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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-10-10 · 39 (10.10.1919) · p. Seite 531

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
39 (10.10.1919)
Date
1919-10-10
Page
Seite 531 (sequence 7)
Language
German
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Nr. b9 Dr. BLOCH'S WOCHENSCHRIFT Seit© 687 eine verzweifelte Familie im Elend zurückgelassen hätte. 'Nachdem nun diese Herrschaften den Krieg beim1 Roten Kreuz und hei 'den höheren Komm'andio^ verbummelt fetten, entdecken sie plötzlich' ihre Tapferkeit gegen die wehrlosen Juden und meuchelndiese armen Menschen, wo sie sie finden. Wir wissen aus dem Munde einwandfreier christlicher Zeugen, daß sich in Westungarn alles an Pogromen imd Einzelmorden wirklich ereignet, was' die ungarische Regierung leugnet und daß an zahlreichen Orten das Blut unschuldig gemordeter Juden zun Himmel schreit. Wir wissen, daß nicht einmal Admiral Horthy, der Kommandant der weißen Truppen, mit dem Wüten eines gewissen Offizierspöbels, meist aristokratischer Herkunft, einverstanden war, ^daß fer viele Hinrichtungen vergeblich zu verhindern suchte, welche gar nichts anderes waren, als' gemeine Morde. Wir wissen, daß es niemandem einfällt, sich um die' gar nicht ernst gemeinten Befehle aus Budapest überhaupt zu scheren. Die Tränen vieler Witwen und Waisen, das Blut vieler unschuldiger Opfer der weißen Banditen schreit zum' "Himmel. War es denn nicht genug, was sich hart an der Grenze von Deutschösterreich, nächst Wr.-Neustadt, zutrug, in Sauerhrunn? Dort bildeten , die Szekler Soldaten ein Spalier, als ein Zug einfuhr und dreimal wurden alle Fahrgaste von jüdischem Aussehen, ohne allen Grund von diesen uniformierten Tieren mit Gewehrkölben, Stangen und Knüppeln geprügelt. Als sich' eines "der "Opfer bei einem Offizier beschwerte,, herrschte ihn dieser an, daß er noch mehr geprügelt werden würde, Wenn er nicht soTbrt schweige. Einer von den Juden wagte es1 wirklich', zurückzuschlagen und wurde schwer verletzt vom Platze getragen. Man muß nun wissen, wer diese Szekler sind. Vor dem Eindringen der Rumänen haben sie wie Hasen die Flucht ergriffen, "haben Haus und Heim, Frau" und Familie feig im Stich gelassen und sind von Sieben1,- burgen durch' das' ganze weite Ungarn hindurch bis an das andere Ende 'dieses' Landes davongelaufen. Erst hart an der Grenze haben sie sich zur Schlacht gestellt, und zwar gegen die Juden. Man fragt sich entsetzt, was denn die armen Juden dieser Gegend den Szeklern getan hfäben, welche doch erst seit einigen Tagen in der Gegend waren, und zwar als unbewaffnete Flüchtlinge? Was sich in Sauerbrunn ahspielte, war nichts anderes1, als die gemeine Barberei ungarischer Huliganen nach russischem Muster, als ein *" Faustschlag. in das' Gesicht der ohnehin kranken europäischen Kultur. Jeder anständige Mensch1 muß so entsetzt sein, als ob es ihm selbst widerfahren wäre. Denn wie leicht könnte nicht jemand in den nahen Kurort Sauerbrunn fahren und jdort dem uniformierten Gesindel in die Hände fallen, weil er im Verdachte desJudentums steht! Natürlich war wieder niemand daran Schuld als gewisse Offiziere, welche es' den Juden absolut nicht verzeihen können, daß man sie im' ein Haar gezwungen hätte, zu arbeiten wie ein anderer, zu sorgen wie ein anderer un'd ihre Familie ohne Bezahlung durch' den Staat zu erhalten. Diese Offiziere haben doch1 seihst eben gesehen, wie es schmeckt, wenn man seinen Verfolgern ohnmächtig gegenübersteht, sich1 kränken und 'drangsalieren lassen muß. Damals" 'haben sie aufgeschrien und die Welt zu Zeugen des bitteren Unrechtes aufgerufen, das1 man ihnen