändert brausende und brandende Sturzwellen, unter den Tranimern rumort es unablässig fort, und jrierkwürdigerlweise jst es gerade das Judenproblem, das-mit seiner ganzen Wucht auf unser Schicksal loshämmert. Man möchte meinen, daß alles politische Geschehen sich um die Achse des1 Judenpunktes dreht, zum mindesten aber, daß er einen Arm jenes furchtbaren Hebels bildet, mit dem' der Weltenlauf aus seinen Angeln gehoben werden soll. Wie gerne und *wie begierig möchte man jetzt d-en klugen und erfahrenen Worten des „jüdi schen Kaufmannes", Politikers und Denkers lauschtenI Wie gespannt möchte man hören wollen, was er zu diesen grellen, qualvollen (und iunseligen Begebenheiten zu sagen und fcu lehren hatI Poch gerade da, an (dieseij für uns Epigonen interessantesten Stelle bricht die Historie ah. . Lehrreich und fesselnd genug ist alter, wassie uns vordem zu bieten hat.. Hält Siegf mund Mayer die Juden für das Salz der Erde, so möchte ich sein Buch die4 Würze der zeitgenössischen jüdischen Heimatskunde nennen. Er versteht es,«, in einem hreiten, auslädenden und meisterhaft gepinselten Diorama, dessen Palette in blendende und sprühende Farben getaucht ist, ein Gemälde der kulturellen, ökonomischen und politischen Geschichte der Wiener Judenschiaft vor uns aufzurollen. Die jüdische Familie und der jüdische Handel und Wan-, de!, aber auch1 das «jüdische Geistesleben ist das Modell seines Pastells.. Das Werk zu'kritisieren, hält schwer; dazu ist es zu gehaltvoll, zu reichhaltig und zu vielfältig. Es hiefet multum ac multa. Man muß sich; bescheiden, es anzuzeigeii: Dies aber mit aller Eindringlichkeit, Bewunderung und Verehrung für den großen und starken Geist, der es vollbracht hat. Die Worte seines „Allvaters" — Goethe —, die -Siegmund Mayer selbst dem letzten Teile seines Buches voranstellt, sind das? getreue Kennzeichen seiner eigenen Schöpfung. Greif nur hinein ins jüdische Leben und schlage welche Seite seiner Schilderung immer auf, da ist es packend und interessant, da ist es lebendig and voll aktueller Kraft, da isjt es ein Stück seines eigenen Lebens, wie er es' selbst geschaut, gehört und mitempfunden hat. Was er uns erzählt, ist .nicht an seinem Schreibtische entstanden — so bekennt er es seihst — er hat es mit sehendem Auge* m# Renkendem Kopfe und mit warmem Herzen erlebt, er ist durch' den größten Teil des Zeitraumes, den seine Darstellung umfaßt, selbst hmdurchgegangen. Indessen hildend, anregend und befeuernd wäre die Schilderung auch dann, wenn sie sich darauf beschränkte, die Entwicklung der Dinge, die die Geschichte der Juden illustrieren, vor uns aufzuführen, chronologisch und chronistisch; als treues Abbild des innigen Verbandes und Bandes^ welches die große -Familie der Wiener Glaubensgemeinschaft umschlingt. Allein damit beschieidet sich ein Siegtnund Mayer nicht. Das liegt ihktt nicht Jede Bewegung und jede Regung, sozusagen jeder Faltenwurf seiner Modelle, jede Richtung und jeder Gedanke, sei er politischer, wirtschaftlicher oder konfessioneller Natur, findet in fhm den grübelnden" und nachsinnenden Beurteiler, er nimmt alles1 und jedes' Jüdische unter die scharfe Lupe seiner Kritik. Er ist nicht bloß Historjograph, nicht bloßj Schilderer, sondern auch Glossator. Er berichtet nicht bloß, sondern er doziert, gleichermaßen, ob er den Unterschied zwischen 'Christ und Jud und ihren ethischen Maximen aufhellt, ob er seine Stellung zum Antisemitismus und seinem! Häuptling beleuchtet, wie er sich zum Freisinn bekennt, wie er sich mit den „Phantasien eines Sombarfc" auseinandersetzt oder endlich auch, wie er der jüdischnationalen Bewegung an den Leib rückt.*) Kräftig und laut läßt er seine Ueberzeugung erschallen, daß wir Juden keinen Anlaß haben, uns von der geistigen, sozialen und politischen Gemeinsamkeit der übrigen Kulturvölker zu trennen, ein Gedanke, der nouerdingfs in der revisionistisöhen Schattierung des nationalen Problems, die einen parteizugehörigen Forscher zum Vater hat, in vollem Glänze aufgegangen ist. Siegmund Mayers Werk ist daher auch eine tapfer** Tat; denn keiner Streitfrage und keinem Disputp weicht er aus, mit allem und jedem sucht er anzubinden und fertig zu werden, kurz und gut; hiebbereil und schlagfertig. Sein Buch jist zudem ein Sitjten- und Gesellschäffshild ganz erlesener Art, voll Gesprächigkeit und Anmut und anheimelnder Stimmung. Ueber alles verbreitetsich1 eine Art festlicher Atmosphäre, der Abglanz der guten Stube: Die Hauptsache ist ihm als ^jüdischen Kaufmann" natürlich die materielle und wirtschaftliche- Entwicklung^—;die -Wohlfahrt' seiner Glaubensgenossen, der Aufstieg ihrer Geschäftswelt Reminiszenzen werden geweckt, die an unsere härte' sten Gegenwartssorgen streifen (man lese etwa die Seiten über die v a 1 u t a ri s che n Schwierigkeiten nach! dem italienischen Kriege). Nicht minder aber ist ihm eine Herzenssache, den geistigen Aufschwung, die politische Geltung aufzuzeigen, die das Wiener Judentum erklommen hat, den Wert und die Wertschätzung seiner Exponenten und seiner Partisane — was ihn zu dem rühmlichen und rühmenden Ergebnis führt, daß der Kulturvvert der Juden als unentbehr^ liebes Element der Menschheitsentwicklung zu würdigen sei, die sich1 vollbürtig mit den Erfolgen der antiken Kultur messen darf.' Allerdings, eine Seite schneidet allzu flüchtig ah. Das ist das religiöse Leben der Juden, das Wesen, |die pedeutung [und!die ^Entwicklung!ihrer Großgemeinde. Hier heschränkt sich die Geschichte auf beiläufige Andeutungen, die sich' höchstens zu einer namentlichen Aufzahlung der Präsidenten der Kultus-, gemeinde herbeilassen, uni freilich auch hier durch ein kurzes und knappes Epitheton dem Namen Leben einzuflößen. Und doch ist, wie auch Siegmund Mayer verschiedentlich zugibt und zugeben muß, di e Religion das festeste und verläßlichste Band, das sich uni die jüdische Gemeinschaft schließt, haltbarer und dauerhafter als jedes andere Schemen, weil es das Weltjudentum1 einander nahebringt und aneinander fesselt. Ueber religiöse Dinge freilich — und dem ist dies' wohl auch zuzuschreiben — setzt sich Siegmünd Mayer " gerne hinweg! Ein bezeichnendes Detail hiefür ist es, däft er sich *) Dafür haben ihn ihre Führer, wie £.3 bei der Wahfreformdebatte in der;-Wiener Gemeinde sich gezeigt hat, gehörig auf der Manschette.

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