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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-10-10 · 39 (10.10.1919) · p. Seite 533

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
39 (10.10.1919)
Date
1919-10-10
Page
Seite 533 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 89 Dr. BLOCH'S WOCHENSCHRIFT finden, empfinden, und fühlen sie, daß ungeheuer schwere Zeiten über sie.hereingebrochen sind. .So ist die Lage der Juden politisch geradezu tieftraurig geworden. Vor dem Kriege bestanden drei Länder besonderen Elends*, Galizien, Rumänien und der Ansiedlungsrayon in Rußland. "Zu diesen Gebieten sind nun zahlreicheandere Länder gekommen, deren Juden von Furcht erfüllt sein müssen. "Nirgends aber gibt es dabei, so wie früher, eine Regierung, deren Macht bei Vorhandensein eines guten Willens die jüdisehen 'Einwohner schützen konnte. Die sogenannte Freiheit der Völker, welche sich nichts mehr dreinreden lassen, macht die Juden vogelfrei. Man-spricht zwar viel von einem Schutz der Minoritäten in den einzelnen Ländern, über welche der Völkerbund wachen soll. Aber selbst wenn dessen" Leitung die besten Absichten halte, Svird sie schwerlich imstande sein, rastlose Polizeicliensto in ganz Europa gegen ganze Völker wegen der Juden zu versehen. Dazu kommt noch, daß die furchtbaren politischen Verhältnisse auch die wirtschaftlichen Verhältnisse der Juden schwer .bedrohen. Der Boykott der jüdischen Geschäfte und Unternehmungen ist das Ziel jeder antisemitischen Bewegung und wird bald erreicht werden. Nun ist die Volkswirtschaft der Juden durch1 die kriegerischen Ereignisse schwer geschädigt worden. Es mag ja viele jüdische Kriegsgewinner geben, aber diese kommen für die Masse des Volkes gar nicht in Betracht. " Wir haben schon unzähligemal auf die Tatsache verwiesen, daß die Masse der Juden Angestellte sind, oder dem kleinen Mittelstände angehören, jedenfalls dem städtischen Kleinbürgertum angehört und sich nur ernähren kann, wenn Handel und Wandel blühen. Vom Staatsbeamtentum sind sie sö gut wie. ausgeschlossen, /Grundbesitz konnten /sie keinen erwerben und sind" also zum größten Teile auf die kaufmännischen Betriebe angewiesen. Nun weiß wohl jedermann, wie schwer der Wiederaufbau des städtischen Wirtschaftslebens überhaupt ist und wie sonderlich die Juden vom Wütendsten Antisemitismus zurückgedrängt werden. Große Wirtschaftsgebiete sind niedergebrochen, die Masse der jüdischen Angestellten und Inhabern von Zwergbetrieben] — und das ist die Masse des Judentums überhaupt —-" wird in Kürze ratlos1 - herumirren. So stehen die Juden persönlich, politisch und. wirtschaftlich vor den schrecklichsten Verhältnissen. Auswanderung ist solcherart für zahllose der einzige Ausweg geblieben. . Wohin soll der Auswandererström münden? Wir wissen uns wohl daran zu erinnern, daß vieleiler überseeischen Länder schon im Frieden Maßregeln gegen Einwanderung beschlcfssen haben und sie werden diese ohne Zweifel jetzt noch verschärfen, um ihre eigenen Schwierigkeiten der Arbeitslosigkeit, des Mangels1 an Rohstoffen, der bolschewistischen Strömungen nicht noch zu vermehren. Es' ist " also unbedingt notwendig, _ für den Strom der Auswanderung, das Becken zu finden, in welchem sich die drängenden und brausenden Wogen sammeln und beruhigen können. Doktor Nathan Birnbaum, jetzt in Zürich, hat bei L. Sänger in Frankfurt a. M. in der Serie „Jü!