Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 39 (10.10.1919)
- Date
- 1919-10-10
- Page
- Seite 534 (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 630 Dr. BLOCHS WOCHENSCHRIFT. Nr. 39 zweimal im! Jahre ihre reichen Gaben, an denen sie sich' gütlich' taten. Nach1 und nach' versumpften die Kanäle, vertrockneten die Was's'erläufe, die Bauten zerfielen; die Tyrannei zügelloser Herrscher und unaufhörliche Kriege riehen die Bevölkerung auf und nun liegen nach vielhundertjähriger Brache mehr als' zehn Millionen Hektar produktiven Bodens da, der Zauh'errute harrend, die sie durch die Wiederherstellung der Wasserleitungen zu neuer Produktion wecken soll. Es braucht allerdings großer Kapitalien zum Ankauf der übrigens wohlfeilen Länderei eh und zur Wiederherstellung der verfallenen Aquädukte, aber sie würden glänzend zinsen. . / In Mesopotamien ist Rauni genug, die ganze Judehheit Europas bequem unterzubringen. Welchem Machtbereich' wird aber Mesopotamien zufallen? Es scheint, daß dieses' Gebiet dem neu entstandenen arabischen Königreich zufallen soll. " In einer dem „Jewish'Ch'ronicle" gewährten Unterredimg s]prachr Emir Faisul über die wechselseitigen Beziehungen der Araber und der Juden in Palästina: Palästina müsse unbedingt ein Bestandteil Syriens"'verbleiben; es vertraee nicht di^» Errichtung von Demarkationslinien und ßrenzen. Was ein Gebiet angehe, sehe a»ch das andere an. In den Augen der Araber sei Palästina eine Provinz, aber kein " Staat. Das arabische Reich werde mindestens Syrien, Mesopotamien, und Palästina umfassen. Als dem Emir vorff«halfen wurde, daß sich das ganze Judentum auf die Erklärung BalfouTS stütze, nach welcher sich Palästina zunächst zur Heimat der Juden und dann z'im eigenen jüdischen Reich entwickeln werde, sagte Faisul, daß diese Bestrebungen sich mit den Anrichtender Araber keineswegs vertrügen. Er müsse an die Juden appellieren, daß sie — die genau so wie die Araber Semiten seien — an der Errichtung eines gemeinsamen Staates mitwirken. SpäteT einmal, wenn entsprechend viel Juden in Palästina wären, könnte' dieses Land eine. Unterprovinz des arabischen Reiches werden. Wird Mesopotamien, einen Teil desarabischen Reiches' bilden, so werden die Araber einer großangelegten jüdischen Emigration nach' diesen Gebieten kaum gestatten. Da taucht nun wieder erneut der Plan des Ito, den Emigrationsstrom nach "Mittel- und Westamerika zu lenken. Auf keinen Fall aber ist es möglich, die Juden anläßlich des bevorstehenden Wandersturms ihrem Schicksale zu überlassen. Denn es leidet keinen Zweifel, daß -eine "wahre Völkerwanderung aus Hern jüdischen Osten gleich nach Aufhebung der Grenzsperren einsetzen wird. "Eine große, reich' ausgestattete Weltorganisalion muß" einsetzen, damit der Strom' nicht regellos alle Ufer überschwemme und sich auf seinem. Rücken nicht Schreckensszenen abspielen. Nationale Auswanderungsbureaus mit großen Zentralen in weiter Verzweigung müssen eingerichtet werden, um die jüdische Auswanderung zu fassen und zu ihren Zielen zu geleiten. Denn der jüdische Wandersturm steht vor dem Ausbruch' und in jedem* Augenblick können seine ersten Stöße einherfegen. Es kann zu einem' großen Unglück' für die Wandernden sowohl wie für die Seßhaften werden, wenn nicht rechtzeitig umfassende und geeignete Maßnahmen für seine Eindämmung und Regelung getroffen werden. Korrespondenzen. Joint Distribution Comite. i— Sehr geehrter Herr Redakteur! Ich' lenke Ihre Aufmerksamkeit auf den Bericht in der „Jüdischen Morgenpost", Nr. 182? vom 4. Oktober über die