Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 38 (3.10.1919)
- Date
- 1919-10-03
- Page
- Seite 520 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 316 Dr. BCOCH'S WOCHENSCHRIFT Nr. 33 :Frau Güldenau bescli&ftigt sich in angelegein-, lidbster Weise, fast mit dem feifer der Cornelia für die Erziehung der jungen Grac'chen, mit der Herrichtung des Zimmers' für den morgen eintretenden Hauslehrer, und die fuhfzehhjährige Tochter, Fräulein Sidonie, die in ihrer körperlichen wie geistigen Ausbildung schon fix und fertig ist, steht dabei der Mutter getreulich' zur Seite. Die Erwartung, eine Luft mit einem Arier zu atmen, einem Arier bei Tische gegenüberzusitzen, die ritterlichen Galanterien eines Ariers entgegennehmen zu können, so oft hian nur will — wie überselig muß dies nicht ein jüdisches Mädchen machen! „Mämal Wir müssen noch' alles beiseiteschaffen, was uns dem Lehrer als" Juden erkennen laßt!" Für diesen glücklichen TJedanken fiel die Mutter dem Mädchen um den Hals und küßte es: „Mei' Muge Sidönie leben!" „Mämal Mama!, Du jüdelst schon wieder! Das mußt Du Dir jetzt abgewöhnen! Und was ich' Dir noch' sagen will — Deine Mutter darf nicht mehr mit uns am' Tische es'sett, der sieht man ja an, daß sie eine Jüdin, ist, wenn Sie auch' nichts redet." „Du hast recht, liebes' Kind, sie soll auf ihrem Zimmer bleiben!" Nun gehen Mutter und Tochter in" das „Zimmer der Buben" und machen sich daran, aus1 dem'obersten Fach' des Bücherkastens1 die verstaubten hebräischen- Bücher herunterzuwerfen, die man dann von einem Dienstboten auf den Dachboden transportieren läßt. - Herr und Frau Gulden au stammten von frommen Juden ab. Es1 waren nochrdie Bücher vorbanden, aus denen sie in ihrer Jugend lernten und beteten.; Endlich; ist alles" für. den. Empfang "des1 Hauslehrers fertig.;.7; ' .r j Beim Diner zeigt sich Herr Güldenau etwas' vetdrießlichr. Er vermißt an dem Menü das Festliche, da3 die Bedeutung des Tages Charakterisierende, sagt aber' nichts'. . * Nach' Tisch bemerkte er seiner Frau gegenüber: „Du, Bella, Emil muß morgen fasten, er ist schon über 13 Jahre alt! Das Mädel solL meinetwegen tun, was sie will, aber der Bub muß wissen, daß er Jude ist." j,Was fällt Dir ein, gerade morgen, wenn der christliche Lehrer eintritt? Muß der denn sofort sehen, daß wir Juden sind?-Es1 wird morgen zu Mittag gegessen Verden wie ein anderes1 Mal, vielleicht etwas nobler. Du kannst im' Tempel bleiben, ich werde schon eine Ausrede haben, Deine Abwesenheit zu entschuldigen." „Ich sag* Dir aber, Emil wird fasten und mit mir in den Tempel gehen. Du Weißt, mit dem Jom'- Kippur mach'' ich keinen Spaßt Soll der Lehrer memerwegen-ivTssen, daß wir Juden sind, wenn er's nicht ohnehin schon weiß. Ob er's' schon morgen oder erst später erkenrit" , „Und ich\sag' Dir,- Emil wird den Lehrer empfangen und bei Tische sitzen. Mit Deinen Grundsätzen 'wird aus dem Knaben nichts1 werden. Auf große Männer hat immer nur die mütterliche Erziehung Einfluß. Du bist ein ungebildeter Menschl" Das war immer ihr letzter Trumpf im bäusflichfen' Kriege. Gegen dieses Argumtent ließ sich' nicht mehr änkämpfen. Herr Güldenau holt einen tiefen Seufzer, geht