Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 39 (10.10.1919)
- Date
- 1919-10-10
- Page
- Seite 536 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 632 Dr. BLOCH'S WOCHENSCHRIFT 6 Nr. 39 - Sollte die ostgalizische Frage jedoch wirklich im angedeuteten Sinne gelöst werden, so Würden die Männer, welche jetzt das Schicksal der Völker regeln, eine ungeheure Verantwortung auf sich' laden — denn eshieße Millionen von Menschen, die schon lange nach Befreiung lechzen, neuerdings einem Erbfeind ausliefern, der mit allen Mitteln der Gewalt an ihrem Untergang arbeitet. Ein Zeitraum von 10 bis 15 Jahren würde im polnischen Galizien hinreichend genügen, um jede Spur von der Existenz eines ukrainischen Volkes auszulöschen und die Polen zu unrnnsehränkte Herren' fremden Gebietes zu machen, wiewohl' alle Erwägungen dafür sprechen, daß es angestammter ukrainischer Boden ist. Schon nach den eigenen polnischen' Angaben besieht die Bevölkerung Ostgaliziens nur zu 40 Prozent aus Polen. In Wirklichkeit ist die Zahl noch viel. geringer, denn nur'in größeren Städten mit zahl-' reicher Beamtenschaft ist das polnische Element stärker' vertreten, hingegen sind auf dem flachen Lande, dem kompakten ukrainischen Siedlungsgebiete, last keine Polen anzutreffen. Dazu kommt noch, daß sich die „edlen" Schlachzizen" das Recht herausnehmen, in die improvisierte 40prozentige Bevölkerungsziffer auch die jüdische Einwohnerschaft. Ostgaliziens miteinzuheziehen, welch letztere aber sich nach den gemachten Erfahrungen sich dagegen wehren, zu den Polen gezahlt zu . werden. Für jeden Fall aber steht es selbst nach polnischer Berechnung" fest, daß zumindest 60 Prozent der Bevölkerung ukrainisch Ist Wie wollen also die polnischen Machthaber und deren Freunde es rechtfertigen, daß eine geringfügige Minderheit über die wirkliche Mehrheit herrschen soll? ~ Und wer soll der Gebieter ,über die Ukrainer Iii Ostgalizien sein? Die Polen 1 Jenes Volk, «gegen -dessen Herrschsucht, gegen .dessen Knechtung lind Bedrückung die Bevölkerung in jenen Gegenden einer jahrelangen, 'verzweifelten Veiteidigungskampf führt? Demi der nationale Kampf zwischen Polen und Ukrainern datiert-nicht von gestern, er tobt bereits seit •vielen Jahrzehnten — seitdem der nationale Weckruf, der ganz Europa, durchdrang, auch vor den Ostpforten Mitteleuropas halt machte. Dieser Ivampf mußte nusgeibchten werden, denn polnische Willkür, polnische Anmaßung und Selbstherrlichkeit kannte keine Grenzen und mißachtete die Rechte aller, insbesondere der Ukrainer, die sich' der polnischen Hörigkeit, nicht unterwerfen wollten. Er trat wohl zu Zeiten mehr oder weniger zurück, weil das' heute an die Entente sich! herangesehmeich'elte Polentum nicht, lange erst die k. u. k. Regierung liebedienerisch umworben und sich'"deren Bajonette gegen das widerspenstige ukrainische Volk-gesichert hätte. 'Aber seitdem diese Hauptstütze der Polen jäh! zusammenbrach und auf den Trümmern des alten Ostgalizien der neue lebensfähige und zukunftverheißende Nationalstaat West -Ukraine erstand, der den Polen naturgemäß ein Dorn im Auge ist, flammte der Kampf mit noch heftigerer Erbitterung auf, bisher sich1 zur größten Schärfe und Rücksichtslosigkeit entwickelte. Wenn sich nun der" polnische Plan hinsichtüch' der zukünftigen Bestimmung Ostgaliziens so verwirkhchen sollte, wie er mitgeteilt erscheint, so wäre damit ein Gebilde geschaffen, das Von vorneherein den Todeskeim in sich1 trägt. Denn