letzte Sitzung von dem „Wiener Joint Distribution Comite". Es wird, da von einer lebhaften Debatte gemeldet, während Welcher Abgeord^ neter Stricker die Forderung aufgestellt, „die laufenden Unterstützungen':/ welche an 20.000 Personen durch1 die Abteilung in der Mariahilferstraße ausbezahlt werden, einzustellen, sie lediglich' auf Kinder, Kranke und Greise zu beschränken lind das. auf solcherart ersparte Kapital „für organische, soziale " Hilfe" zu verwenden. Herr Oberrabbiner Dr.'Ch'ajes h'at den Ausführungen des'- Abgeordneten Stricker seine Zustimmung ausgesprochen. Herr Abgeordneter Stricker hat seinen Antrag damit begründet, daßi angeblich das Unterstützungs System' „bei uns eine ganz neue Art Schnorrgesellsehäft schafft", denn eS sei trotz aller Bemühungen des Zentralbüreaus nicht möglich, die wirkliche Not und die Dürftigkeit eines Petenten festzustellen und „deswegen gelingt es leider auchr manchem1 Schwindler, Gelder vom Joint zu erhalten." Dieser Antrag des' sonst doch' so einsichtigen Abgeordneten Stricker muß aufrichtig befremden und riö'ch' mehr die Art der Motivierung. Was soll das heißen, daß durch diese Unterstützungen in Wien.. Schnorrer gezüchtet werden? Herrscht nicht eine namenlose Hungersnot in zahlreichen Kreisen "der jüdischen Bevölkerung, gibt es überhaupt Arbeits- und Erwerbsmöglichkeit? "Sieht man nicht Leute mit abgemagerten und abgehärmten Gesichtern wie Leichen h'erumWandeln? Herrscht nicht die ungeheuerlichste Teuerung, wie. je in der Geschichte, und da hat Herr Abgeordneter S tri cker das Herz dazu, „laufende Unterstützungen" einstellen zu lassen? Gewiß! Wird es manchen Petenten geben, der nicht gar 'sehr dürftig ist, und dem es trotzdem gelingt, Unterstützungen. zu erhalten. Das geschieht b'ei jedem Wohlfährtsin'stitut:' Werden deswegen die Vereine ihre WohH'itigkeiteaktionen einstellen und keine Unterstützungen mehr geben? Mir sind.Falle bekannt, wo wirklich' Notleidende, die-bei dem Joint um' Unterstützung ein Gesuch1" überreicht haben, mit der Moti- \ vierung abgewiesen worden 'sind, sie seien nicht hinreichend bedürftig — trotzdem ihre 'Notlage eklatant war und ichr mich anderweitig bemlühen mußte, ' für sie irgendeine Unterstützung zu beschaffen. Der Abgeordnete Stricker will das Geld für „organische,' soziale Hilfe" ersparen. Eine Tendenz zur Sparsamkeit war bei dieser Verwaltung der amerikanischen Spenden bloß 'da wahrzunehmen, Wenn es uni Arme und Notleidende sich gehandelt. Sonst wurde mit den Geldern nicht besonders gespart. Man denke nur an Hie Hunderte und Hunderte der bestellten Beamten, mit den luxuriös1 eingerichteten Amtslökalp täten, welche letztere bekanntlich' ganz überflüssig waren, nachdem eingerichtete Lokale zur .Verfügung, gestellt, aber abgelehnt wurden. Für diese förmlich' verschwendeten Summen hätten sehr zahlreiche jüdische "Familien aus' Not und Elend gerettet werden können. Wie stellen sich' überhaupt die Verwaltungskosten zu den für Unterstützungen verausgabten Beträge? j Gespart Wird ferner bei den Kiriderausspeisüngen. Die iüdisehen Kinder klagen, daß in der Aussp^isung der kathö1isch'en Kinder zweimal .wöchent-ich "Fleis'ch' verabreicht wird und auch' sonst genügendes Essen, während sie überhaupt kein Fleis'ch sehen und mittags zwei bis-drei Brotknödel oder ein bißtehen Reis ohne jede Zulage erhalten; dabei sind auch 16 bis'. 17jahrige, die den ganzen Tag arbeiten oder lernen und von dem wenigen nicht satt Werden. Außerdem' kostet die Fahrt zur Auss'p eise stelle 1.20 K. und sie bezahlen dort 1.80 K. und sind hungrig:>