Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 38 (3.10.1919)
- Date
- 1919-10-03
- Page
- Seite 509 (sequence 1)
- Language
- German
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Nummer 88 Dr. Btoclfs jaiirgang ÄAAVi WOCHENSCHRIFT Zentralorgan für die'gesamten Interessen des Judentums Pos ttparkMf eoamt Deutschösterref ch: 810.976 Ungarn: 5.634 Tschecho-Siowak.: 10.976 oooo Redaktion and'Administration: Wien; H/1, Praterstraße 9 Telephon 45.359? »00000000000000» Wien, 3. Oktober 191» Erscheint jeden Freitag Brief-Adresse: Wien, II/l, Praterstraße Nr. § TelegraMM-AdresserBloch's Wochenschrift Wien Bezugspreis: Halbjährig ... 15 Kronen Ganzjährig . 30 Kroneft Einzelexemplare 80 Heiter .V Anzeigest Di» zweimal gespalten* Petltxell» 1» Heller Inhalt: Leitar tikel : Jom-Kipur. —gMonisiische Märcuen. — Vom Jahrmarkt des L e b e n s : Giosuea zur Tagesgeschichte. — Wie steht es um das , jüdische Heim" Palästina? — Verbot aller nationalen Hymnen in Palästina. — Das neue Ehereförmgesetz im tschecho-slowakischen Staate. — Korrespondenzen : Zur Katastrophe der Augenklinik in Jerusalem. — Vermischtes. — Feuilleton: Emils erstes Fasten. — Heilige Trauer. ~ Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Jöm-Kippür* Die Feste eines Volkes' sind Merkzeichen seiner Kultur und seiner historisdhen Entwicklung. Je höher die Stufej welche ein'Volk in seiner Bildung und Crep sittung erreicht hat, um so größer ist die Zahl jener Gedächtnistage, welche den Weg seiner nationalen, politischen- und sozialen Entwicklung bezeichnen. Es ist ein Beweis' von der reichen geschichtlichen Vergangenheit und von der*hohen Kulturstufe des judischen Volkes, daß fest alle seine Feste einen ursprünghoh' nationalen Charakter an sich tragen. Das Pessachfest weist zurück auf die Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft; das Channukäfest auf. den löwenmütigen. Kampf der Makkabäer gegen Antiochlts Eplphanes. üer neunte Tag des Awj und der Fasttag des Gedaljafa! erinnern an die tiefe Demütigung des jüdischen Volkes durch die Bahylonier und die Römer. Das Schewuoth, und Sükkothfest sind soziale Feste, welche in die Zeit der Aussaat und der Ernte fallen; das Rosch-liaschanafest endlich markiert die nationale Zeitrechnung;. Ueberblickt man diese Festtage der Juden, so erscheint <Jie ganze gewaltige Geschichte des jüdischen Volkes aufgerollt;-wir sehen es im Geiste gegen eine Welt in Waffen kämpfen, wir erblicken den ubermü^ seinem ehernen Streitwagen, wir vernehmen die Lästerworte San,- heribs vor den Mauern Jerusalems, wir sehen die Völkerwogen des Nebukadnezar und Titus sich' gegen die Burg 'Zion heranwälzen. Und wir folgen anderseits den Schnittern und .• Winzern," welche, festlich bekränzt, die Erstlinge des Feldes und des Weinstockes zum Heiligtum Hes Herrn emportragen. Nur ein Fest, ein" eihzigesV „am zehinten des siebenten Monates" hebt sich von den übrigen in seiner Besonderheit ab, das heiligste und ernsteste von: allen, der JomJ-Kip'pur. Dieser eine Tag hat keinerlei nationale Bedeutung, . er . wurzelt nicht' in der Geschichte der Juden und mit ihm verbindet sich keine historische Erinnerung an Sieg oder Niederlage. Der Jom'-Kippur ist ein Tag der ganzen Menschheit An ihm tri,tt uns der Mensch losgelöst von allen nationalen und konfessionellen Anschauungen gegenüber, an ihm feiert die reine Huinanitäftslidee ihren gewaltigen Triumph. Es ist das jüdischeste aller Feste, weil es zuf gleich das menschlichste ist. In seiner vollen Reinheit und Abklärung gelangt am jüdischen Versöh|- nungstage der Gedanke der Universalität,.der Gedanke des ewigen Völkerfriedens zum Ausdruck. Durch alle Gebete des Jomi-Kippur gebt die erhabene Vorstellung, daß an diesem Tage der Mensch als Mensch seinem Schöpfer gegenübertritt, durch alle Gebete geht der Gedanke: Versöhnung und Einigung zwischen Gott und dem Menschen, Versöhnung und Einigung zwischen Menschen und Menschen. Ein „großer und furchtbarer Tag", der Tag der Versöhnung, richtiger: der „Tag der Versöhnungen". Und. er wäre auch! weder großl noch furchtbar, wenn er bloßj die eine Versöhnung bezweckte, die Versöhnung des Menschen mit seinem Gotte. Man weiö ja, wie leichit sich der Mensch beredet, ssine Sünden gegen Gott gesühnt zu haben, wie billig sonst derAbilaßi ist Unsere Religion will aber, und zwar vor allem auch die Versöhnung des Menschen mit dem Menfschen für die Sünden gegen Liebe, Duldung unoi Milde, für jeden Groll und Haßf, die sichf in dem schwächen Herzen festgesetzt gegen Gegner im Kampfe ums Dasein, gegen wirkliche Feinde, die uns' Böses zugefügt, gegen Dränger und Bedränger, die unsere Gefühle verletzten, oder unser Empfinden empörten, für die Sünden des Neides und der Mißgunst, de» Stolzes und der Ueberhebung, für den materiellen Schaden, «Jen wir verursacht und für die Tränen, die wir erpreßt — zu solcher Versöhnung gehört Seelengröße und ein Kampf mit den menschlichen Leidenschaften, man muß seine Natur verleugnen und Affekte unterdrücken, die in der Geschichte Heute liegt zur Pränumeration des Biaites ein Erlagschein Mi