Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 38 (3.10.1919)
- Date
- 1919-10-03
- Page
- Seite 511 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ßr. BLOCÖS WOCHENSCHRIFT. Seite 60? Ob man nun sagt, in der Genesis selbst (Kap. 2, Vers 4) heiße es ja: „am Tage, da Gott schuf", somit seien die\ sechs Schöpfungstage nicht streng wörtlich' aufzufassen. Oder aber: jeder der Schöpfungs„tage" bedeute einen Aeon, denn tausend Jahre seien, v nach dem Psalmisten, in Gottes Augen wie ein Tag. Oder ob> man die Schrift gegen die Schrift ausspielen iwill, da es' ja sonst.,in der Bibel von Gott heiße: „Er sprach' und es war da" (Psalm 33, 9), somit einen ph'y si sehen Eingriff Gottes bei der Schöpfung, und nun gar mehrere Akte anzunehmen, kein Z|wang vorliege. Auch sei mit dem simultanen Denken, das die Philosophen Gott zuschreiben, ein N a c &e i n a-n d e f der Schöpfungen" nicht vereinbar- All dieses Tüfteln und Deuteln verkennt den, Sinn und Zweck des Schöpfungsberichtes1. Die Absieht dieser Darstellung ist offenbar eine ethische; Es; soll der Woche, dieser siebentägigen Einheit, die durch die Zeit, rollt, eine sittliche Bedeutung gegeben werden. Sechs Tage davon seien der. Arbeit, dem zielbewußten, planvoll eingeteilten, zweckmäßigen Schaffen geweiht. Am siebenten Tage sollst Du „aufatmen"; auch Deinen Diener;,aufatmen" lassen. Die höchste Weihe erhält diese soziale Wohltat dadurch^ daß; Gott selbst am' siebenten Tage „aufatmete" (w a - j i n a f a s c h). Nach diesem einen Worte gravitiert der ganze Schöpfungsbericht. Der physische Kosmos erhält seine „Vollendung"- („wajekhullu") erst durch die Schöpfung des siebenten Tages, d. i. durch die ethische Welt. Mit dem Sabbat als Tag „des Segens1 und der Heiligung", der• leiblichen und geistigen Erholung für Herrn wie Knecht; tritt-der soziale Gedanke in die •Welt; Dieser Tag, vor allem der Pflege .höherer sittlicher Aufgaben gewidmet; sagt an, wozu „die Erde mit allem, was auf ihr", „gut", ja „sehr gut"; wozu sie daist: Der Mensch soll durch die Austührung der sozialen Grundidee" des Sabbats' die „Gottähhtichkeit", in der er geschaffen ist, betätigen, das E r d reich' zu einem G o 11 e s reich gestalten. Der Sabbat ist ein Zeichen des Bundes Gottes mit demN Menschen, der durch die Sabbatheiligung, als Krönung der Arbeitswoche, seinen Beruf verwirklicht, Gottes Bundesgenosse, — um einen talmudischen Ausdruck zu gebrauchen — „Gottes Mitarbeiter in der Schöpfung" und ihrer Ausgestaltung zu, sein. Das Zielbewußte und Planvolle der Schöpfung aber zeigt sich in der Einteilung in sechs Tagewerke, die offenbar einen Aufstieg mit dem Menschen auf oberster Sprosse darstellen.. Allerdings sind diese Schöpfungen streng, jede ^nach ihrer Art", geschieden. Sie alle sind mit Energie, in ihrem Bereich fortzuwirken („laasoth"), begabt. Mit der des Fortschrittes1 aber nur der Mensch. Auch! die Palaeontologie bietet uns eine Aufeinanderfolge der Arten in der Geschichte der Versteinerungen von Tieren und Pflanzen, die man in den verschiedenen ScMchtungen der Erdrinde, vorgefunden hat. In den ältesten Lagerungen wurde bisher keine Spur eines Lebewesens1 entdeckt. Es folgt'dann eine Schicht — das Kambrium —, in der sich alle Tierstämme bis auf die Wirbeltiere vorfinden. "Von Pflanzen hingegen so gut wie keine Spur, was sich übrif gens mit dem Berichte Genesis1, Kap. 2, Vers. 5 ff. verträgt, der bereits die Schöpfung der S eetiere voraus*- setzt, wie ja auch Genesis' 1, 30, die Pflahzenhahrang nur für die Fauna_des