- dische Zeitfragen" eine höchst lesensweite Broschüre „Vor dem Wandersturm" erscheinen lassen, die sich speziell dieser Frage zuwendet. Nach Birnbaums Ansicht sind sich die Zionisten darüber klar, daß Palästina im ersten Jahrzehnt nur einige hunderttausend .Menschen erhalten kann, während einige iuiiijnen auü den Moment leeie ig wagten, in wekhem sich die Grenzen öffnen werden -und in welchem der jüdische Wandersturm mit neuer Macht losbrechen wird. Nim wird sich aber auf allen Seiten der jüdischen Flucht der..Haß oder die Abneigung der Völker als unüberwindliches Hindernis' entgegenstellen und es ist notwendig, der Brandung sofort einen Ausweg zu eröffnen, wenn nicht in dem Pferch der Eingesperrten sich Katastrophen ereignen sollen, welche ganze Generationen vernichten. Unter diesen UmL ständen ist es* ganz, unmöglich,-statt mit lebendigen Notwendigkeiten .mit Scblagworten zu arbeiten. Jetzt in diesem Augenblicke' und sofort muß den Juden eine Zuflucht geboten werden. Da sich in den reich besiedelten Ländern keine Gelegenheit bietet, so kommt nach Birnbaums Meinung vor allem Mesopotamien in Betracht, das wirtschaftlich in hervorragender Weise geeignet ist und politisch als Nachbarland und historischer Verbündeter Palästmas natioL nale Bedeutung besitzt. In unserem Blatte ist bereits vor Jahrzehnten der Plan einer jüdischen Kolonisation Mesopotamiens mit Eifer befürwortet worden. In den Gebieten zwischen dem Fjjiphrat und Tigris gibt es kulturfähige Strecken von vielen Meilen Ausdehnung, in denen Millionen Menschen friedlich nebeneinander hausen und ihrer Arbeit leben können. In Nummer 8, Jahrgang 1909 war in diesen Blättern der Satz zu lesen: „In dieser gesegneten, durch Tyrannei und Sklaverei entvölkerten Erde wurzelt die Zukunft von heimatlos gewordenen Millionen Juden." -In Nummer 1, Jahrgang 1908 schrieben wir: Es gibt kein Gebiet auf Erden, das jenem gleichkäme, wo die beiden biblischen Flüsse ihre Wasser rollen und die ältesten Städte der Welt lagen. Lange bevor die genialen Erfindungen moderner Ackerbauwerkzeuge und die Wunder der Chemie dem Landmann zu Hilfe kamen, lange, bevor die Menschen die Erde zur größten Leistung ihrer Abgaben zu zwingen wußten, als noch die Ernten fast freiwillige Spenden des reichen Bodens waren, ging schon eine Fülle von Reichtum üb^r das Land nieder, allerdings ^auf die Köpfe des Adels- und Priestershncles, wäh- V.rend die Bauern bei allem Segen darbten. Dies herrliche Land der ersten Menschen, die die Natur verschwenderisch mit allem versorgte, was das Leben erfordert, ist nicht durch veränderte klimatische Verhältnisse oder, durch vulkanische Revolutionen zugrunde gegangen, sondern bloß durch die Habgier der Herrscher, die die Flucht der ausgesogenen Arbeitskräfte bewirkte, und den Vandalismus der Feinde, welche nicht bloß raubten, sondern auch zerstörten. Es1 gab in Mesopotamien Städte, in denen, sechsroalhunderttausend Menschen ein glückliches Dasein lobten, Tempel und Paläste von Gold strotzten und in fast unverwüstbaren Gewölben Schätze von fabelhaften Werten gehütet wurden und die nun gänzlich vom Erdboden verschwunden sind. Statt der prächtigen Bauten stehen elende Hütten, statt der reichen Bevölkerung führen einige hundert Moslems ein dürftiges Leben. Die Satrapenwirtschaft hat ein blühendes Land in eine Einöde verwandelt. Noch im sechsten Jahrhundert nach Christus standen 22 Millionen Hektar i. i voller Ve?etation und lieferten der Regierung und ihren Vasallen eine jährliche Einnahme von 232 Millionen Mark. Alles gedieh dort In paradiesischer Ueppigkeit: die Rebe; der Bettel- und Kaffeebaum, Weizen, Gerste, Mais, Reis, Hanf; man brauchte bloß die frachtbare Erde ein wenig aufzukratzen und sje lieferte ihren glücklichen Bewohnern

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