Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 38 (3.10.1919)
- Date
- 1919-10-03
- Page
- Seite 513 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr.?8 Ür. BL'OCH'S WOCHENSCHRIFT Seite 609 L'unrpen preisgegeben werden. Will man es1 etwa wagen, eine VolksTaehe gegen jene hervorzurufen, welche die übrige Bevölkerung während des Krieges bedrückt und geschädigt haben? Dann mag man sich' doch1 vor allem1 gegen die Feudalen wenden, welche in sorglosem' Uehermut Millionen auf Milliofnen häuften, gegen die Bauern, Welche mitleidslos und grausam Wien und die Städter verhungern lassen und seihst im' dicksten Ueb'erfluß geradezu gewalttätigpraSsen. Man schaue sich' die Vermögen sarntlicher deutschhationalen Fabrikanten an, der christlichsozialen Wirte, der Greisler, sogar der Fuh'rwerker. Unter den genannten Kategorien gibt es aber auch' nicht einen Mann, der nicht einen bedeutenden, meist im Kriege gewonnenen Besitz hätte. Man kontrolliere im! „Gegensatz dazu die. Juden und sehe in "den Werkstätten, Läden, Bureaus1- und Kriegs- -küc'hen nach, wie ungezählte von ihnen nach wie vor unter der Last, des' Lebens1 Keuchen. Und gegen diese Armen und Beladenen wollen nun jene den Vol&ssturni 'enteSseln, welche mit den schwersten Sünden gegen das Volk bis zum' Umfallen beladen sind? pie Veranstalter der Versammlung* sagen, daß sie nur die Entfernung der Ostjuden aus1 Wien durchsetzen, aber keinen Pogrom' herbeiführen wollen. .Eiorenttich1 heißt es1 in dem' beschlossenen Gesetz nicht Ostjuden, sondern Fremde, und wir möchten nicht untersuchen, seit wann viele von den Teilnehmern an der Versämtalurig eigentlich Deutschösterreicher .sind. Daß;sie*Wien einen sehr schlechten Dienst erweisen, braucht man wohl nicht erst zu Sagen. Wien wird sich nur als' FremdenStadt des Handels und Verkehrs1 erhalten können und hangt von den Sympathien ab', welche es in der Welt erwirbt. Auch von den Sympathien der Ostiuden, denen im Handelsverkehr mit dem Osten und mit Amerika keine geringe Rolle' zufällt. Aber man mag nichts anderes gelten lassen, als; die augenblickliche Not. Warum1 sollen dann gerade nur die O'stjüden weg und nicht die anderen? Man jagt die Ostjuden hinaus1, aber man gibt ihnen nicht die Möglichkeit zur persönlichen Abreise, geschweige denn zur Mitnahme ihrer Gerätschaften, 'welche sie sich in ihrer Heimat nicht beschaffen können und' man halt ihr Vermögen zurück. So sieht die Gerechtigkeit aus;, 'welche man gegen sie ausübt und für welche die Christlichsozialen und Deutschnationalen gegen die Juden ausüben. Sie fordern mit Vehemenz:, daß die Juden in das1 Land zurückkehren, das sie als* "Opfer des Krieges' verlassen Haben und in Welchem' sie Opfer des chronischen polnischen Pogroms1 werden können. In das Land, w/o man sie wegen ihrer früheren Sympathien für Oesterreich" haßt unTi verfolgt, wo ihre Wohh|- statten in Trürnm'ern liegen und das1 sie mit leeren Händen betreten, während der Krieg in allen Grenzgebieten wütet. , : . Wenn sie nicht gehen, wird es abermals' Demonstrationen geben. Wir fürchten uns durchaus' nicht, vor Pogrom^. Wenn Räuber und Mörder kommen wollen, so werden sie nach1 ihren Absichten empfangen Verden. Wenn also die: „Reichspost" im Morgenblatt gegen die Pogrome schreibt, so soll sie die Hetze in ihrem' eigenen Abendblatt einstellen. Die Arrangeure aller dieser Sachen waschen ihre Hände in Unschuld. Aber Wenn es" losgeht, werden sie einfach' schreiend der Regierung die Schuld geben, Welche nichts getan hat, um' die „•berechtigte" Erregung der Bevölkerung einzudämmen. Wenn sich die Erregung nun gegen die Schleichhändler richtet, . ' was hat die weitaus1 überwiegende MaSse der anständigen Juden damit zu tun? Man wird sie jedoch nicht unterscheiden können und wollen. Wie blind und toll ein losgelassener