Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 38 (3.10.1919)
- Date
- 1919-10-03
- Page
- Seite 521 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3020846-3022353-3022386--27996-3053444- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
38 Ür. fiLQCfl'S W ein .Judenhaus zu gehen und mich mit Judenhuhen zu plagen. Ich zeige Ihnen also hiemit an, da# ich meinen Posten nicht antrete, den Vorschuß .werde ich;. 'IhneA nüt Zinsen, zurückzahlen, sobald es mir möglich sein wird. Cornelius Langhammer," Das Mädchen zittert vor Scham und Aufregung, schleudert den Brief von sich un,d bricht in Tränen aus. Herr G,ü,ld,enau ruft: „Gott sei gelojbjt! Seht, der Lump hat Euch doch als Jüdinnen erkannt, und da habt Ihr den Dank für Euren Enthusiasmus! für einen Arier." ' Frau Gülden au schleicht sich beschämt davon. Emil stampft mit den Füßen und schreit: „Nein, diese Schmach muß gerächt werden. Papa, ich will. Jude, ganzer Jude sein, ich gehe mit Dir in den Tempel und werde fasten.44 „Die Rache, Kind, ist Gottes, aber Du wirst Genugtuung und Befriedigung finden, wenn Du Dein jüdisches Bewußtsein wahrst.44 Ä (Jnd bald darauf sieht man Vater und Sohn in den Tempel gehen. Emil beginnt sein erstes Fasten mit dem ganzen Hochgefühle, ein Jude, zu sein. Meilige Trauer.^) Der ho.chbeiiühmte, weise Rabbi Eieasar Schemen Rokeach hatte einen Sohn, den er besonders liebte. Dieser Sohn, namens Aron, war mit seltenen Vorzügen geschimückt Sein .unendlicher Fieiß, im Studium der 'JDhora, die Weite und Tiefe seines Wissens -wurden nur v on,. seiner wahrhaften Frömmigkeit und. seiner demutsvoilen Bescheidenheit übertroffen. Es gab für Rabbi Eieasar keine seligeren Stunden, als wenn er im stillen Studierzimmer gemeinschaftlich mit seinem Sohne in der heiligen . Lehre forschte und von der Höhe seiner umfassenden Kenntnisse die scharf sinnigen Fragen des hochbegabten Jünglings zu beantworten hatte. Mit inniger Seelenfreude sah der greise Rabbi auch durch diesen Sohn an sich die Verheißung in Erfüllung gehen: „Mein Wort wird nicht weichen aus deinem Munde und nicht aus dem Munde deiner Kinder/4 Docn: in Gottes unerforschhchem Rate war es anders beschlossen. Aaron war zu rein und lauter für diese Welt; kaum achtzehn Jahre ajt, hauchte er seine edle Seele, aus. Rabbi Eieasar befand sich auf einer weiten Reise, als dieser schwere Schlag seinen Familienf kreis traf. ,'. An einem. Freitag Nachmittag kehrte der Rabbi heim. Ein Blick, und er merkte, was geschehen war* Ein leichtes Zittern gjng dürch seihe hohe t Gestalt, aber er schwieg. Bleich und bestürzt standen die Seinigen um ihn da. Sie wagte)* kaum zu ihm emporzublicken; so sehr fehlten sie es, daß der bebende Vater durch djen Tod-seines Sohnes bis ins tiefste Herz getroffen sei; so sehr fürchteten sie, daß der betagte Mann durch die Aufwallung seiner Empfindungen, durch, den Ausbruch; seines1 namenlosen Schmerzes, zu Boden geschmettert werden könnte. Doch1 Rabbi. Eieasar wandte sich zu seinen Angehörigen und sprach mit bewundernswerter Gemütsruhe: „Der heilige Sabbat kommt heran, wir müssen *) Aus "dem Buche' „Einsames Land"; Erzählungen und Stünmüngsbilder von Dr. Wilhelm Münz. 2. ver* mehrte Auflage. Verlag