auf sein Zimtner und gibt sich' seinen Gedanken Mn — es sind stechende Erinnerungen an die Vergangenheit, an das Elternhaus, an die Jugend, aber doch' nicht die rechten Gedanken zur "Reue und Buße, dazu fehlte ihm' die Energie. Nach ^iner Weile durchschreitet er wieder die Flucht der Zimmer, deren Flü^lturefi angelweit o!ferstehen, um den erwarteten Lehrer die ganze Herr1liehkeit des Hauses1 auf einmal «überblicken zu lassen. In dem Arbeitszimmer der Knaben hält er stille, steigt auf einen Stuhl und will vom' letzten Fach des" Bücherkastens' etwas heranholen. Das ganze Fach''ist'leer. Es überkommt ihn ein Schrecken, wie wenn man an dem Grabe teurer Toten eine Leich'erischähduttg wahrnimmt. „Wo sind denn die Bücher von da oben hingekommen?" schreit er, daß es durchs' ganze Haus hallt" . „Schrei nicht so!" sagt die herbeigekommene Gattin, an der Tür stehenbleibend, „ich hab* sie auf den Boden MnaufTäumen lassen, der Lehrer muß nicht wissen, daß wir Juden' sind." „Hol' Dich1 der Teufel mit Deinem' Lehrer, Du böses Weib! ^asLJsind-die Bücher von meinen Eltern; im' Jorn-Kippur-Mächsbr steht das' Datum des Todestages meines' Vaters1 und meiner Mutter eingeschrieben. Beide stehen im' Geiste vor mir, wenn ich in diesem Macbsor bete. Verzeiht mir, daß Euch in meinem' Hause diese Schmach angetan wird!" Und er weint, wie ein kleines1 Kind. Verächtlich' wendet sich die Frau von ihm' ab und geht weg. Herr Güldenau keucht die fünf Treppen auf den Boden hinauf, holt sich das Machsbr, das-er küßt und an sein Herz drückt :- - Anstatt. derc wehmütigen Stimmung/ wie sie vor dem Tempelgange zu Kol-Nidre im jüdischen Hause herrscht, ist es! unheimlich bei' den Gülden au s,< eine drückende. Atmosphäre von Haß und Verachtung zwischen Vater, Mutter und Kindern. -r' Herr Güldenau steht in trüben Gedanken versunken am' Fenster seines ZimmirS und schaut auf die öffentlichen- Anlagen hinab', über deren büntgefarbten Läubsehmtick die untergehende Sonne 'ihre, rötlichen "Gluten wirft welche mehr zum' Sterben als" zum1 Leben locken. Es ist die höchste Zeit in den Tempel zu gehen. So allein, wie heute, so sich und. sein' Haus verwünschend, hat er diesen Gang noch' niemals* gemacht Eben will er sein Zimmer verlassen,. da tritt ihm' das Stubenmädchen mit einem' Briefe in der Hand entgegen. Vermöge der Stunde kann es kein Geschäftsbrief Sein. Die Neugierde treibt Mutter, Töchter und Sohn herbei. Hetr Güldenau reißt das Kuvert auf, entfaltet das Schreiben und wirft es verächtlich dem'Mädchen hin: „Er ist von Eurem1 Lehrer, was will der; Mensch, der s"chon vor seinem' Eintritte so viel Verdruß ins Haus1 bringt. Lies',!" . Und das' Mädchen liest pochenden Herzens: „Herr Güldenau! lchr habe schon bei der Aufnahme erkannt, daß Sie dem Hause Israel angehören, obwohl Ihre Frau und Tochter sich alle Mühe gaben, es zu verleugnen. Allein, in meiner finanziellen Not wollte ichr mich entwürdigen und bei Juden 'dienen, auch beschwichtigten die vielverheißenden Blicke des Fräuleins' mein Gewissen. Mit dem Vorschuß von fünfzig Gulden, den Sie mir gegeben, habe ich mich jedoch wieder so rangiert, daß ich mich fühle und die Schande erkenne, . in „