Pöbelhaufen ist, geht wohl zur Genüge aus 'den Demonstrationen vor dem1 jüdischen Siech'enhauS und an der schweren Verletzung eines jüdischen Schmiejägehilfen hervor, cler wolil kein Schleichhändler war. Was hinter der Bewegung eigentlich steckt, geht trotz allen Ableughungsversüchen und Verdrehungen deutlich aus der Redendes Veranstalters, Dr. Ursin, hervor, der die Hohenzollern verherrlichte. Man will den Monarchismus herbeiführen durch ein "Mittel, daS die Antisemiten für ihre Zwecke erfunden und häufig gebraucht haben, nämlich' durch' den gewalttätigen Bolschewismus'. Auf den Schultern der unschuldigen Juden Wollen die gestürzten Mächte der Finsternis1 wieder auf ihre Throne zurück. Wie so oft also heißt es Antisemitismus und ist die Frechheit von Verbrechern und Hochverrätern gegen unschuldige Opfer. Hier wächst die ganze Angelegenheit aus der Judengasse hinaus in den Staat. Die Selh'slsicihlänxfung tfesi Renegatentums. In der „Arbeiter-Zeitung" vom 21. September konnte man lesen: „Vo m Nützen der Juden. Man könnte sich gans gut vorstellen, daß es nie Juden gegeben hätte, ja man könnte sich' sogar mit dem' Gedanken recht gut abfinden. Es würde zwar der "Weltliteratur und der Kulturforschung ein so wichtiges Denkmal wie das1 Alte Testament fehlen, aber wieviele ebenso wichtige "Werke mögen verloren gegangen sein, ohne daß wir uns der Lücke, die dadurch entstanden ist, bewußt sind. ^Wären nicht die Juden gewesen, würde es natürlich1 auch' keine christliche Religion geben, die der abendländischen Kultur ihren Stempel aufgedrückt Hat. Es wäre dann eben eine andere von den Religionen, die dem Christentum zur Zeit des römischen Imperiums Konkurrenz machten, zur herrschenden Religion geworden und hätte sich vermutlich' ebensogut dem jeweils* der wirtschaftlichen Entwicklung entspringenden Bedürfnis1 angepaßt. Es hatte keinen Spinoza und keinen Heine gegeben. Aber haben wir nicht noch viele andere große Philosophen und Dichter, die nicht gelesen werden? Andererseits1 würde es keinen Reitzes? und keinen Benedikt geben, nie hätte ein Erzbischof Kohn von sich reden gemacht, überhaupt wäre uns ein Teil unserer lästigen Zeitgenossen erspart geblieben. Man könnte sich' mit 'dem Gedanken, daß es nie Juden gegeben hatte, recht gut 'abfinden. Aber freilich, wenn es keine Juden gäbe, würde es auch' keine Pogrome geben, es würde keinen Antisemitenbund geben, es wäre überhaupt keine Auszeichnung, ein Arier zu sein. Man könnte den Zorn des Volkes1 über den Kapitalismus, über die Siegfriedler, über die Blockade "Wiens durch die Länder nicht auf das Nebengeleise des Antisemitismus schieben. Der Klerikalismus wäre nie populär, Lueger nie Bürgermeister geworden. Friedrich1 wäre um' sein Regierungsprogramm1 gekommen. Der -„Reichspost'* wurde ihr einziges* schlagendes Argument gegen alles, was ihV nteht paßt, fehlen. Ja. eswürde am' Ende gar keine „Reich'spost" geben. Nein, ohne Juden geht'S doch! nicht!" Das Soll wohl witzig Sein. Indes die Leser der ..Arbeiter-Zeitung" durften dochr auch "die Gedankengänge ergänzen: „Wären nicht Juden gewesen", es' hatte keinen 'Marx, keinen L'aSSälle', keinen Viktor Adler, keinen Friedrich? Adler, keinen T3r. Bauer, Ellenhohen und endlich' keinen Fritz Austerütz gegeben, und es scheint, daß die arische Arbeiterschaft bereits1 So weit ist, auch mit solchen Verlusten sich aussöhnen zu wollen. Denn am Selben Tage", an Welchem die witzig Seinsollende Notiz von den . Redakteuren der „Arbeiter - Zeitunsr" verfaßt wurde, konnte man in der „ReichSpost" leSen: j,Dr. Fritz Aldier vo n den Arbeitslosen ausgepfiffen. Von einem nlchtjüdischen Arbeiterrat wird dem 5,TeIegraf* geschrieben: Vor dem Arbeiterheim^ in Favoriten fand gestern eine Demonstrationsversammlung der /Arbeitslosen statt, in der auch' Fritz Adler das "Worttt