antut. Jetzt aber tun diese Edelleute dasselbe gegen die unbewaffneten, wehrlosen Juden, bärtige Familienr väter, intelligente Menschen, welche schwere Steuern zahlen und' von kleinen Kindern bange zu Hause erwartet werden. Ebenso schöne Blüten wie im „edeln" Ungarn werden auch im „geistigen" Ungarn ans Sonnenlicht gebracht. In Budapest haben die Hochschüler gegen ihre jüdischen Kollegen eine erbitterte Bewegung hervorgerufen und suchen sie von der Universität zu verdrängen. Daß es sich bei allen antisemitischen Bewegungen an der Universität um nichts anderes handelt, als um gemeinen Brotneid, ist eine von altersher bekannte Tatsache. Denn der eine Hörer* hat nicht mehr und nicht weniger davon, wenn noch jemand in der Bank sitzt, der dem "Professor zuhört. Das Recht auf Bildung, das wohl jedermann gehört, können die ungarischen Juden ganz besonders für sich1 in Anspruch nehmen. Denn in der geistigen Geschichte Ungarns spielen woM die Juden eine ebenso große Rolle wie in der politischen. Trotzdem hat der Vorsitzende der höheren Hander&schulen in seiner Antrittsrede die* Frechheit gehabt, zu erklären, daß er die antisemitische Studentenbewegung für gerechtfertigt halte und den jüdischen Hörern raten würde, einige Wochen hindurch die Vorlesungen zu meiden. Daß es darauf zu wüsten Tumultszenen zwischen den Hörern kam, ist selbstverständlich. Denn die Christen unter ihnen sahen in den Worten des geistigen Führers einen Freibrief für jede Art von Frechheit. Es geschieht wohl das5 erste Mal an einer Stätte der Bildung und Gelehrsamkeit, daß ein akademischer Vorstand die Feindseligkeiten an seiner "Schule nicht besänftigt, sondern hervorruft und verschärft. [* * * Eine Nachricht, welche in ihrer lapidaren Kürze unendliche Verzweiflung der Opfer und Niedertracht, der Täter enthält, kommt aus Rußland. Dort sind die Armeen Denikins überall im' Vordringen und. an allen Orten, in die sie vordringen, finden schreckliche Judenpogrome statt. Ein schwarzes' Blatt unserer Geschichte, die sich' nie zum Besseren wenden will, wird nun erfüllt von entsetzlichen Geschehnissen, welche eben jetzt das größte jüdisehe Ansiedlungsgebiet der Welt mit Blut und Flammen, Todesangst und Qualen erfüllen. Kein Wort vermag auszudrücken; kein Pinsel darzustellen, keine Klage zu erschöpfen, was1 jetzt die tierische Lust der Mordbrenner im Ghetto anrichtet. Sie sucht und findet einen Vorwand im jüdischen Bolschewismus. Ist es nicht eine groteske Gestaltung des Schicksals, daß die Opfer des Bolschewismus vor allem die Juden waren und nun die Mutigen Opfer des Antibolschewismus werden. Es* gibt aber gar kein Für und Wider einer Begründung, für den Massenmord. Dieser ist und bleibt ein himmelschreiendes Verbrechen, ein tierischer Ausbruch des Kosakentums und das Furchtbarste daran ist vor allem, Baß den armen Opfern weder von außen nochf von innen Hilfe werden kann. Es gibt keine Behörden, die sie schützen können, keine Macht, die ihnen Hilfe bringen kann. Belustigt und neidisch' schauen von der einen Grenze her die Polen zu, von der anderen die Rumänen und den Juden können nicht einmal Waffen helfen, denn der Feinde sind zu viele., Schaudernd und mit von Mitgefühl gemarterten Herzen denken wir an unsere sterbenden Brüder und Schwestern, an ihre Kinder, erinnern wir uns an "die häufigen Zeiten, an denen Juden heroisch starben, in den Mantel ihres' Glaubens gehfüllt, und ihren Gott in der Seele. Ein Aufruf des Verbandes der ungarischen Juden. Der neugegründete Landesverband der ungarischen Juden erläßt einen Aufruf,, worin er der Anklage entgegentritt; daß für die Geschehnisse während

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