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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-10-03 · 38 (3.10.1919) · p. Seite 515

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
38 (3.10.1919)
Date
1919-10-03
Page
Seite 515 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 38 Dr. BUOCH'S WOCHENSCHRIFT Seite 611 anderer Ententemächte, die historische Rücksichten nehmen müßten. Die UngeMärtheit der Verhältnisse hat l1/^ Jahre lang" jede Stärkung unserer Position in Palästina unmöglich gemacht, die Immigration verhindert, und bewirkt, daß wir auch auf landwirtschaftlichem Gebiet nicht vorwarte gekommen sind. Die palästinensische Bevölkerung hat darunter schwer gelitten und nur feb hat die Gegnerschaft arabischer Kreise die. Starke erlangen können, die man heute konstatieren muß. An. dicker Stellung der Araber, die auch das Zirkularsehreiben der "zionistischen Organisation in London feststellt, ist die jüdische Journalistik nicht ganz unschuldig. Das allzu frübe' Verküniden des: Sieges hat die arabischen Kreise, und zwar sowohl 'Mohammedaner wie Christen, mobil gemacht und trägt zur Erschwerung einer Arbeit, der uns freundlichen Kreise bei. Weniger wäre hier mehr gewesen. A;uch' vom Standpunkt einer erziehlichen Einwirkung auf die naturgemäß - ungeduldigen und beunruhigten jüdischen Massen erseheint es zweckmäßig, ihnen die volle "Wahrheit zu sagen: daß zwar alles günstig steht und ein Erfolg mit gutem Recht erhofft werden darf, daß aber von vollendeten Tatsachen noch keine Rede ist und viele Schwierigkeiten überwunden werden müssen. Ein Volk, das seiner selbst sicher ist, seines "Willens und seiner Kräfte, kann und .fcsrird in Geduld die Zeit des Reifens abwarten. Hat, es doch die begründete Hoffnung, gelingen 'zu sehen, was' unzählige Generationen vergebens erbeteten und erhofften. Ein Vorbild bietet in dieser Beziehung die palästinensische Judenlieit selbst, die trotz aller Leiden des Krieges und großer Enttäuschungen unverändert ihre Ideale pflegt, zielbewußt ' die kulturellen und sonstigen Machtpositionen im Lande zu stärken versucht und doch mit "Wurde und Gelassenheit das Ende der schwierigen Lage 'erwartet, in der sie sich! befindet. - Auch wenn die Entscheidung hoch eine Reihe von Wochen auf sich' warten läßt, dürfen wir doch mit Zuversicht glauben,-daß sie zugunsten des englischen Mandats fällt, und daß damiU die praktische Arbeit beginnen kann. In welchem Umfange das dann-der Fall sein wird, hängt von Faktoren .ab, 'die mächtiger sind als: wir. Aber auch unsere eigene finanzielle und moralische Kraft wird dabei naturgemäß eine große* Rolle spielen. Deshalb sollten wir die Zeit des Wartens/ zur Sammlung und Vorbereitung benützen für die schwierigen, Arbeiten des1 Aufbaues, die nun bald beginnen sollen, sobald die Großmächte ihren Streit beglichen haben." In dem vorstehenden Berichte der „Wiener . Morgenzeitung" wird es! auf das Schuldkonto der „jüdischen Journalistik" gebucht, daß! „die Gegnerschaft arabischer Kreise an Stärke erlangt hat, die man heute konstatieren muß". „Das allzu frühe Verkünden des Sieges hat die arabischen Kreise, und zwar sowohl Mohamedaner wie Christen mobil gemacht." - Der Vorwurf ist in solch.' generalisierender Form durchaus ungerecht- Die jüdische Journalistik, soweit sie nicht der offiziellen zionistischen Parteipresse angehört, hat in dieser ganzen Frage —- der Natur der Sach'e entsprechend, — sich sehr nüchtern , und vollständig abwartend verhalten. Einer optimistischen Auffassung in b ezug 'auf den „Judenstaat" hat sie n i e gehuldigt. Nur die offiziellen zionistischen Parteiblätter wären unermüdlich! mit fetten