Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-09-19 · 37 (19.9.1919) · p. Seite 501

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
37 (19.9.1919)
Date
1919-09-19
Page
Seite 501 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3020846-3022353-3022385--27975-3053422
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 37. ' Dr. BLOCHS WOCHENSCHRIFT. Seite 597 werde. Slonimski trug damals die polnisch-jüdische Tracht. Da er nur vorübergehend .in. Deutschland weilte, sah er sich1 nicht veranlaß^, dietraditio/- nelle Kleidung mit der modernen europäischen zu vertauschen. Allein, vor dem? König '*mochte er doch nicht, so erscheinen. Er s'chaffte sich daher sthleunigst einen schwarzen Geh'ro.ck, weiße Binde und alles andere, was zum' modernen'Menschen gehört, an. Zur bestimmten Zeit erschien er bei Humboldt. Dieser war nicht wenig erstaunt, einen völlig umgewandelten Slonim'ski vor sich zu sehen: „Aber lieber Herr Slonim'ski", sagte er . lächelnd, „was fällt Ihnen denn ein, sich1 zu maskieren? Der König ist gerade auf den Forskihter im Kaftan neugierig." Slo-. nimski mußte nach Hause eilen, den neuen modernen Menschen aus- und den alten Kaftanjiiden wieder anziehen. So wurde vielleicht zum ersten Male ein Kaftanjude von einem1 preußischen König in Privataudienz empfangen. Literatur. KoP nirtre. Die Verlag sh'uchh'andlung Jos. Sehl e s hvg e r, II., Seitenstettengasse 5, hat eine Bearbeitung des K o 1 n i d r e für Klavier, von Professor Josef S u 1 z e r, für ihren Verlag erworben, die vermöge ihrer autentiseben Fassung, wie ihrer klangvollen Wirkung und leichten Spielbarkeit, reges Interesse finden dürfte. Dr, J, Patai.: „JüdisciWe Söhlriften/' Vor kaum Semesterfrist haben "wir an dieser Stelle den Norellenband: ,,Kabbalalt des bekaneten Budapester Schriftsteller und RedakteursPatai besprochen und schon liegen, uns.. zwei neue Bücher von iTitp vor,*) die ersten wohl, und die einzigen jüdischen Inhalts, die während der Terrörze/isur der Eäteregierung die ungarische Presse verließen.. Beide sind wieder Sammelbände: das eine, „Jüdische Schriften" betitelt> enthält 16 publizistische Aufsätze des Verfassers, die — wie er selber meint — „bei ihrem ersten Erscheinen im ungarischen Publikum tiefere, zum1 Teil die öffentliche Meinung umformende Wirkungen gezeitigt hatten"; das 'zweite Büchlein, eine Gedichtssammlung, der Gattin „Edith!, der Liedesquelle" gewidmet. „Die Beleuchtung und Bereinigung der Begriffe" ist —- laut des. Vorworts eigenen "Worten — die. Aufgabe der „Jüdischen Schriften". Und wahrlich, wer diese Abhandlungen, die . zum großen Teile in Patais Monatsrevue »Mult ä Jövö", zum Teil aber in anderen jüdischen Ör- . ganenj. zum Beispiel auch in der „Oesterreichischen ."Wochenschrift" zerstreut erschienen, nun gesammelt und mit Aufmerksamkeit durchliest, erhält nicht" bloß ein sehärfumrissenes1 .polnisches Konterfei des Autors, sondern . auch klare Auffassungen über die so oft mißverstandenen und mitbrachten Losungsworte, wie: Rasse und Religion, Zionismus und Assimilation, Külturautonomie, Konfessionalismus usw. — mit besbnderer Berücksichtigung natürlich der urigarländischen Verhältnisse. Gleich' der erste Aufsatz: -,Jst alles' in Ordnung?", der in fulmmander "Weise die Bilanz der 50 jährigen Judenemanzipation zieht, geht streng und unvoremgenommen mit den Unterlassungssünden sowohl der amtlichen Neologie, als der Orthodoxie ins Gericht und gibt eine Kulturplattform, auf der sich beide Richtungen zu gemeinsamer Arbeit treffen könnten. Mit feiner. Ironie deckt ein „Offenes Schreiben an eine 'judenfeindliche jüdische Dame" die Krebsschäden, der modernen Erziehung auf,;deren Trogramm Patai in einem' anderen Artikel in die drei "Worte zusammenfaßt: Heranbildung von, ehrlichen, jüdischen Menschen. Mehrere Auslassungen befassen . sich1, mit dem' derzeit aktuellsten Problem des Judentums, mit' der Nationalitätenfrage: Obwohl .der Verfasser (auch! der Palästinaarbeit, als einer auf die Schaffung »eines jüdischen Kulturzentrums hin'zielende Tätigkeit seine Sympathie und Mitarbeiterschaft vollauf zuwendet, sieht fer die Bedeutung des Zionismus' doch mehr in der „inneren *) P a t a i Jözsef: Zsidö iräsok. Verlag .Dick Manö, Budapest 1919. Patai Jözsef: Szulamit, lätöda,i&»got'S'-Verlag:' -Dick' Manöj Budapest 1919. . -; Mission", in der Erstarkung des; Gemeinsamkeitsbewuötseins auf Grund der den Juden aller Länder gemeinsamen 'jüdischen Kultur, die selbstredend die Religion ebenso umfaßt, wie die völkische Vergangenheit und