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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-10-03 · 38 (3.10.1919) · p. Seite 512

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
38 (3.10.1919)
Date
1919-10-03
Page
Seite 512 (sequence 4)
Language
German
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Dr, BLOCHS .WOCHENSCHRIFT, 4 Nr. 38 Seite 608 Und gerade das Argument der ge schle cht liehen Zuchtwahl verstößt^ gegen eine mechanistische Erklärung, da doch die Ent- . Scheidung des Weibchens für das schönste unter den Männchen ein psychisches1 Moment darstellt. Der Methode derDeszendenztheoietiker entspräche etwa das Verfahren eines Kunsthistorikers, der einen Atias zur Kunstgeschichte aufschlägt und nun einfach an der Hand der Chronologie ein Kunstwerk aus dem mderen ableiten wollte. Als Arbeitstheorie mag der Entwicklungsgedanke der Naturforschung Dienste leisten. Aber so -wenig wie diese sich1 durch eine splche Aufsteljhing einen dogmatischen Zwang auferlegen läßt, ebensowenig bildet sie Jjür den Bibel-gläubigen einen Grund .zur Beunruhigwng. Sie ist nicht Wissenschaft, sondern Philosophie, ja Gegenstand des Glaubens'. Die Vermengiing dieser Gebiete in populären Schriften mit den obligaten Schlagwprten richtet jene heillose Verwirrung in den Köpfen der Halbgebildeten an, gegen die zu Worte zu kommen, nahezu unmöglich wird. ... (Wird fortgesetzt.) Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. Monarchistische Bolschewisten. Alle antisemitischen Parteien, verkündet triumphierend die christlichsoziale Presse, waren bei ,der antisemitischen Versammlung vor - dem Rathause in . angeblich' imponierender Zahl beteiligt. Diese Behauptung ist unwahr. Die Ausdehnung der Versammflung war recht mäßig, nur der. Radau war verhjältnismäßig groß. Gekommen Waren vor allem eine Menge Mittelschüler, aus. deren romantischen Köpfen niemand jemals' die völkische Art herausbringen wird mit ihren guten und schlechten Seiten und Wirkungen. Ferner waren die. als Offiziere verkleideten Üniversitätsstudenten antisemitischer Kouleur diesem Ehrentag flies Knüppels nicht ferngeblieben. (Als1 ein einziger Zug .Volkswehr seinerzeit in der Universität erschien, waren sie viel kleiner gewesen, aber diesmal waren sie recht stramm und ohrfeigten harmlose Passanten, die des1 Judentums verdächtig waren.) , Ferner hatten die Christlichsozialen ihren kümmerlichen Heerbann an-Arbeitern aufgeboten und außerdem waren die aus der Tsehecho-Slowakei vertriebenen Eisenbahner auf dem Platz. Von diesen Eisenbahnern muß noch etwas Besonderes gesagt werden. Sie beklagen sich furchtbar über die Gewalt, die man ihnen hei ihrer Vertreibung aus; Böhmen und Mähren angetan hat. Nun kommen sie nach Wien, werfen sich' den deutschnatiönalen Antisemiten in die Arme und wollen die gleiche Gewalt, unter der sie selbst gelitten haben, gegen die Juden ausüben.; Alle diese Leute Nvußten wohl nicht, welchen üibeln Drahtziehern sie die Übeln Geschälte besorgjten und für welche Zwecke s,ie sich mißbrauchen ließen. In schöner Vereinigung hatten sich Gjrristtlichsoziale und Deutschnationale zusammengefunden, um 4ie Juden büßen zu lassen, was sie selbst verbrochen "haben. Unsere ~ Bevölkerang hat eine geduldige Sanftmut, die manchmal zum' Verzweifeln, ist, denn* sonst wären die beiden genannten Parteien langst schon weggefegt worden. Wir sagen das nicht, weü sie Antisemitensind, sondern weil sie wirklich Verbrecher an der Menschheit sind. Denn