Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 39 (10.10.1919)
- Date
- 1919-10-10
- Page
- Seite 530 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3022353-3022387--28006-3053455- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 626 Dr. BLOCH'S WOCHENSCHRIFT Nr. 39 den ganzen Vormittag in Bereitschaft bleiben und sich wieder, wie schon so oft vorher, beschimpfen und verhöhnen, lassen. . Jedes. Kind konnte sich1 sagen, daß es so nicht weitergehen wird und diese immer häufiger werdenden Straßendemonstrationen eine ernstliche Gefahr für Wien bilden. Jedes.Kind — aber nicht die Regierung, die zu solcher Erkenntnis' acht Monate gebraucht hat. Jetzt erst und durchaus nicht aus eigener Initiative wurde ein generelles' Verbot für Kundgebungen auf der Straße erlassen. Zur Erlangung dieses Verbotes war aber der rechit weite Umweg über Washington notwendig, und es bedurfte verschiedener Besuche •des amerikanischen Generalkonsuls Herrn Halstead beim' Staatskanzler Dr. Renner, um diesem klar zu machen, daßi wir heute uns' nicht einmal mehr den Luxus von Krawallen, Pogromen, kommunistischen Gegendemonstrationen und so weiter erlauben dürfen, sondern schon ruhig zu sein haben. Und es bedurfte des sehr energischen Hinweises darauf, daß( wir im Friedensvertrag allen Konfessionen und Nationen Gleichberechtigung gewähren und Uebergriffe gegen die jüdische Bevölkerung als einen Bruch des Friedensvertrages mit allen seinen Konsequenzen betrachtet werden könnten. Was natürlich die deutschvölkischen Tladaubrüder nicnt hindern wird, auch weiterhin Unruhe zu verbreiten und die Haustore mit antisemitischen Inschriften zu besudeln. Heute, da der erste Ansturm zurückgeschlagen ist, erfordert es die Pflicht, von-dem1 Ausweisungs- -erlasse des Landeshauptmannes Sever zu sprechen. Ware diese, berühmte Verordnung zur Ausweisung der Flüchtlinge nicht erschienen, so wäre uns der Rummel der letzten Wochen erspart geblieben. Die Dunkelmänner hätten keinen Vorwand gehabt, sich' auf die Straße zu wagen. Der Ausweisungsbefehl des Herrn Sever traf zum überwiegenden Teil Menschen, die sich'nier kümmerlich erhalten, als' Arbeiter, Handeisangestellte, Kanzleigehilfen ein schmales, bitteres Brot erwerben. Es Ist unwürdig, wenn ein sozialdemokratischer Landeshauptmann die Ausweisung solcher proletarischer Existenzen betreibt. Nichtnur Würdelosigkeit, auch Unfähigkeit müssen wir heute dem1 Landeshauptmann Sever vorwerfen. Selbst wenn sein Erlaß durchgeführt wäre, wenn alle Flüchtlinge am 20: September abreisefertig von der Polizei auf die Bahnhöfe gebracht worden wären, es wären keine Waggons;, es wären keine Kohlen vorhanden gewesen, sie zu befördern. Das mußte Herr Sever wissen. Am1 20. September hätten alle Fremden aus Wien weg sein sollen, bereits am 17. September aber mußte der Stadt Wien, mitgeteilt wetden, daß vom1 22. September an wegen des KoMenmangels' keine Straßenbahn verkehren werde. Es gab keine Kohle für das Elektrizitätswerk, es' gab' keine Kohle für die notwendigsten Personenzüge, geschweige denn Kohle für die Abschiebung der Fremden. Das alles' müßte Herr Sever als Landfeshauptmann schon an dem1 Tage wissen, da sein Erlaß erschien, denn schon damals gab es nur den notdürftigsten Bahhverkehi*. Herr Sever hätte vergessen, daß zu einer Heise von Wien nach Galizien Kohlen und Waggons notwendig seien. So hatte seine gänzlich' unüberlegte, vorbereitungslose, popularitätshaschende Verordnung nur die eine Wirkung, Hie ebenfalls