Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-10-03 · 38 (3.10.1919) · p. Seite 510

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
38 (3.10.1919)
Date
1919-10-03
Page
Seite 510 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3022353-3022386--27985-3053433
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 608 Dr. BLOCH'S .WOCJHENS.CfiRJKT Nr. 38 zu Heiden machten, und bei den klassischen Völkern sogar die Attribute der Götter waren-. Und um solcher Versöhnung willen ist dieser Tag groß und furchtbar, ein Tag des Sieges über das niedere MensKMuml Ja, dieser Tag will dich mit deinem Gotte, aeinem Geschick, "will dich mit vdir selber aussöhnen. Gelingen 'kann-das' nur, wenn du dich vorerst mit deinem Bruder und — seinem Geschick aufrichtig versöhnt hasjt. „Was hat dein Leben so verlängert?" wurde ein greiser Lehrer gefragt, und er antwortete: „Ich ließ, jedesmal mit dem Schwinden des Tages auch allen Haß aus meinem Innern schwinden; wie Jener weise Mann, der sein Lager~stets mi.t den Worten bestieg: „Verzeihung allen, die mich heute gekränkt." Aber, der Versöhhungs t ag soll nur das Modell zu einer Versöhhungs ä r a sein. Das Modell ist immer Meiner aus die Ausführung'." Der Versöhnungstag muß uns* verhalten, dazu zu tun, daß einst die Zeit komme, wo Liebe, Frieden und Wahrheit herrschend" sein werden da jeder Gegensatz der Interssen ausgeglichen, jedes Unrecht verschwanden und die Bosheit Jucht mehr sein wird, eine Zeit, die keine Bedrücker und keine Bedrückten, nicht Beleidiger und Beleidigte, nicht Uebermut und'Demütigung kennt, eine Zeit, die der Prophet in die Hyperbel kleidet: Der Wolf {wird mit dem Lamm5 wohnen und; der- Tiger mit der Ziege weiden. Das Modell ist da, daß es ausgeführt werde, auf dem Versöhnungs.- tag mu$"endhch! die Versöhnungs är a folgen. Dieser Glaube an eine Versömiungsäre, der von dem Versöhnungstege seinen Ausgang nimmt, bezieht sich' aber nicht bloß auf den jüdischen Stamm unter sichl „Frohlocke, Tochter_Zions! Juble, Tochter Jerusalems, siehe, er kommt, der Tugend- und Hilfreiche, ausrotten will pt Schlacfolroßi, Kriegswagen und Geschütz, und Frieden kündet er den Völkern", sagt der Prophet in der Stimmung dieses Tages. Er wall die Versohhungsära über alle Welt vorbereiten, die Zeit des Heiles, da jede Zwietracht und Zank und Zwist und Eifersucht und Haß, und Groll und1 Spaltung unter den Menschen schwinde und ein festes, einigendes Band sie alle umseMinge, daß kein Volk über das andere herrsche und befehle; daß es keine Bevorrechteten und Heloten, keine höheren und niedrfc geren; Rassen, keine stolzen und verachteten Nationen geben, sondern alles versöhnt und gleich sein "wird, Der Tag will uns1 in dem Glauben befestigen, daß es nur eine Menschheit gibt und diese zur fortschreitenden Entwicklung bestimmt und auch in derselben begriffen ist, trotz zeitweiligen, erschreckenden Rückganges^ weil ihr Weg im Zickzack geht. Das Endziel dieser Entwicklung hegt aber nach den Propheten in der allgemeinen Gotteserkenntnis', in allgemeiner Herrschaft des Rechtes1 und der Liebe und daher im allgemeinen Frieden zwischen den Völkern und Nationen, zwischen den Rassen und Rer ligiönen. „Die ganze Menschheit ein Bund in AusV Übung des göttlichen Willens"' gilt als letzte Phase der Menschheitentwicklung. — So . will dieser^ Tag, urjüdisch' in seinem Chatrakter, in seinem Gedankeninhalt ohne alle Analogie in der ' Völker- - und -"Religionsgeschichte, die Schranke nationaler Exklusivität durchbrechen, in_eme Welt voll Völkerzwietracht und hadernder Rationen .die Mahnung des Friedens, der Liebe und Gerechtigkeit rufen. Der Inhalt dieses einzigartigen Tages ist vorbildlich' für die gesamte Mission Israels: jener. großen Versöhhungsära des. friedfertigen Zusammenlebens aller Völker, der gegenseitigen Gerechtigkeit aller Menschen, welcher Basse, Sprache und Konfession sie immer angehören, vorzuarbeiten, die Menschheit dem großen Endziele ihrer geistigen und moralischen Entwicklung zuzuführen. Wer sollte für die hohen Gedanken eines „Tages "der Versöhnungen" empfänglicheren Sinnes1 sein als die, welchen das1 größte Verhängnis1 der Menschengeschichte schreckliches'-Erlebnis bildet? Die alle vom Völkerhasse angerichtete grauenhafte Zerstörung und Vernichtung mit eigenen Augen geschaut — der unzählbaren Greuel, der menschenentehrenden, kulturschändenden Grausamkeit Zeugen waren, und. darum nach1 einer Zeit sehnsüchtig aushlicken, welche^ die fluchbeladene Epoche des Krieges abschließt, den dauerhaften Frieden eines1 Völkerbündniss'es . einleitet, das den Unterdrückten Recht, den Schwachen Schutz sichert, eine Völkerversöhnung, die. keinen Sieger noch Besiegte kennt, : nur Menschenb.rüder, Söhne einer geeinten, versöhnten Menschenfamilie. . Das ist der Sinn dieses Tages, der die. Wunden der Vergangenheit heilen, die Schmach' des Bruderkampfes tilgen und „auslöschen" will, und ^Frieden . zuruft den Nahen und Fernen". Denn Gott ist allen gleich nah — allen seinen. Kindern; „warum soll treulos sein Bruder gegen Bruder?". Wie das Judentum vor Jahrtausenden schön einen Teil seines religiösen Inhaltes der Menschenwelt abgegeben, so bewahrt es seinen ganzen Schatz an politischen Idealen auch noch für die Zukunft der Menschheit auf — das ist unser messianiäches Ideal, unsere große Hoffnung. Wir habeneine traditionelle Politik, die auf. die Entwicklung der Menschheit hinarbeitet um die Versöhhungsära der Völker herbeizuführen. Wer . hat zuerst die weite Perspektive der Entwicklung der Völker zu einem großen Ziele eröffnet, wenn nicht die Propheten Israels. Nicht Plato. und Aristoteles und alle ihre Nachfolger in der Staatslehre waren es, sondern der Hirt von Thekoa .ünd der Trauersänger Zions. Nicht die Gesetzgeber der Inder und Perser, die hellenischen Legislatoren, die Verordnung des auf seine Kodizes' so stolzen Roms und kein Sachsenspiegel befahlen Versöhnung der Menschen .und Völker untereinander, sondern das jüdische Gesetzbuch. Und in Erfüllung dieser Mission begehen die Juden alljährlich das Fest des' Joml-Jüppur, das „Fest der Versöhnungen", "an welchem' alle S chränken der Nationalitat und Konfession durchbrachen werden, an Welchem der Gedanke der Völkerverbrüderung über alle Spaltungen und Sonderungen - hinweghebt , und den Geist auf .das letzte Ziel alles menschlichen' Ringens und Schaffens;, auf die" Versöhnung und. Kulturgem'einschaft aller Völker richtet. Möge die von unseren gottbegeisterten Propheten verheißene Zeit endlich herannahen, da alle Völker gemeinsam solchen „Tage der Versöhnungen" aufrichtigen Sinnes und 'freudigen Herzens miteinander als Weltfeiertag begehen. Monistische Märchen, Aus einem Briefweehlsel.. Von Dr. Max Gnrawald.! (Fortsetzung.) Die Stammbäume. Auch' ich, lieberErnst, bin ganz Deiner Meinung; daß man den Buchstaben der Bibel nicht cpiälen soll. Schön ein alter Bischof von Augsburg hat einmal seht weise gewarnt: „Presset nicht zu sehr die Brüste der Schrift, sonst geben sie Blut statt Milch!" Und wieviel Blut-ist um1 ..^solche Buchstaben geflossen! ' "; -'''h . : -

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.