J. Kaufmann in Frankfurt a. M. ICHMSGERIFT Ä Seite ei? uns zu seinem Empfange vorbereiten." Hierauf wusch er sich, legte die Gewänder von weißem Atlas an, die er am Sabbat zu, tragen pflegte* und ging schweigend in, "das Gotteshaus. Von der Synagoge kehrte er in seine Wohnung zurück^ sprach zur ßegrüßjung des Sabbats den Segen Über den Wein und über die Brote, und sowohl an diesem Abende, als auch am anderen Tages kam kein Wort :über deft Heimgang des Sohnes von seinen Lippen. i . Zum Sabbatausgang versammelten sieh, wie gewöhnlich, die Jünger im Hause des Rabbi, und nach Beendigung des Abendgebetes reichte man iHrr» beim* Abschiede vom Sabbat den Becher zum Segen~ Mit fester und lauter Sümme sprach er in altherkömm)- li.cher Weise über \V.eina Gewürz und Lieht die Habdalah: „Gelobt seist du4 Ewiger,, unser Gott, Herr der Welt, der geschieden hat zwischen Heiligem und Unheiiigem, zwischen Licht und Finsternis^ zwischen. Israel und den heidnischen Nationen, zwischen dem siebenten Tage und den sechs Werktagen. .Geloht seist du. Ewiger, der unterscheidet zwischen Heiligem und Unheil%emr Kaum hatte er aber den Segen vollendet und vom Weine getrunken, als es wie eine finstere Wolke über sein friedliches Antlitz zog, und der Rabbi, von tiefster Trauer umdüstert, auf die. Erde sich setzte und mit tränenerstickter Stimme zu jammern begann: „Mein Sohn, mein Sohn, mein gehöhter Sohn, mein Genosse, mein Lehrer, du Leuchte der Thora, warum hast du mich so früh verlassen l---Mein Sohn, mein Sohn, ach, der Herr hat geschieden zwischen dir^ dem Heiligen, und uns, den Ünheiiigeat' Du'Bist im Lichip; wir sind in der Finsferjn^s. Du warst rein, und deine Seele war rein; seehe uns, daß) du, Frommer, Weiser* nicht. mehr unter uns weilst 1"-- f In die herzerschütternde Klage des Meisters mischte sich das Schluchzen der Jünger. Draußen aber vor dem! Hause hatte sich in ahnungsvoller Bangigkeit ein großer Teil der Ger meinde versammelt War derselben die Seelengrößje und der Heldenmut des Rabbi, der durch kein Wort* der Betrübnis die Ruhe und den Frieden und die göttliche Weihe des Sabbats verletzen wollte, geradezu als übermenschlich erschienen: so trieb sie jetzt der Zug des Herzens in die Nähe des Rabbinerhauses, um an der heiligen Trauer ihres Führers und Lehrers Anteil zu nehmen und ihm ihr Mitgefühl zu bejkünden. Als nun die Klagelaute, leise ersterbend und verhallend aus dem Hause auf die Straße fangen* erhob sich draußen in der stillen Nacht ein lautesv Weinen und Wehklagen . » v Das Volk trauerte mit Rabbi Eieasar Sc&emea Rokeach! um den fiühvoUendeten Sohn. __;.....- Literatur. „Spitzweg." Der Altmeister Münchener Kunst von. He** mann üh de-Bern ay ». Mit 165 Bildern.- 21*— 33; Tau* send. Delphin-Verlag» München. 4 Der Delphin-Verlag in München, bei den* erst küra*" lieh die beiden prächtigen Werke Brieger „Das KunstBamr mein" und Nikolaus „Tänzerinnen" erschienen sind, beschert dem Bücherfreunde eine neue Kunstgabe. Spitswegv der Altmeister Münchener Kunst, ist es, der den breiten^ Schichten des kunstsinnigen Volkes bekanntgemacht wenden soll. Hermami TJhde-rBernays hat sich' der schwierigen Aufgabe, Spitzwegs Leben und Wirken populftr darausteHeii*