kein Volk der Welt würde das unverdiente Schicksal ertragen wollen, auf seinem eigenen Boden der Herrschaft einer Minorität unterworfen zu werden, die eigentlich auf nichts anderes1, als höchstens auf das übliche Gastrecht Anspruch erheben kann und darf. Wäre es da also nicht ein wahres Verdienst der Entente, dem ewigen Streit zwischen Ukrainer und Polen durch eine r e i n 1 i c he S c h e i d u n g ein Ziel zu setzen, die jedem auf seinem Siedlungsgebiete eine ungestörte Fortentwicklung sichern würde. Warum soll für alle anderen Nationalstaaten das Wilsonsche Prinzip des Selbstbestimmungsrech'tes ja Geltung haben und nur die Ukrainer von den Segnungen dieses Prinzips aus-" geschlossen sein? Muß gerade das solange geknechtete ukrainische Volk um jeden Preis vergewaltigt und den Polen als Opfer vorgeworfen werden? Wir glauben natürlich nicht daran, daß die Frie-. denskonferenz bereits' eine endgültige Entscheidung über Ostgalizien getroffen hätte. Sicherlich aber dürfte dies, bald der Fall sein und deshalb möchten wir den Herren vom ^Obersten Rate nochmals nahelegen, alles genau prüfen und erwägen zu wollen, bevor sie in dieser Angelegenheit das letzte Wort gesprochen haben. Denn — Hand aufs Herz — nicht die Polen , sind ausschlaggebend in Ostgalizien, sondern die ukrainischen Massen, die sich auf ihrer ererbten Scholle durch' fleißige Arbeit und ehrlichen Erwerb fortbringen und, jetzt mit Recht von den Fesseln befreien wollen, welche ihnen das polnische Joch' seit Jahren , und Jahrzehnten auferlegt hat. Prag. In den letzten Tagen hat unsere Gemeinde zwei schwere Verluste erlitten.- Vor kurzem' starb der bekannte Großindustrielle Dr. Isidor Petschek, Präsident des' Verwaltungsrates' der Brüxer Kohlengesells'chäft und Mitglied der Kultusgemeinde-Repräsentanz. Dann folgte ihm nach der Großindustrielle Max Ritter von Kahler, Präsident der-Börsenkammer, Präsident des' Verwaltungsrates der Böhmischen Unionbank, Rittergutsbesitzer und Mitglied der Kultusgemeinde-Repräsentanz. Beiden bewährten Stützen der jüdis'chen Gemeinde, rühmte der Rabbiner Prof. Dr. Schwarz nach, daß sie mit den Gaben ihres schärfen Geistes und mit "den Vorzügen ihres, starken Willens zur Verherrlichung des jüdischen Namens heimtragen häben, und daß sie sich der'Pflichten "des Besitzes immer, und insbesondere in unserer härten Zeit, bewußt waren. Möge es' uns! nie an Männern fehlen, die mit ihrer Charaktertüchtigkeit und Lebensweisheit auch unseren Gegnern Achtung abzuringen imstande sind! Den 'hbehangesehenen trauernden Familien wendet sich, 'die allgemeine" Teilnahme zu. In den reichen Stiftungen -und fürstlichen Spenden der Hinterbliebenen werden die Namen der Heimgegangenen ewig fortleben. Ihr Andenken sei gesegnet! Professor Jakob Guttmann gestorben. Im Alter von 74 Jahren ist s*n (Breslau -.der erste Rabbiner der dortigen jüdis'chen Gemeinde, Professor Dr. Jakob Guttm'ann, Vorsitzender des Rabbinerverbandes Deutschlands und der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, nach' kurzer Krankheit gestorben. Dr. Guttm'ann, der aus Beuthen ,in Öbers'chlesien stammte und xseit vielen Jahren in der . Breslauer Gemeindewirkte,, 'zählte zu den bedeutendsten und fruchtbarsten jüdischen Gelehrten der Gegenwart. Eine Reihe wertvoller Werke über jüdis'che Geschichte und Religions^hilosöphie sind aus seiner Feder hervorgegangen; darunter Monographien über die Religionsphilosophie des'. S a ad j a und des S a 1 o m! on ihn G a-