Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 38 (3.10.1919)
- Date
- 1919-10-03
- Page
- Seite 519 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. SB Dr.. BLOCH'S WOCHENSCHRIFT Sei Je t>lf> RflsaMaiH geb. Berflor Asay, geb. 4. September l£90: Sicy, \Wn, fY., Starhemberggassft 37. Rosmarin Riefcard, Fabrikant, geb. 15. Jänner 1880, Wien, IV., Starhemberggusse 37. Stein GIl2rlot*9,.g*b. 25. Jänner 1878, Wi n,'IL, Zirkusgasse 80. Siiassny fSouneafeld) Rudolf, königl. bulg. Konsul, geb. 5. Juni 1864, Wien, IV.. Prinz Eugenstraße 10. "Weiß Otto, Beamter, geb.' .18. April 1838, Wien, VIII., Josefstädter- . . Straß» 87. .__ Berlin. Dr. Heinrich! Loewe, der Verwalter der Berliner Universitätsbibliothek, ist 'vom1 Londoner zionistischen Komitee als Häuptbibliothekar an die Jerusalemer National-Bibliothek berufen worden. Seine Aufgabe wird sein, die genannte Bibliothek für die zukünftige, hebräische Universität in Jerusalem vorzubereiten und zu "ordnen. Dr. Loewe wird-sich demnächist nach Jerusalem begeben. Feuilleton, Emils erstes Fasten.' Im Hause des Börseaners Gü 1 denau war keine 'Spur--zu erkennen, daß morgen der „große und furchtr hare Tag" sein wird, der die Spitze des jüdischen Spiritualismus bezeichnet. . . , . >J In früheren Zeiten warf dieser Tag eigentlich schon-wochenlang seine Schatten, voraus'. Mit der Verkündigung desi Elulmonates ging in .Äer EmpSnidungsünd Gefühlswelt des Israeliten eine merkwürdige Veränderung vor. . Wehmut und Rührung beschlich' sein Herz; inniger, wärmer regte es sieh in seiner Brust; ernster, weihevoller ward, seine ganze Stiniiming; heiliger, reiner sein Denken — bis1 endlich1 dieses1 gesteigerte Empfinden am Neiv ■jaMi^ag'ö;-'*zxurr 'ersten;Dürjchbrache kam,, von da an bis1 zur Rüste des Versöh'nungstages in immer höherem Maße sichVkundgäb, wie die Vorbereitungen auf eine-Katastrophe, je näher diese rückt, und endlich mit den Tränen ihren höchsten Höhepunkt erreichten, m denen die weichte Melodie des Kol-Nfdre das von Schmerz und Reue beschwerte Herz auflöste: Doch5 auch' in der Neuzeit war man wenigstens den Tag vor Jom-Kippur nicht mehr gleichgültig gegen die kommenden, ganz dem Geiste und der Asketik gewidmeten vierundzwanzig Stunden. Es ward ah diesem" Tage festlich1 gespeist. Allerdings nicht mehr wie ehemals, mit der Absicht, dem Leib heute zu frönen, um ihm die morgige Demütigung desto fühlr barer zu machen, sondern nur, um sich'heute einen Diätfehler zuzuziehen, damit morgen das. Essen anwidere und das Fasten um so leichter werde. Außer dieser gastronomischen Würdigung gedachte man ä'ber heute auch noch ganz besonders der .Ungilückhchen mid Elenden, versandte riach! allen Seiten milde Gaben, ließ sogar flühher schlachten, die man verschenkt, daß jeder Arme an diesem Tage sein Huhn im! Topfe habe. Die Mütter treffen. Vorsorge, daß . es1 den Kleinen morgen an nichts1 gehreche. 