Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 39 (10.10.1919)
- Date
- 1919-10-10
- Page
- Seite 535 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39 Dr. BLOCH'S WOCHENSCHRIFT Seite B31 Man besüch'e einmal diese Küchle, man wird jüdische Not und jüdisches Elend in Wien schauen, daß einem.1 die Haare zu Berge steigen. Jeder Besucher fragt sich, wie geht es erst den Elfcern dieser hungrigen Kinder? Darum gerade muß gegen jede Schmälerung der ausgeteilten Unterstützungen öffentlich' Protest eingelegt werden. Von verschiedenen Seiten wird gemeldet, daß mit Hilfe eines Teiles' der Mittel aus den amerikanischen Spendengelderii das' große Haus der Wiener Produktenbörse in der Taborstraße für „jüdische Zwecke" erworben. werden soll. Ob diese Mitteilung auf Wahrheit beruht, kann ich1 nicht nachprüfen. Jedenfalls muß dem' ein Zweifel entgegengestellt werden, weil es absolut nicht im' Sinne der amerikanischen Spender sein kann, die Unterstützungen an die Notleidenden einzustellen und für die Gelder, die sie zur Linderung der Not hergegeben haben, Luxushaus'er zu. erwerben. > Herr Oberrabbiner Cliajes, der beim Joint den überragenden Einfluß besitzt und ausübt, hätte sich1 ein hohes Verdienst erworben, wenn er darauf gedrungen hatte, jüdische Gerne in Schlaf tsküchren einzurichten. Damit wäre vielen, die nur die grenzenlose Not gezwungen h'at, die gewöhnlichen Gemeinschaftsküchen aufzusuchen, erspart geblieben, Trefes zu es'sen und viele Hunderte, die nichts bewegen kann, von ihren Speisegesetzen zu lassen, könnten anstatt blutenden Herzens zu hungern, dort verköstigt werden. Ichf bitte, Herr Redakteur, vorstehenden Zeilen Raum in Ihrem' geschätzten Blatte zu gewähren. ' ~ \ ■ ' l [ Veritas'. Bilder aus diem Wiener Elend jüdislcWer Kinder. Seinerzeit rief Anitta Möller das öffentliche Mitleid durch „Lichtbilder aus' dem Wiener Kinderelend" wachr. Wer es aber in seiner nackten Wirklichkeit sehen will, braucht nur in die Vorgartenstraße, zur Kaiser Wilh'elmkaserne zu gehen, wo die amerikanische Kinderausspeisung, speziell für rituell jüdische Kinder stattfindet; dort kann er täglich' von neuem das1 echte. Bild jüdischen Kinderelends sehen. Vor dem Eingang und im' Innern der Speiseräume sieht man Schutzmänner — um Ordnung unter der Jugend zu halten — andere Aufsichtsorgane wären wohl besser am Platze, die es verstünden, auf ruhige Art und nicht durch Stoßen und Schimpfen die Kinder im! Zügel zu halten — die zu Hunderten vor der Küche angestellt mit ihrem Geschirr in der Hand auf die Verabreichüng des Essens-warten. Geschieht nun in diesem Gedränge und Geschiebe, daß ein Kind um etwas mehr bittet, oder eine Zugabe verlangt, oder der Schutzmann verwechselt ein Kind und meint, es habe bereits sein'Essen bekommen, oder ist eines so imglücklichr und läßt bei 'dem Gestoße sein verabreichtes Bißch'en fallen, dann wird es von den Schützleuten derart angebrüllt, daß ihm das1 Blut erstarrt. Hat es1 nachr all den Qualen des Anstellens und der Angst vor der Wache endlich1 seine Portion, so ist dieselbe so klein, kaum1 den jüngsten genug. Es sind aher auch' 14- bis 15jährige darunter. Kinder anständiger Familien, die vor dem Kriege bessere Tage gesehen, kommen weinend nach Hause. Irrem besseren Empfinden widerstrebt es, wie einst die Bettler vor den großen Hotelküchfen. und Klöstern mit ihren Schalen auf das Essen zu warten und solche Demütigungen zu ertragen, wo überdies! die verabreichte Menge so gering und der Weg zur Aus!