sie waren es doch, welche den Krieg mit allen Sßtfeln herbeiführten, welche vom Schlachten und Morden gar nicht genug bekommen konnten und welche sich zugleich in die Regierung mit dem Ergebnis teilten, daß die Anarchie, Korruption und Plünderung des Volkes", welche sie ausühten, den Umsturz noch schrecklicher machten als er-hätte sein müssen. Eine Zeitiang hat denn auch diese Sippschaft im' Bewußtsein ihrer schweren, Blutschuld sich geduckt und geschwiegen, aber neuerlich hält sie ihre Zeit wieder iür gekommen und ist im Vertrauen auf das schlechte Gedächtnis der Menschen wieder frech geworden. Wohl sagen diese Leute, daß auch die „Arbeiterj- Zeitung" im Jahre 1914 patriotisch geschrieben hat Es ist richtig, daßj diese unter dem harten Druck der Säbemerrschafty- und .da der Krieg nun schon einmal tobte, iiür den Staat und seine Verteidigung eingetreten ist. Aber sie hat wenigstens bis zum ietzten Augenblick gegen den Krieg protestiert, ihn bekämpft und zu. verhindern . gesucht, während die „Reichspost" wie wahnsinnig heulte und in jeder Zeile verlangte,, man möge doch! endlich tde,n Interessen ihrer agrarischen, feudalen und klerikalen Aufijjig-r geber Menschenblut opfern. Der Krieg, den CristHchsozialeri und - Deutschenationalen mit voller Lungenkrait verlangten, begrüß)- - ten v und gar nicht zu Ende gehen lassen wollten, iorderte bekanntlich als erstes Opfer die,,polnischen Juden. Diese mußten unter dem Regen der russischen Granaten ihre Häuser verlassen, wurden dutzendweise massakriert, zu Hunderten beraubt und mußten zu Zehhtausenden unsägliches Leid er.dulderi. Es wäre ihnen vielleicht möglich gewesen, die Russen abzuwarten, ihnen schön zu tun und Djenste zu leisten. Aber bekanntlich! waren die galizischen Juden, gegen di,e man jetzt so leidenschaftlich vorgeht, erklärte. Parteigänger der Zenkaimächte, besonders Oest.er,- reichs, und hatten die Rache der Russen zu. fürchten. Von ihren häutig bereits brennenden .Wohnstätten weg flüchteten sie daher in endlösen Kolonnen, hungerten und kampierten^ bis sie endlich in Vieh^ waggons eingeladen und zum größten Teil in elende Flüchtlingslager, zum kleinsten Teil in die Städte gebracht wurden. Während dies geschah, jubilierten und triumphierten/die.Christlichsozialen und anderen Antiserniten, richteten sich in allen Aemtern und Gesellten häuslich ein und begannen ihren Plünderungszug gegen den Staat, bei welchem die meisten ihrer Anhänger bis zum Bauer hinunter und bis zum Hochfeudalen hinauf, zum wohlhabenden, wenn nicht reichen Mann wurde. Die deutschnationalen Fabrikanten kamen ebenso jeden Tag mit neuen Förderungen iür ihre. Erzeugnisse, wie die Agrarier, für die Produkte ihres Bodens?. Man lese darüber nur die Protokolle verschiedener Ministerien und man wird bald erkennen, wie, hitzig" der Tanz der arischen Antisemiten um das goldene Kalfe gegangen "ist. '■ , Erst viel später kamen auch die Juden zu der Möglichkeit, an diesen Angriffen gegen das Volksvermögen teilzimehmen, Viele von ihnen haben der Versuchung nicht widerstanden und kein einziger von ihnen, der das Gesetz .überschritten hat, soll vor der Strenge dieses Gesetzes bewahrt werden, zumal er nicht nur sich in Gefahr gebracht h,at, sondern das Judentum. Aber kein einziger von den unzähligen Juden, welche nichts verschuldet haben, die noch heute unter Sorgen und Entbehrungen ihr Stückchen Brot verdienen, soll den Treibereien. gewissenloser

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