vorauszusehen war: die Entfachung einer unter dem Deckmantel des^ogroms arbeitenden Monarchi stenwühlarb eit. Ein Statthalter, der in der k. k. Zeit einen ähnlichen Mangel an Voraussicht bekundet hätte, wäre nach einer solchen Blamage nicht länger auf seinem Posten möglich gewesen. Der Urgerman« Vscnetitsichka. Einer der Hetzredner bei dieser Versammlung, Landtagsabgeordneter Otto Volker, der gegen die „Fremdlinge" wütete und ihre Vertreibung aus Wien dringend forderte, ist eigentlich in Wien selber Fremdling. Sein eigentlicher Name ist Otto Vschetitschk a, er ^wirkt" als' Lehrer im1 21. Bezirk, und [hat. ler vor etwa 12 Jahren dien germanischen Namen Volker „erworben", nachdem es ihm gelungen war, die Tochter des reichen Floridsdorfer Bürgers1 Nittel heimzuführen. Jetzt gebärdet er sich als1 Urgermane »und fordert auf "zur Vertreibung der- „Fremdlinge". Das ist die Moral aller Renegaten bei allen Völkern. DeutsWland macht es andfers. Keine Ausweisung der Flüchtlinge. Berlin, 3. Oktober. In der Sitzung der preußischen Landesversammlung wurde von der rechten Seite eine Anfrage an die Regierung gerichtet, betreffend die Einwanderung polnischer und galizis'ch'er Juden. Dazu gab die Regierung eine von der Linken mit großem Beifall aufgenommene Erklärung ab. Die Befürchtungen über Steigerung der Wohnungsnot und des Nahrungsmangels in Deutschland durch die Einwanderer seien übertrieben. Lästige Einwanderer können nach' den bestehenden Bestimmungen abgeschoben werden. Von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen, wenn es' sich um! Flüchtlinge handelt, , die der zwangsweisen 'Einstellung in die polnis'che Armee entgehen wollten, empfiehlt sich nicht,- solange im Osten der Friedenszustand nicht tatsächlich wiederhergestellt ist. " Flüchtlinge nach Polen, wo Judenpogrome eine ständige Gefahr sind, äbzuschier ben, verbiete sich aus1 Gründen der Menschlichkeit. p?5»?m m. JJi'1-- .-c£_=*"J » ayrtjüiru/'a;:" OszirA eSSS^ Daö erwachende Ungarn. . Das1 Dorado der Antisemiten ist jetzt Ungarn geworden. Dort vereinigen sich' die Absichten der Regierung mit den Gefühlen der erwachenden Ungarn. Wer ist denn die Regierung eigentlich? Einige Puppen, welche sich die alten Ausbeuter des Volkes, die Großgrundbesitzer, um ihr vor cleni\ Kriege mid während des1 Krieges erwuchertes1 Geld gekauft haben, um mit Hilfe dieses Klüngelsdas ungarische Volk weiter ausbeuten zu können. Wenn nicht gleich die Monarchie, so soll doch wenigstens jetzt in Ungarn die frühere Herrschaft der Feudalen aufgerichtet werden, jener trüben und verbrecherischen Gesellen, welche über das' Grab ihrer verhungerten Taglöhner im1 Viererzug fanren, und "welche immer bereit waren, für ihre Tasche und für ihre Interessen den Staat und die ganze Welt in Flammen aufgehen zu lassen. Natürlich werden diese, edeln Abarten der ungarischen Nation von den Offizieren der weißen Garden unterstützt. Unter diesen Offizieren befinden sich' außerordentlich zahlreiche Aristokraten. Wo diese während des Krieges5 waren, »weiß wohl jedes Kind. Wenn einer von ihnen tatsächlich an die Front gezogen ist — natürlich nur zu einem Gastspiel, so wurde das mit allen Glocken ausgeläutet. Aber man hörte das Läuten nur zwei- oder dreimal.^Wenn alles währ wäre, was' man über die Feigheit der Juden zusammendichtet, so wäre das immerhin noch' ein Heldentum gegen die Feigheit der Aristokratie, wobei man noch hinzufügen muß1, daß kein einziger von diesen „Edelsten und Besten der Nation" etwa