- speibestelle so weit, daß man das teure Schuhwerk zerreißt, oder aber noch" Fahrgeld opfern muß. Viele von ihnen fassen abends wohl den festen Vorsatz, lieber nichts1 zu es'sen, als1 wieder zur Ausspeisungsstelle zu gehen, doch der Hanger treibt sie am nächsten Tage wieder dorthin. Ginge es denn nicht, daß diese Kinder — wie es in den anständigen Gemeinschaftsküchen ühlich — sich sofort an die Tische setzen, wo ihnen dort diespärliche Mahlzeit wenigstens ohne die Strapazen des Anstellens verabreicht wird? Dann würde auch das Amtieren der Schutzwache gam überflüssig und der große Jammer der besser fühlenden Kinder hatte ein Ende. An Dienerschaft mangelt es: ja nicht, diese scheint aber nur dazu da zu sein, um1 zu verhindern, daß das eine oder andere Kind Gott behübe nicht noch einmal ein wenig Essen verlange. Als mustergültiges Beispiel könnte die arme Talmud-TWbraschufe in Tdter Mafzqa&e dienen, die wohl nicht über reiche amerikanische Dollar verfügt und sich jede einzelne Krone schwer erbetteln muß. Dort wird jedem Kinde täglich' "Suppe und f>ine zweite nahrhafte Speise verabreicht. In den Wochen,- wo rituell koscheres Fleisch erhältlich, bekommen sie eine Fleischspeise und zweimal in der Wocne BucBteln — das Festessen der Kleinen — alles in genügender Menge. Es wird den Kindern wie im Elternhause., gereicht, ohne erst Schutzleute oder sonstige Vorkehrungen zu Hilfe zu rufen. Man soll ja auch5 mit den Kindern menschlich fühlen und ihre Junge Seele schonen. Die Zukunft Ostgaliziens. Seitdem die Friedenskonferenz die Beratung der galizi sehen Frage wieder aufgenommen hat, arbeitet die polnische Delegation in Paris1 mit Hochdruck und läßt durch' die Presse die wildesten ^Gerüchte verbreiten. Das Märchen vom Desinteress'ement PetljuraS an Ostgalizien war schlecht erfunden, -weil es niemand glauben wollte, aber auchf die darauffolgende modifizierte Meldung, daß Petljura geneigt sei, Ostgalizien im Rahmen Polens die Autonomie zuzugestehen, wurde skeptisch aufgenommen. Sollten diesk Ausstreuungen den Polen dochr nur als Mittel zum Zweck dienen, um' die schwebenden Meinungsdifferenzen innerhalb der Ententediplomatie auszugleichen und die Entscheidung des Obersten Rates zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Bezeichnend hiefür sind die polnischen Communicraes der abgelaufenen Woche, die sich stark widersprochen haben, und was heute behauptet, schon morgen wieder zurückgenommen würde. So hieß es beispielsweise, . daß der Oberste Bat den Beschluß gefaßt hätte, den westlichen Teil des1 strittigen GeMetes Polen anzugliedern, das Gebiet um T/emberg aber nur vorläufig unter den Schütz des polnischen Staates zu. stellen, eine Fassung, die zwingend erkennen ließ, daß man "ftas1 ganze übrige Ostgalizien von vornherein den Ukrainern zuerkannt habe. Doch schon einen Tag slpäter wurde berichtet, daß diese Aufteilung nicht als endgültig zu betrachten sei, vielmehr bestimmt der Autonomieentwurf folgendes: Ostgalizien wird vorläufig von den Polen verwaltet werden. Nach 10 bis 15 Jahren wird eine Konsultation der Bevölkerung - (n i c hrt aie Volksabstimmung) wegen der Zugehörigkeit zu Ostgalizien erfolgen. Aber auch" damit gaben die Polen sich nicht zufrieden, spielten die Entrüsteten und heuchelten Schimerz und Trauer vor, weil es* ihnen nicht gelungen will, das ostgalizische Gebiet ständig in ihre Macht zu bekommen.