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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-10-10 · 39 (10.10.1919) · p. Seite 529

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
39 (10.10.1919)
Date
1919-10-10
Page
Seite 529 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 39 Dr. BLOCHE WOCHENSCHRIFT SWte 625 falscher bezeichnet, die obendrein noch Gott zwingen, ihren Frischlingen s eine Prägung zu geben. Natürlich hur, soweit die kurzfristige, materielle, sinnlich5 wabrneWmb'are Wirkung ihrer Tat in Betracht kommt. „Gottes Mühlen mahlen langsam1." Wenn Du mir aber einwirfst, daß doch1 das Judentum ohne den Wunderglauben nicht denkbar sei, so lasse Dich daran erinnern, daß kein Wunder die Aufhebung des Naturgesetzes bedeutet. Es will uns im Gegenteil in Erinnerung bringen, daß das N a t u r g e s e t 'zi Tri g a n z e n überhaupt ein Wunder Gottes1 ist, daß er „das leitende und kontrollierende Prinzip" ist, das-ja doch in jedem einzelne n F a 11 e von Ursache und Wirkung in Tätigkeit tritt. Gaer war je ein menschlicher Geist imstande, im Organischen alle Wirkungen einer Ursache zu berechnen? Bekennt Kant nicht mit gutem Grunde, daß die Wissenschaft, wenn sie selbst die Entstehung eines Sonnensystems erklären kann, doch einer einfachen Raupe ratlos gegenübersteht? Nur darf m'an nicht, wie Spinoza, über der Allmacht der Gottheit die Würde, die sittliche Bedeutung des Menschentums vergessen. „Was ist der MenschV daß Du sein gedenkest?", so klagt der Psalmist* (8) über die physische Ohnmacht der Merischennatur. Docht sogleich erhebt er sich' in Bewunderung seiner sittlichen Mens'chengröße. „Mit Ehre und Würde »hast Du ihn gekrönt, ... ihm alles zu Füßen gelegt." In Wahrheit steht' ja der sittlich handelnde Mensch' über dem Naturgesetz, schon insofern,, als dieses doch: nur eine relative Geltung besitzt. Eine Entdeckung, wie die der RöntgenstrabAlen oder des Radiums, stößt um, was bis dahin felsen* fest dazustehen schien. Und hat man nicht sogar die Relativität der m' a t. h e tri a t i s c h' e n Wahrheit erkannt? Was' aber das Judentum' als sitt Ii che Wahrheit verkündet, dieWertung nach den Maßstäben von gut und iDöse, gerecht, und selbstsüchtig, wie unsere Thbra sie der Welt entgegenhält, sie als absolut, als untrüglich1 und unwandelbar anzuerkennen, gebietet unsere innerste Ueb'erzeugung. Das1 Judentum hat auch hier, zwischen zwei Einseitigkeiten vermittelnd, das Richtige getroffen. Sein sittliches Ideal vermeidet ebensowohl die Nüchternheit des strengen Verstandes Charakters als auch die Vorherrschaft des Gefühlsmäßigen, in der die Gefahr der Erschlaffung des sittlichen Rigorismus schlump mert. Es verweist uns? auf das „Erkennen mit dem Herzen",- auf das gemütvolle Erfassen der Tatsachen •der realen Welt, wie der unseres Innenlebens. Zu diesen Tatsachen gehört auch das untrügliche GefüM unserer sittlichen Freiheit. Gerade in diester Synthese des Sittlichen unc] des Gemütslebens1 liegt das geschichtliche „Wunder", das sich' an den Namen „Israel" knüpft. So sagt Hoekstra und mit ihm Rauwenb'off, der bekannte Religionsphilosöph:. „Es' ist nicht zu sagen, wie die für die Entwicklung des religiösen Glaubens imentbehrliche Durchdringung desselben mit dem Sittlichen in der Menschheit zustande gekommen sein sollte, wenn nicht unter den Völkern eines gewesen wäre, das von Anfang an diese Verbindung des Religiösen mit dem