Festlandesvbestimmt wird'. Der Talmud (Chullin 60 b) sucht die. Schwierigkeit in dem biblischen Bericht über die Schöpfung der Pflanzen mit dem Gedanken zu lösen, daß am dritten Schöpfungstage die Pflanzen noch nicht an das Tageslicht, sondern nur „bis an die Pforte der EraVV an die Schwelle des wirklichen Daseins gekommen seien. In jenen Tierpetrefakten des Kambriums haben . wir augenscheinlich Reste einer Tiefseefauna vor uns,, die sich' rein animalisch ernährt. Besonders beachtenswert sind unter diesen Funden die Trilobiten, eine Art Krebse, darum, weil ihnen, wie e s Scheint, in dieser Schient die Augen gefehlt haben, während sie in der darauffolgenden Silurperiode mit gut entwickelten Facettenaugen ausgestattet sind. In ihr erscheinen auch die ersten Fische und Land- , pflanzen. In der folgenden Schicht, dem Devon, treten L u n g e n f i s c h' e auf. Sie können sowohl im Wasser' als auch' längere Zeit auf festem Lande leben. Man will hierin den Uebergang von den Fischen zu den Lurchen erblicken. Eine weitere Periode weist die ersten Säugetiere, eine noch spätere den ersten Vogel auf. Der jetzigen 'Erdoberflächenformation ging das quartäre Zeitalter (auch Diluvium genannt), diesem das tertiäre voraus. Im Tertiär haben Vögel und Säugetiere ihre volle Ausbildung gefunden, im Quartär, vielleicht schon im Tertiär, tritt der Mensch auf. Die vielumstrittene Frage ist nun die: Haben wir es hier mit streng geschiedenen, nacheinändei^ geschaffenen Arten zu tun, wie sie uns die bibii1 sehe Schöpfungsgeschichte darstellt? öder haben sie sich eine aus der anderen aufwärts' entwickelt, wie die verschiedenen Deszendenzlehren annehmen? Auch' einen Grandplan will man erkannt haben, nach dem die fortschreitende Differenzierung, durchgeführt sein soll. Als Hinweis darauf werden unter . anderem angeführt; die sogenannten rudimentären Organe, zum Beispiel die verkümmerten Flügel des« Kiwis, die jetzt durchaus überflüssig geworden sind. Ferner die Embryologie, die uns an mancheulei Beispielen iehrt, daß. der Organismus der einen Art in seiner Entwicklung aus dem Keim Organe ablegt, oder verändert, die einer änderen Spezies eigen sind. So, wenn die Larven der Flundern die Augen auf beiden Seiten des Kopfes tragen und erst dann mit der Abspaltung des Leibes ein Auge zum andern wandelt. >-• Häckel geht nun sofort einen kühnen Schritt' noch weiter. Sein „biogenetisches Grundgesetz" behauptet, die Entwicklung des .Keimes eines jeden , Individuums sei eine kurze Wiederholung der Geschichte des ganzen Stammes. In Wirklichkeit haben sich lückenlose paläontologische „Entwicklungs"-Reihen, außer beim Pferdefuß, der Sumpf Schnecke und dem Hirschgeweih, also nur in drei Fällen, überhaupt noch nicht feststellen lassen. -Häckel hilft sich aber sehr Tadikal, indem er einfach, wo der Parallelismus versagt, die fehlenden Glieder — aus seiner Phantasie ergänzt. Zu beachten ist sodann, daß manche Arten seit ihrem ersten Auftreten bis heute sich nicht veitändert haben, und daß die Herkunft eines höheren Typus aus einem bereits fertigen, sich nirgends belegen läßt. Ueberall entsteht aus dem Ovarium eines Individuums nur ein neues derselben Art. Ebenso gewichtige Bedenken erheben sich gegen die Hypothese, daß stets der im Kampf ums Dasein Ueb erlogene die Art fort- und emporgepflanzj habe. Vielleicht sind die Situationsvorteile entscheidender, so wie hex einem Eisenbahnunglück nicht der davonkommt, der kräftiger gebaut ist, sondern der, der auf einem günstigeren Platze saß.