'Es wird für sie gebacken, gebraten und Ob'sjt aufgespeichert, alä würde die morgige kalte Küche eine Ewigkeit dauern; dann geht es5 an die Besteckmig von Zitronen mit Gewürznelken, um sieh!" gegen Schwindel und Ohnmachtsanfalle zu wappnen. Und ist das alles geschehen^ wird zur Toilette geschritten, werden die Ballkleider hervorgehölt, im. Gegensatz zn den alten Zeiten, wo. man am Jom'-Kippuf die Sterb'ekleider**- anlegte, Endlich' langt man nach .den Gebetbüchern, die, in Staub gehüllt, im.obersten. Fach des Bücherkastens ein ganzes Jahr lang vergraben stehen. Von dem allem ist jedoch heute keine Spur im Hause Guldenaus zu bemerken. Und doch hat das Haus nicht das gewöhnlich'1 Aussehen, herrscht eine Bewegung. darin, die auf einen wichtigen Vorgang deutet, den man erwartet. Man bereitet sich? sichtbar auf etwas5 vor. _ Morgen ist der 15. September, der Tag des Wiederbeginnes der Schulen. Das Judentum als Religion ist noch' immer das; Aschenbrödel unter den Konfessionen. Einen Jahr markt in irgendwelchem Provinzheste, der auf einen jüdischen Feiertag fällt, verlegt man auf einen anderen, Tag; der Schülanfang^ wenn er gerade mit dem höchsten jüdischen Feiertage zusammenfällt, wird deswegen doch1 nicht um einen Tag hinausgeschoben. Nicht, als oh man eben so borniert dächte, daß der Verlust dieses einen Tages die Jugend um ihre ganze Zukunft "bringen und wieder die. Nacht der 'Unwissenheit über die * Weit hereinbrechen könnte, nein, sondern nur, weil man dem Judentume keine Konzession machen will. Und das nennt man Gleichberechtigung der Konfessionen und diese Schulen werden SimuitanscMiIen genannt. Die jüdischen Kinder müssen morgen allerdings noch nicht in die Schule gehen. Allein, sie erkennen eben dadurch die" offizielle Mißachtung ihrer Religion, fühlen die Demütigung und werden entweder Verächter des 'fteligionsprinzipes überhiaupt, oder es bäumt sieh in "ihnen das1 "Selbstgefühl und Kampfgedankenziehen in das sonst so friedliche, kindliche Gemüt schon ein. Morgen beginnen also die Schulen. Kann es einen wichtigeren Tag für <lie Familien geben? 'Die hohe Bedeutung des Tages der Eröffnung der Schulen basiert.aut. dem Glauben an den Fortschritt, nach welchem die Zukunft immer Besseres bringen müsse, der Keim der Zukunft ist aber "die Jugend, deren Erziehimg im Geiste der Zukua't ein Geschlecht von dem anderen als Naturgesetz zu übernehmen hat. Die -Ferien sind der Stillstand in diesem Entwicklungsprozesse, die Wiedereröffnung der Schulen hat die epochale Wichtigkeit des Beginnes seine* neuen Lebens. Kollidiert denn aber das Judentum mit der Sehlde, oder ist diese nicht vielmehr Geist von seinem Geiste? Hat nicht eben tlas Judentum den Forschritt der Menschheit schon seit viertausend Jahren auf seine Fahne geschrieben? Man hätte also im Hause Güldenaus ganz gut die Vorbereitung für dieses morgige Ereignis betreiben können, ohne der Rüste auf den Jom-Kippur Abbruch zu ,vtun. Allein morgen soll das erstemal ein Hauslehrer zu den Güldenaus: eintreten, und. weil man sich schon diesen Luxus: gönnt, wollte man ihn nach der letzten Mode mitmachen und sich einen arischen Hauslehrer nehmen — morgen soll also ein arischer Hauslehrer seinen Einzug bei den Gülden aus hjalten. Welch1 ein wichtiges Ereignis? Der jüdische Hauslehrer wird als Domestik betrachtet; einem arischen Hauslehrer jedoch' mußi man alle erdenklichen Ehren erweisen und jeä§ nur mögliche "Bequemlichkeit und Annehmlichkeit bieten; entsprechend dem hohen Glücke und dem reichten ^egen, die mit einem solchen Lehrer in das jüdische Hans einkehren. Und die Erwartung auf einen arischen Hauslehrer verträgt sich allerdings nicht mit der Vorbereitung für den jüdischen Bußetag.