Sittlichen verwirklicht hatte. Das1 war Israel." Nur auf dieser Grundlage konnten ein Staatswesen und eine Gesellschaft entstehen, die „die Furcht Gottes" an den Anfang aller "Weisheit stellten. Wohin wir gekommen sind mit der „Furcht vor dem Schutzmann" oder nun gar ohne jede Furcht, —- darüber kannst Du Dir selbst Deine Gedanken machen, Jetzt erleben wir sehaudemd, wie nie voriier, was Lamartine einmal bemerkt: „Ein Gewissen ohne Gott ist ein Tribunal ohne Richter." (Une conscience sans Dieu, c'est un tribunal sans juge.) Das Licht des Gewissens ist nichts anderes, als der Abglanz der Idee Gottes in der Seele des Menschen. Verlöscht den Glauben an Gott und es wird Nacht in der Seele des Mensehen." Geradezu wie auf unsere Häckelianer gemünzt, klingt Robespierres: „Es gibt Menschen, die unter' dem Verwände, Men Aberglauben zu vernichten, aus dem Unglauben selbst eine Art von Religion zu machen suchen . . . "(Si Dieu n'existait pas, il faudrait l'inventer.) Gäbe es keinen Gott, so müßte man einen erfinden." Auch* hierfür hat Spinoza kein Verständnis, wie ihm überhaupt jeder historische Sinn abgeht Er würde sonst über seine Volksgemeinschaft an« ders geurteilt haben ... (Wird fortgesetzt.) Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. Für Sonntag hat der Antisemitenbund in der Volksh'alle des Rathauses eine Massenkundgebung für die Ausweisung der ostjüdischen Kriegsflüchtlinge angekündigt und von verschiedenen Seiten wurden Befürchtungen laut, daß es aus Anlaß dieser Massendemonstrationen zu Ausschreitungen, eventuell zu Pogromen gegen öüe Juden kommen werde. Der amerikanische Generalkonsul Mr. Halstead hat deswegen am letzten Freitag beim Staatskanzler einen Besuch? gemacht, um ihm den Eindruck zu schildern, den die Hetze 'gegen die Juden in Amerika hervorrufen muß. Bei dieser Gelegenheit wurde darauf hingewiesen, daß in der letzten Zeit Bemühungen im1 Zuge seien, Kredit in Amerika zu finden. Die Meldungen äus Wien über die in Wort und Schrift betriebene Judenhetze hätten jedoch' in Amerika einen sehr ungiuistigen Eindruck gemacht, und die Fortsetzung würde die Schwierigkeit, Kredit zu bekommen, noch vermehren. Der amerikanische Generalkonsul hat dem Staatskanzler geraten, dahin zu wirken, daß nicht durch solche Vorgänge die Meinung über Deutscbösterreich ungünstig beeinflußt werde. r: Die Versarrimlüng vom Sonntag ist deswegen relativ ruhig verlaufen. Der Versammlung wurde überdies nachstehende Mitteilung zugemittelt und von einem Redher verkündet: " „Die Regierung h'at uns soeben die Nachricht übermitteln lassen, daß heimische jüdische* Finanziers gemeinsam mit Amerikanern uns einen Milliardenkredit zum Ankauf von "Lebensmitteln verschkfft hJaben." Das alles* 'hat dazu beigetragen, daß die Sache leidlich' abgelaufen und „nichts geschehen ist". Wenn man unter „geschehen" versteht, daß keine Menschenleben zugrunde gegangen und keine Geschäfte geplündert worden sind, so haben die Leute recht, aber in Wirklichkeit ist denn doch recht viel* geschahen. Eine ganze Woche hindurch' ist die Wiener Bevölkerung auf das; schwerste beunruhigt worden, bis zum Samstag mußte man nocW annehmen, daß es Sonntag zwiscWen Votivkirche und Rathaus zu blutigen Szenen kommen "nsürde und vor allem, und das ist beinahe "das Wichtigste: unsere Polizei, dieses einzig Verläßliche, das uns noch geblieben ist, mußte

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