Xettern "in sensätiotnellem Auftakt, das jüjdisohe Palästina als vollendete Tatsache der Welt zu vermelden. Wenn das Schaden g~e stiftet hat, so ist die nichtzionistische „jüdische journälistik" daran vollständig unsclhiuldig. Nun kommt eine Meldung aus L o.n d o n: „Times" bestreiten den Plan der EmcMung eines selbständigen Juden Staates, zumal die Mohammedaner in Palästina — eine halbe Million an der Zahl — sich mit den Christen Palästinas — rund 60.000 Menschen — vereinigt hätten, um jeden Ans?.rncb der Jnden auf die Beherrschung Palästinas zu bekämpfen. Verbot alfer nationalen Hymnen in Palästina. Ein solches Verbot ist jühgsthin erfolgt. Da die Araber eine nationale Hymne nicht kennen, so zielt das Verbot speziell auf die jüdischhationale Hymne „Hatikwe". In Haifa wird zurzeit ein S prachenkämpf geführt, der sehr charakteristisch ist. Die Stadtverwaltung hat vor kurzem die Taxen für die Drosehtken und Fuhrwerke festgesetzt. Die Preise wurden durch1 öffentliche Anschläge in verschiedenen Gegenden der Stadt bekanntgegeben. Die Veröffentlichung erfolgte nur in englischer und arabischer Sprache. Als sich1 die Juden bei der Stadtverwaltung beschwerten und die Veröffentlichung auch in hebräischer Sprache forderten, wurde ihnen erklärt, daß die Veröffentlichung auf Befehl des Militärgouverneurs erfolgt sei, der die Veröffentlichung in der hebräischen Sprache nicht angeordnet habe. Auf die Beschwerde der Juden wandte sich der Militärgouverneur in einem Schreiben an die Stadtverwaltung, in dem er die Ankündigung der Taxe auch in hebräischer " Sprache anordnete. Anstatt diesen Befehl auszuführen, beschloß die Stadtverwaltung, sich mit dem Gouverneur in eine'lange Polemik einzulassen. Sie versuchte in einem sehr ausführlichen Schreiben nachzuweisen, daß eine hebräische Veröffentlichung •völlig überflüssig sei, weil die Haifaer 3uden arabisch' versieben. Die Erfüllung einer solchen politischen Forderung werde unter den anderen Bewohnern der Stadt Unruhe hervorrufen. — Der Gouverneur berichtete über die Sache nach! Jerusalem, wo der „Sprachenkampf" nunmehr entschieden werden soll. Inzwischen werden auch, alle anderen öffentlichen Anzeigen nur in englischer umt arabisch*er Sprache veröffentlicht. Das neue Ehereformgesetz im tschechoslowakischen Staate. Von Dr. G. Eosenmann, Eabbiner in Mähr.-Schönberg. Die Reform1 des Eherechtes, Welches im alten Oesterreich1 trotz der Bestrebungen weiter Kreise nicht erzielt werden konnte, ist im tschecho-slowakischen Staate nunmehr Tatsache geworden. Das neue, 3£ Paragraphen umfassende Gesetz stellt das Eherechtsgebiet auf eine neue Grundlage, indem es einschneidende Aenderungen vornimmt hinsichtlich der Form der Eheschließung, der Ehehindernisse und der Lösbarkeit der Ehe. Die erste, grundsätzliche Neuerung besteht in der Interkonfessionalität des Gesetzes. Die Eheverhältnisse * sämtlicher Religionsbekenntnisse sind einheitlich geregelt, so daß die bisher im allgem. bürgerl. Gesetzbuch enthaltenen besonderen Bestimmungen bezüglich! der Judenschäft, namentlich die §§ 125 und 132—136 aufgehoben sind* In dieser Neuerung zeigt sich deutlich da» Bestreben des jungen Staates, der auch hier vom Gedanken der Trennung von Staat und Kirche geleitet ist, die Rechtsheziehungen seiner Bürger von den verschiedenen ReHgionsgemeins'chaften abzulösen urict niemanden zu nötigen, die Freiheit seines Handelns, durch' eine religiöse Norm beeinträchtigen zu lassen. Im Sinne dieser gesteigerten persönlichen Freiheit, . die der Staat jedem ^seiner Bürger zuerkennt, kann und will eraaber ebensowenig jemandem wehren,

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