Zukunft. Der Assimilation, die eben dieser Zukunftsfreudigkeit entsagt, rückt Patai mit gewichtigen, wissenschaftlichen, Argumenten an den Leib, in einer „Offenen Antwort an Universitätsprofessor Friedrich Riedl", in der er nachweist, daß das Judentum als gesunder Organismus überall stets fremde Kulturen in sich aufgenommen, also assimiliert habe, ohne doch assimiliert worden zu sein. Aus diesem jüdisch-selbstbewußten Standpunkt fließen dann mit Konsequenz seine Ansichten über diverse Tagesfragen, wie die der Bahnenflüchtigen, der „Galizianer", der Juden auf der Bühne, des jüdischen Geistes der modernen hebräischen Literatur usw. Besonders lesenswert sind dann noch die kurzen „Notizen nach der Revolution", die in den fertiggestellten Satz 'zum Schluß sozusagen hineingeschmuggelt wurden und die einerseits die Verantwortung für die „jüdisbhen" Kommunistenführer von seiten desi Judentumes ablehnen, andererseits auch auf sozialistischer Grundlage die Forderung nach Anerkennung neugebildeter Völksgemeinden und hebräischen Schulen^, im Rahmen einer staatlich organisierten jüdischen Kulturautonomie begründet. Erscheint uns Patai in diesen bald aufklarend-propagatorischen, bald überlegen-polemischen Abhandlungen* ala vielseitig gebildeter, ernst denkender, durch und durch jüdischer Kulturmensch, so spiegelt uns das Versbüchlein: Sulamit, siehst du die Flamme? lyrisch das Innenleben eines solchen Mannes1. — Da begegnen wir vor allem den Edithliedern, einer Anzahl von Stimmungsbildern aus dem ehelichen, nein, aus dem geistigen Zusammenleben zweier Persönlichkeiten, die den Beruf in sich fühlen, Priester der wahren 'Menschlichkeit, Neustehöpfer ihre» eigenen Selbsts zu werden. .An Morris Rosenfeld erinnernde, ergreifende Töne entströmen dem Vaterherz beim Anblick des Söhnchens, das er mit Stolz und Andacht, jüdischer Begeisterung und Besorgnis zu den Chänukkalichtern führt: Den heiigen, kleinen Lämpchen trete nah', mein Sehnt Wenn einst ringsum der Trauer Kälte gähnen, Bei meinem Haupt ein einsam Lichtlein flackern wird: "Wirst du für mich dann jüd'sche Gebete fleh'ri, Uralte Psalmenvers*, ob meiner See!, o :i?o!fin~? Den ah Tragödien reichen Werdegang des bis zur Erlösung durch Edith gelangenden Jünglings fühlen wir in den „Strophen ms der Einsamkeit"^ während die Sonette aus meinem Dorfe, die Porträts Vaters! und Mutter» und des Bruders Jomtow mehr genreartig anmuten. Sind all-diese Dokumente persönlichen Erlebnisses — wohl ganz modern in Form und Inhalt — doch reichlich! durchsetzt mit biblischen Anklängen, Bildern und Reminiszenzen, so klingt aus den Versen, die dem großen Geschehen des Krieges1 gewidmet sind, schon fast prophetischer Schmerz und Jesaiassehe Entrüstung ob des Sieges Mammon», der Gewalt und der Gottlosigkeit. Freilich findet der- Verfasser auch Jesaiasschen Trost,, wie in dem herrlichen,- Molses Bolgar gewidmeten Poem:. „Ea wird einst sein4t oder in dum im ganzen Lande bere'ts populären Manischtano- Variation: „Und fragt dein Kind dich morgen'* ... er sieht audh mit seherischem' Blick das endliche „Volksgerfcht" voraus, vor dem jedeandere Leier verstommen müsse, die andere Wahrheiten gesungen habe. Trotzdem kann Patai ob seines Volkes nicht schweigen; der Verszyklusr Juda, mein Volk, enthält einige Perlen echtjüdischer, völkisch durchfühlter, grandios erschauter Poesien, wie sie eben bloß dem hebräischen Poeten eigen sein können. Poet und Publizist, Dichter und Denker, also ein» eigene Einheit: der politisch fühlende und der fühlend politisierende Jude. Aber 'dem heutigen Ungarn tut mehrnot. Das länger als vierteljährige gewaltsame Intervallum jeder jüdisöhen-Oeffentlichkeit, mitfall den schädlichen Folgen kommunistischer Politik und Ideologie, haben nicht bloß das Zusammengehörigkeitsgefühl untergraben, und zu feiger Massenf lucht geführt — auch der prinzipientreuen und -treuesten Judenheit bemächtigte sich eine seelische Depression, eine Energie- und Tatlosigkeit sondergleichen, die int besten Falle Vogelstraußpolitik trieb, falls sie nicht gana in Nihilismus überging. Diesem Uebel muß je eher, je beslämmter gesteuert werden: prineipus obsta? Alle -.wahren Juden müssen sich wieder ihres eigenen -Wertes bewußt werden,; ihre alten Gemeinschaften nicht wie früher, nein, besser und jüdischer aufbauen, organisieren r Hiezu bedarf es4 aber nunmehr nicht bloß „jüdischer Schriften", sondern vor allem jüdischer Tatenl Szekesfehervär, int August 1919. (Stühlweißenburg) Dr. A. Fürst.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.